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Gertrud Leuteneggers Roman "Späte Gäste":Nachklang der Stimmen

Gertrud Leutenegger

Das Leben ruht in den Erinnerungen: Die Schriftstellerin Gertrud Leutenegger im Jahr 2014.

(Foto: Arne Dedert/picture alliance / dpa)

Eine leuchtende, kühne, schöne Sprache: In Gertrud Leuteneggers Roman "Späte Gäste" wird kein Motiv, keine bildliche Kostbarkeit vergeudet.

Von Hilmar Klute

Seit Jahrzehnten schreibt Gertrud Leutenegger Romane, die man als den jeweils vorherrschenden Tonarten und Themen gegenläufig bezeichnen kann. Selbst wenn sich Leuteneggers Erzählungen an allgemein fassbare Ereignisse koppeln, wie vor zwei Jahren "Panischer Frühling" an den Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull, bewegen sie sich immer auch fort von diesen Ereignissen, zurück zu einer Art Prosagesang, wie man ihn heute selten vernimmt.

Leuteneggers jüngster Roman "Späte Gäste" ist der von einem wilden Erinnerungsstrom unterspülte Monolog einer Frau, die in das Tessiner Dorf zurückkehrt, das sie vor vielen Jahren gemeinsam mit ihrer kleinen Tochter verlassen hatte. Auch den Mann, Orion, hatte sie in dem Ort zurückgelassen, und nun ist der Mann tot, er liegt aufgebahrt in der abgeschlossenen Dorfkapelle. Leutenegger-Leser kennen diesen wilden, so mutig am Gelingen interessierten wie elend an die Glücklosigkeit verlorenen Architekten und Türmebauer aus dem Roman "Pomona" von 2004. Ein vitaler Mann, dessen Kraft und Talente irgendwie ins Leere laufen und der am Ende als beeindruckender Sonderling dem Pfarrer des Ortes mit ständigen Fragen nach der Uhrzeit den letzten Nerv raubt.

Die Frau, sie ist identisch mit der Erzählerin, kommt spätabends in dem Dorf jenseits des Gotthardpasses an. Es bleibt ihr als Übernachtungsmöglichkeit nur das alte Gasthaus am Dorfrand, dessen Türen der verreiste Wirt hat offen stehen lassen und in dessen Inneren sie sich gut genug auskennt, um sich dort zu behelfen und das Interieur, die Deckenverzierungen, das Schattenspiel und die Spiegelungen als Anlässe für hell und schön konturierte Erinnerungsbilder zu nutzen. Wie ein winterliches Schattentheater spielen sich Szenen aus der jüngeren Vergangenheit des Dorfes vor der Erzählerin ab.

Leutenegger lässt ihre Figuren nebeneinander und gegeneinander spielen

Die wilden Faschingsfeiern, von denen sie einige früher schon erlebt hatte, sind irgendwo in dieser Bergnacht zugange. Hin und wieder glaubt sie, ein paar von den müden Feiernden vermummt oder verkleidet in den Sommerstühlen auf der Veranda zu sehen. Gemeinsam mit den über den Gotthardpass gekommenen Migranten, um die sich die Leute im Dorf auf verschwiegene Weise kümmern. Mit Orion hat die Erzählerin ein gemeinsames Kind, das seine ersten Jahre in diesem Dorf verbracht und die ruinösen Ambitionen des Vaters - Orion wollte überall Türme errichten, in New York sogar eine ganze Turmreihe - miterlebt hatte.

Immer wieder lässt Gertrud Leutenegger ihre Figuren nebeneinander und gegeneinander spielen. Hier und da gibt es einen grell aufleuchtenden Schrecken, unfassbare Traurigkeiten und schlimme Schicksalszumutungen, die in diesem Roman wie rasche Alptraumgebilde aufscheinen; wer schnell liest, könnte ihnen beinahe unbeschadet in den Strom dieser ungewöhnlich starken Erzählprosa entkommen: Wie Serafina, die Kellnerin des Gasthauses, mit der Erzählerin im Auto sitzt und ihr erzählt, dass sie einmal ihren Geliebten getroffen und ein ihr anvertrautes Kind allein im Haus gelassen hat. Und wie ihr das lichterloh brennende Mädchen - Alma hat mit dem Kaminfeuer gespielt - entgegenläuft und nicht mehr zu retten ist.

Licht und Dunkelheit spielen wirkliche Rollen in dieser Erzählung, Sonnenstrahlen fallen "still und glanzvoll" in ein Zimmer, und die Taschenlampe wird wie eine Kerze "angezündet". Kein Motiv, keine bildliche Preziose wird vergeudet, dieser Text ist eng gewebt, es dreht sich vieles um den Tod und wie man ihn sich vom Leib hält, ohne ihm seine Würde zu nehmen. Einmal finden Mutter und Kind eine vertrocknete Eidechse hinter einem Regal. Allein in der Weise, wie Leutenegger den Kadaver gegen das Licht hält, zeigt sich die empathische Kraft ihres Erzählens: "Die Augen waren noch geöffnet, die wohl im Todeskampf emporgereckten Händchen hatten etwas so Flehendes, daß das Kind in Schluchzen ausbrach."

Die Erzählerin bleibt in einem Zwischenreich aus Erinnerungen

Gertrud Leutenegger arrangiert den Nachklang der Stimmen, das Herumschleichen der Schatten und die Nöte der gegenwärtigen Welt zu einer allegorischen Erzählung, die manchmal wie ein poetisches Hilfegesuch an die reale Welt erscheint: "Meine Kraft, mit Wörtern als einer lebendigen Wirklichkeit zu leben, kehrte sich gegen mich", heißt es einmal. Dies umso mehr als es immerhin - neben Serafina - eine weitere zupackende Figur in dieser Geschichte gibt. Das ist der Wirt, der beobachtet hat, wie die Bewohner der Küstenstadt Pozzallo bei aller Fürsorge für die Flüchtlinge deren an den Strand geschwemmte Kleider nicht anzufassen wagen.

Der Wirt dagegen erinnert sich, dass in seiner Heimatstadt Modica sehr viele Häuser leer stehen, und er kümmert sich darum, dass dort die Migranten unterkommen. Die Erzählerin, die um all dies weiß, bleibt unterdessen in ihrem Zwischenreich aus Erinnerungen und Deckenfresken, die sie manchmal mit der Handytaschenlampe anstrahlt, um aus den dort oben gesichteten Tierfiguren wieder neues Material für ihre nächtlichen Traumfilme zu gewinnen. So verpuppt, so eingeschlossen in die Räume, die wir selbst mit unseren Gedanken und Erinnerungen bespielen müssen, sind wir ja auch seit geraumer Weile.

Gertrud Leutenegger: Späte Gäste. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 175 Seiten, 22 Euro.

Gertrud Leutenegger leuchtet mit ihrer so kühnen und schönen Sprache, mit raffinierten Überblendungen und bald filmischen Sequenzen das ganze Angsttheater unserer Gegenwart aus. Wir wissen, dass schlimme Dinge passieren, und wir wissen auch, dass wir sterben müssen, aber wir können uns immer noch etwas vorzaubern mit dem, was wir Erinnerung nennen. "Daß man an so viel Stille erwachen kann, ich wußte es nicht", sagt die Erzählerin irgendwann so gegen Morgen, da läuten schon die Glocken für den toten Orion.

© SZ/fxs
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