Süddeutsche Zeitung

"German Pop" in der Frankfurter Schirn:Ungewollt provinziell

Lesezeit: 4 min

Pop-Art gab es in Deutschland dank einiger guter Künstler tatsächlich. Aber man müsste sie anders zeigen als die "German Pop" in der Frankfurter Schirn. So überzeugen vor allem Lippenstifte und Hakenkreuze.

Von Georg Imdahl, Frankfurt

Es gibt Ausstellungen, bei denen schon der Titel suggeriert, es hätte sie eigentlich schon längst mal geben sollen. "German Pop" in der Schirn Kunsthalle Frankfurt ist so eine Schau. Egal, dass in den letzten Jahren diverse Museen auf Spurensuche gegangen sind, um vergessene Künstler und einst ignorierte Künstlerinnen wiederzuentdecken oder ganze Ausstellungen aus den frühen Sechzigerjahren zu rekonstruieren - erst mit dem englischen Label kommt dieses deutsche Phänomen publikumswirksam auf die Tagesordnung. Typisch clevere Schirn, denkt man: Der hochtourigen Ausstellungsmaschine gelingt es eben immer wieder, eigene Marken zu produzieren.

Der ganze Mist des Alltags

Doch in diesem Fall hat sich nicht etwa die Schirn den griffigen Titel einfallen lassen, er findet sich schon 1963 in der Bemerkung eines unbekannten Malers namens Gerhard Richter. Der propagierte damals mit Mitstreitern im Rheinland einen fröhlichen "Kapitalistischen Realismus" und rief Amerika selbstbewusst zu, die Pop-Art sei dort ja wohl nicht allein erfunden worden; sie sei für ihn auch "kein Importartikel". Richter war aus der DDR in den Westen gekommen, er hatte noch den sozialistischen Realismus praktiziert und malte nun in Düsseldorf Bilder, für die er Worte ins Spiel brachte wie Junk-Culture, Naturalismus und eben - German Pop. Da er dies kundtat, kam er soeben von einem heute legendären Fluxus-Event in der Kunstakademie Düsseldorf und ließ sich von dessen "Freiheitsimpuls" anstecken.

Ganz ähnliche Vokabeln hatte schon 1959 Claes Oldenburg über die "popular culture" notiert, er verstand darunter die Stadt, den Lärm, den Dreck, also Junk, und wollte eine Kunst, die sich "auf den ganzen Mist des Alltags einlässt und doch gewinnt". Der junge Oldenburg war da soeben in den Bann des New Yorker Happening geraten, das dem europäischen Fluxus vorangegangen war: Auch hier machte die Verschmelzung von Kunst und Leben in der Aktion den besonderen Kick aus.

Pop-Art war definitiv ein Import aus den USA. Wichtig ist, was hier die Künstler daraus machten

Wenn die Ausstellung "German Pop" eines ganz deutlich demonstriert, dann dies: Pop-Art in Deutschland war definitiv ein Import. Was die Bedeutung der frühen Arbeiten von Richter, Sigmar Polke, Konrad Fischer-Lueg nicht im Geringsten schmälert. Es kam nur darauf an, was die Künstler daraus machten: ob sie im Mittelmaß steckenblieben wie beträchtlich viele Künstler der Frankfurter Schau - oder eben eigenes Kapital daraus schlagen konnten. Der Ertrag konnte nur nachhaltig sein, wenn Pop-Art mehr sein sollte als eine Umarmung des Alltags in all seiner Banalität. Die Frau, die sich entkleidet und ihre Unterwäsche dem Blick preisgibt oder das Damenhaupt mit Lockenwickler; allerlei futuristische Fabelwesen mit Hosenträgern; stilisierte Figuren mit Kreis und Landschaft als Kopf und Bauch oder Fußballfans im Zerrspiegel sind Sujets von Künstlern, deren Werke man hier nicht dem Vergessen entreißen müsste.

Auch dann nicht, wenn sie, gut gemeint, als Collagen gegen Krieg und Konsum aufbegehren. Es gibt Ausnahmen wie die Stillleben mit aufblasbaren Fröschen, Enten und Seepferdchen von Christa Dichgans. Sie sind motivisch so dreist, ja dummdreist, dass sie tatsächlich noch immer provozieren. Das will etwas heißen. Regelrecht postmodern.

Ein Hauch von Revolution

Trotzdem ist mit der Materialbasis das zentrale Problem der Ausstellung auch schon benannt. So sympathisch ihr Ansatz sein mag, anhand von 35 Künstlern nicht nur mit den großen Namen punkten zu wollen, sondern an der Basis eine "Archäologie des Jahrzehnts" zu versuchen: Sie kriegt einfach nicht genug überzeugende Bilder zusammen, um die Behauptung einer relevanten deutschen Pop-Art zu unterfüttern. Weshalb auch ihre Gliederung bieder bleibt, der zufolge vor allem in Düsseldorf, Frankfurt, Berlin und München à la Pop-Art gemalt, collagiert, gefilmt wurde. Außerhalb dieser angeblichen Zentren und schon gar in den eigentlichen Brutstätten der Pop-Art, in London und New York, dürfte es herzlich egal sein, ob dieses oder jenes Bild hier oder dort das Atelier verlassen hat. Indem die Schau den Pop aus Deutschland in Regionen aufteilt, provinzialisiert sie ihn ungewollt, aber gnadenlos.

Immerhin lässt sie erahnen, dass sich mehr aus ihr machen ließe. So teilen die überzeugenden Arbeiten spontan mit, warum die Pop-Art so umwälzende Folgen haben konnte. Der "US-Pop" zeichnet sich ja nicht vorrangig dadurch aus, dass er "cool", "knackig-frisch", "glamourös" oder "ungebrochen optimistisch" wäre, wie es im Katalog heißt. Vielmehr hat er das Verhältnis zu Fotografie und Massenmedien in der Kunst revolutioniert, die Reproduktion des Bildes zum Inhalt seiner selbst gemacht und mit seiner Ironie und seinem Zynismus die Wertbegriffe der Kunst ausgehöhlt.

Weniger Künstler mit mehr Arbeiten wären besser gewesen

Das haben in Deutschland nur wenige so klar gesehen wie Peter Roehr. Niemand ließ Warenfetischismus und Werbung visuell so bestechend im Raster aufgehen wie die 1968 im Alter von 24 Jahren gestorbene Frankfurter Künstlerlegende. Der junge Thomas Bayrle tapezierte, ebenfalls in Frankfurt, Wand und Boden mit einem Schuh-Muster und ließ Schaufensterpuppen mit Regenmänteln posieren; in einer anderen Arbeit rekonstruierte er das Ornament der Masse auf dem Gelände des Reichsparteitags in Nürnberg in einem Schaukasten, vor dem sich ein Arm mit Hakenkreuz erhebt; er filtert damit die Widersprüchlichkeit des Wirtschaftswunders heraus. Wolf Vostell ließ einen B-52-Bomber Lippenstifte auf die Erde regnen. Ferdinand Kriwet schnipselte, ebenso faszinierend wie befremdend, in einer hektischen Film-Ton-Collage Impressionen aus New York zusammen. Die kleine Auswahl belegt: Weniger Künstler mit mehr Arbeiten zu zeigen, wäre in Frankfurt wohl ergiebiger gewesen.

So bleibt "German Pop" eine jener Ausstellungen, die man eben mal gemacht haben kann. Aber auch besser hätte machen können. Wer nach dem Besuch der Schau ins benachbarte Museum für Moderne Kunst geht und dort Warhol und Lichtenstein sieht, atmet durch. Das ist Pop-Art.

German Pop. Schirn Kunsthalle Frankfurt: Bis 8. Februar 2015. Katalog (Verlag der Buchhandlung Walther König) 48 Euro. www.schirn.de

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2211753
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 10.11.2014/danl
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.