"German Pop" in der Frankfurter Schirn:Ein Hauch von Revolution

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Trotzdem ist mit der Materialbasis das zentrale Problem der Ausstellung auch schon benannt. So sympathisch ihr Ansatz sein mag, anhand von 35 Künstlern nicht nur mit den großen Namen punkten zu wollen, sondern an der Basis eine "Archäologie des Jahrzehnts" zu versuchen: Sie kriegt einfach nicht genug überzeugende Bilder zusammen, um die Behauptung einer relevanten deutschen Pop-Art zu unterfüttern. Weshalb auch ihre Gliederung bieder bleibt, der zufolge vor allem in Düsseldorf, Frankfurt, Berlin und München à la Pop-Art gemalt, collagiert, gefilmt wurde. Außerhalb dieser angeblichen Zentren und schon gar in den eigentlichen Brutstätten der Pop-Art, in London und New York, dürfte es herzlich egal sein, ob dieses oder jenes Bild hier oder dort das Atelier verlassen hat. Indem die Schau den Pop aus Deutschland in Regionen aufteilt, provinzialisiert sie ihn ungewollt, aber gnadenlos.

Immerhin lässt sie erahnen, dass sich mehr aus ihr machen ließe. So teilen die überzeugenden Arbeiten spontan mit, warum die Pop-Art so umwälzende Folgen haben konnte. Der "US-Pop" zeichnet sich ja nicht vorrangig dadurch aus, dass er "cool", "knackig-frisch", "glamourös" oder "ungebrochen optimistisch" wäre, wie es im Katalog heißt. Vielmehr hat er das Verhältnis zu Fotografie und Massenmedien in der Kunst revolutioniert, die Reproduktion des Bildes zum Inhalt seiner selbst gemacht und mit seiner Ironie und seinem Zynismus die Wertbegriffe der Kunst ausgehöhlt.

"Cape" von Thomas Bayrle

Wasser-, aber nicht blickdicht: Die Schaufensterpuppen von Thomas Bayrle tragen transparente Regenmäntel.

(Foto: dpa)

Weniger Künstler mit mehr Arbeiten wären besser gewesen

Das haben in Deutschland nur wenige so klar gesehen wie Peter Roehr. Niemand ließ Warenfetischismus und Werbung visuell so bestechend im Raster aufgehen wie die 1968 im Alter von 24 Jahren gestorbene Frankfurter Künstlerlegende. Der junge Thomas Bayrle tapezierte, ebenfalls in Frankfurt, Wand und Boden mit einem Schuh-Muster und ließ Schaufensterpuppen mit Regenmänteln posieren; in einer anderen Arbeit rekonstruierte er das Ornament der Masse auf dem Gelände des Reichsparteitags in Nürnberg in einem Schaukasten, vor dem sich ein Arm mit Hakenkreuz erhebt; er filtert damit die Widersprüchlichkeit des Wirtschaftswunders heraus. Wolf Vostell ließ einen B-52-Bomber Lippenstifte auf die Erde regnen. Ferdinand Kriwet schnipselte, ebenso faszinierend wie befremdend, in einer hektischen Film-Ton-Collage Impressionen aus New York zusammen. Die kleine Auswahl belegt: Weniger Künstler mit mehr Arbeiten zu zeigen, wäre in Frankfurt wohl ergiebiger gewesen.

So bleibt "German Pop" eine jener Ausstellungen, die man eben mal gemacht haben kann. Aber auch besser hätte machen können. Wer nach dem Besuch der Schau ins benachbarte Museum für Moderne Kunst geht und dort Warhol und Lichtenstein sieht, atmet durch. Das ist Pop-Art.

German Pop. Schirn Kunsthalle Frankfurt: Bis 8. Februar 2015. Katalog (Verlag der Buchhandlung Walther König) 48 Euro. www.schirn.de

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