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Geschichte eines Elchs:Der Riese unter den Rentieren

Illustration aus Gerelchimeg Blackcrane/Jui Er: Der Elch der Ewenken

Ein alter Jäger, der Rentiere züchtet, zieht einen Elch auf, der ihn sein Leben lang, bis zu seinem Tod begleitet.

Von Harald Eggebrecht

Bilderbücher, in denen es um Tier-Mensch-Beziehungen geht, geraten oft ins Niedliche, Kitschige, Sentimentale, literarisch wie illustratorisch. Das Tränendrücken ist da meist nicht fern.

Doch es geht auch anders, wie der mongolische Autor Gerelchimeg Blackcrane und die chinesische Illustratorin Jiu Er mit ihrer Bilderzählung vom "Elch der Ewenken" zeigen. Die Geschichte ist so einfach wie anrührend: Der alte Jäger Gree Shek vom Volk der Rentiere züchtenden Ewenken in der Inneren Mongolei erlegt eine Elchkuh, ohne zu ahnen, dass sie ganz gegen die Jahreszeit schon ein Kalb hat. Das Jungtier traut sich heran und folgt dem bestürzten Jäger ins Lager, der sich nun verantwortlich fühlt und den kleinen Elch, den er Xiao Han nennt, großzieht. Es folgen die Abenteuer des Heranwachsens, des Ungestüms, der Neugier und der unstillbaren Fresslust. Aus dem kleinen, schüchternen Elch wird ein Riese inmitten der Rentiere, er bleibt immer nah bei seinem Menschenfreund, dem er auch ins Tal folgt, als Gree Shek wegen einer Fußverrenkung dorthin ziehen muss. Hier gibt es neue Streiche mit angreifenden Hunden und einem unwiderstehlichen Sack Bohnen. Als Xiao Han von Blähungen geplagt wird, lässt Gree Shek den Armen nicht im Stich. Der Elch wird erwachsen, der Jäger alt und schwach. Gree Shek vertreibt das Tier mit Mühe in die Wildnis, bevor er stirbt. Danach wird der Riesenelch zum Mythos, der das Revier und Grab seines Freundes bewacht.

Der Erzählton von Gerelchimeg Blackcrane bleibt zurückhaltend, geradlinig, manchmal auch lakonisch, wenn es um Tolpatschigkeiten des Jungtiers oder das Fazit eines aufregenden Erlebnisses geht. Jiu Er zeichnet Menschen und Tiere realistisch, ohne sklavisch genau zu werden. Sie entwirft in zarten Graugrüntönen die weiten Waldlandschaften, in denen die Ewenken mit ihren Rentieren ein karges Leben führen. Sie charakterisiert Gree Shek als freundlich-ernsten Graukopf. Ihr Hauptaugenmerk liegt auf dem Elch, von dem Dynamik und Dramatik ausgehen. Er ist die Hauptperson, seinem Großwerden, seinen Unternehmungen folgt die Geschichte ohne Schnörkel und in einem fesselnden, dabei ruhigen Grundtempo. Die Illustrationen wechseln zwischen Detailreichtum in den Totalen und Konzentration aufs Wesentliche in den kleinen Szenen. Manchmal genügen geradezu malerische Bildsequenzen ohne Text zum Fortgang der Geschichte, etwa während der lustigen Blähungsepisode. So entwickelt die Story vom Jäger und von dem Elch einen leisen, doch unwiderstehlichen Sog aus Sympathie und Spannung. Man behält sie in Erinnerung, den Jäger Gree Shek und seinen Elch-Sohn Xiao Han, ohne jede Gefühligkeit. (ab 6 Jahre)

Gerelchimeg Blackcrane: Der Elch der Ewenken. Mit Illustrationen von Jui Er. Aus dem Englischen von Nicola T. Stuart. Jacoby & Stuart 2020. 64 Seiten, 19 Euro.

© SZ vom 26.03.2021
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