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Geschichte:Der Kaiser als Bonapartl

Hier bröselt der Glanz der Mächtigen: Die bayerische Landesausstellung in Ingolstadt zeigt, wie Bayern unter Napoleon gedieh - und wie schrecklich es litt.

Hier reden die Vergessenen, Lorenz Aloys Gerhauser zum Beispiel. Endlich wird er gehört. Neben Napoleon, der wie ein wilder Elefantenbulle durch Europa tobte, um es mit Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu überziehen, neben diesem titanischen Weltveränderer wirkt Gerhauser wie eine Ameise. Natürlich zerquetschte ihn der Gigant, ohne überhaupt Notiz davon zu nehmen. Und genau deswegen ist Gerhauser in der bayerischen Landesausstellung in Ingolstadt ein Held - und Napoleon ist es nicht.

Lorenz Aloys Gerhauser war Gastwirt in Aichach nordöstlich von Augsburg. Wenn Napoleon seine Armee durch Bayern trieb, musste Gerhauser Quartier bieten. Von 1796 bis 1809 schlugen sie viermal auf. Am Ende war er finanziell ruiniert. Aber die Kosten hatte er Tag für Tag, Woche für Woche exakt aufgelistet. Und er hatte aufgeschrieben, wie ihm die Soldaten zusetzten. Ein Faksimile seiner Liste tapeziert einen der Ausstellungsräume im Ingolstädter Schloss. Gerhausers Aufzeichnungen, hier von einem Sprecher aufgenommen, gehören zu den bewegendsten Zeugnissen, mit denen das Haus der bayerischen Geschichte seine Landesausstellung "Napoleon und Bayern" bestreitet. Wo Volkes Stimme klagt, bröselt der Glanz der Mächtigen.

Der große Feldherr und das große Sterben: Jacques-Louis Davids "Bonaparte überquert die Alpen am St. Bernhard", ein Propaganda-Gemälde von 1801.

(Foto: Belvedere, Wien)

Die neue Ausstellung wird dadurch besonders sehenswert, dass Projektleiterin Margot Hamm und ihr Team keine Gelegenheit ausließen, die Auswirkungen von Napoleons Politik aus der Perspektive der Leidenden zu schildern. Der Kriegsversehrten, der Zivilbevölkerung. Ein Taufbuch aus Peiting etwa kündet von einer Frau, die innerhalb von zwei Jahren zweimal vergewaltigt wurde und Kinder bekam - erst von einem österreichischen Soldaten, dann von einem französischen. Der Gastwirt Gerhauser erzählt, wie ihn die Franzosen ausbeuteten, schon zum Frühstück forderten sie "tout de suite vin, Käse, Braten, Wein, Branntwein" und am Abend war ihnen weder Kalbs- noch Schafbraten gut genug, "sondern es wurde immer Geflügel gefordert, mochten nun 3 bis 4 oder 60 und noch mehr Mann" einquartiert gewesen sein. Das bayerische Volk darbte unter den Franzosen, sein Fürst profitierte von ihrem Feldherrn: Unter Napoleon stieg er zum König auf.

Das Haus der bayerischen Geschichte rühmt sich, mit seinen 400 Exponaten übertreffe es alle Vorgängerausstellungen zu diesem Thema. Fast wird die Qualität einzelner Stücke und ihre Aussagekraft von dieser Fülle vor allem an Uniformen und Kriegshelmen erschlagen. Wer etwas Geduld und Zeit aufbringt, wird im dichten napoleonischen Pulverdampf die großartigen Geschichten hinter den Stücken jedoch mühelos entdecken und diesen entscheidenden Jahren der bayerischen Geschichte neue Facetten abgewinnen. Der großartige Katalog unterstützt die Navigation vorzüglich.

Eine historische Anti-Kriegsausstellung: Neben prächtigen Rüstungen wie dieser sind auch durchschossene Mäntel und Amputationswerkzeuge ausgestellt.

(Foto: Bayerisches Armeemuseum/Christian Stoye, Ingolstadt)

In der politischen Sektion zählt ein komplett genervter Kronprinz zu den besten Geschichten. Napoleon und die Frage, wie mit ihm umzugehen sei, war in der Wittelsbacher-Familie äußerst umstritten. Der Vater und Kurfürst Max IV. Joseph schätzte den Korsen sehr, immerhin erwarb er sogar Napoleon-Devotionalien. Die Allianz mit den Franzosen, damit eine Absicherung gegen Begehrlichkeiten der Habsburger und auch sein Königtum erkaufte Max Joseph schließlich, indem er seine Tochter Auguste Amalie Napoleons Stiefsohn Eugène de Beauharnais zur Frau gab. Ludwig wiederum, der Kronprinz, und seine Stiefmutter Karoline hassten Napoleon, den inferioren Emporkömmling. Und sie ließen ihn ihre Aversionen bei jeder Gelegenheit spüren. Ludwig schrieb sogar dem russischen Zaren, wie sehr er die Verbindung seines Vaters zu Frankreich verabscheue. Der Brief war scharf wie ein Degen - aber er wurde abgefangen. Die "Minute exécuté", Ludwigs eigenhändig verfasster Entwurf, ist in Ingolstadt ausgestellt.

In dieser Geschichte steckt Stoff für Romane: Ludwig versuchte allen Ernstes hinter dem Rücken seines Vaters mit der bildhübschen Zarentochter Katharina anzubandeln, die auch Napoleon selbst umwarb. Es ist derselbe Ludwig übrigens, der als älterer Herr wegen einer gewissen Lola Montez die Selbstbeherrschung verlor. Ein Jahr später, 1807, musste Ludwig neben dem ungeliebten Schwiegervater seiner Schwester dann auch noch in die Schlacht ziehen. Dabei hatte Ludwig keinen blassen Schimmer vom Kriegswesen. Einen Dilettanten wie ihn konnte Napoleon nicht brauchen, schon gar nicht als Anführer von 40 000 bayerischen Kämpfern, wie er dem bayerischen König schriftlich mitteilte.

Das "Schöne Bild von Schierling" von General Carl Wilhelm von Heideck, das ein Schlachtfeld nach einem Gefecht Napoleons zeigt.

(Foto: Fritz Wallner, Schierling)

In einem Umfang wie nie zuvor musste Bayern als Partner des kriegslustigen Bonaparte Soldaten rekrutieren. Die Staatsschulden stiegen binnen 16 Jahren von 15 Millionen auf schlappe 200 Millionen Gulden. Immerhin hat Bayern den Franzosen ein modernes Staatswesen zu verdanken. Und es war als erstes Land in Europa vollständig vermessen, auch wenn die bayerischen Beamten den französischen Messspezialisten und deren Metermaß anfangs heftig misstrauten und ihre eigenen Maßstäbe anlegten.

Seit 1805 waren die Untertanen zum Militärdienst verpflichtet. In den Konskriptionslisten wurden viel mehr wehrfähige Männer erfasst, als Napoleon brauchte. Freiwillig meldeten sich wohl die wenigsten, denn als die Kandidaten für die Armee per Los ermittelt wurden, kam es immer wieder zu Aufständen. Viele dieser ausgestellten hölzernen Loskugeln, die aus dem Allgäu stammen, entschieden über Leben und Tod. Für Napoleons Russland-Feldzug stellte Bayern 30 000 Mann. Nur 30 000 von 420 000, aber eine gigantische Menge: Das Haus der bayerischen Geschichte visualisiert die Verhältnisse mit Halma-Figuren. Nur ein Zehntel der 30 000 Bayern überlebte.

Nur eine der Spuren, die der Feldherr im Freistaat hinterließ: ein Stammtischzeichen mit Soldaten und Kanönchen.

(Foto: Haus der Bayerischen Geschichte, Augsburg/Konrad Rainer)

Einzelschicksale illustrieren dieses Debakel - es sind wieder die Vergessenen, die Bayerns Napoleon-Episode so lebensnah schildern: Peter Scheicher aus Haag, Soldat von 1808 bis 1816 und einzigartiger Chronist als Tagebuchautor. "Abgeschnittene Arme und Füße hatte ich auf einen großen Haufen beisammen liegen gesehen und von den Unglücklichen nichts als Jammern und Seufzen gehört", schreibt er von einer Schlacht, "das Schlachtfeld war mit Todten und Sterbenden bedeckt, wie man es noch nie gesehen hat."

Bestechend greifbar ist der Krieg dargestellt. Im Depot des Armeemuseums im Neuen Schloss von Ingolstadt schöpfte das Haus der bayerischen Geschichte aus dem Vollen. All die Kugeln und durchschossenen Mäntel, all die Amputationswerkzeuge der Feldchirurgen und die traurigen Gemälde der abgeräumten Schlachtfelder mit den toten Soldaten und den Pferdekadavern, vor allem aber der apokalyptische Lärm in dem Raum, der alle fünf Minuten mit angeblich authentischem Schlachtengetöse beschallt wird - all das konterkariert das Bild des glorreichen Feldherrn. In der Eigenpropaganda und in der Kriegsverherrlichung war Napoleon ein Meister. Hier zerren ihn seine Opfer vom Schimmel. Es ist, wenn man so will, eine historische Anti-Kriegs-Ausstellung.

Als sich sein König Österreich zuwandte und die Grande Armée schwächelte, dichtete das bayerische Volk Lieder auf Napoleon, den Verlierer: "In Rußland drin hat er si net auskennt, da hat er si sauber sein Rüaßl verbrennt und de Zechan dafreart, da is der groß Mo glei schleunig umkehrt." (In Russland kannte er sich nicht aus, dort verbrannte er sich den Rüssel und seine Zehen erfroren, da kehrte er schnell um). Nur wenige Jahre zuvor setzte es auf Kritik am französischen Kaiser die Todesstrafe. In einer weiteren Strophe des Liedes hat sich das "Bonapartl" in "Moskau den Hintern verbrennt". Drei Lieder aus der napoleonischen Zeit erklingen in einem Raum im letzten Abschnitt der Ausstellung. Sie bilden einen akustischen Kontrast zur Marseillaise am Eingang und zum Schlachtenlärm in der Mitte. Als allerletzte Pointe rufen die Volkssänger Napoleon in sein Exil auf St. Helena hinterher: "Du muaßt jetzt auf Helena Schildkrotn klaubn, des is ja vui gsünder als Länder ausraubn." Napoleon beim Schildkrötensammeln - einen lakonischen Ausdruck für ihre Häme hatten die Bayern schon immer, dazu brauchen sie kein Kabarett.

Napoleon und Bayern. Bayerisches Armeemuseum, Neues Schloss Ingolstadt. Bis 31. Oktober. Katalog 24 Euro.

© SZ vom 30.04.2015

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