Klassik:Prinzipienfester Charakter

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Klassik: Der ehemalige Thomaskantor Georg Christoph Biller war der sechzehnte auf diesem Posten nach Johann Sebastian Bach.

Der ehemalige Thomaskantor Georg Christoph Biller war der sechzehnte auf diesem Posten nach Johann Sebastian Bach.

(Foto: Peter Endig/dpa)

Der langjährige Thomaskantor Georg Christoph Biller ist mit 66 Jahren gestorben. Er ließ sich nie von oberflächlichen gesellschaftlichen Entwicklungen beirren.

Von Helmut Mauró

So schwierig sich seine Amtszeit mitunter gestaltete, so nachhaltig erscheint sein Wirken im Rückblick. Georg Christoph Biller stellte den legendären Leipziger Thomanerchor in Zeiten der Wendewirren neu auf. Als er 1992 das Amt als 16. Thomaskantor nach Johann Sebastian Bach übernahm, hatten die Menschen in den neuen Bundesländern anderes im Sinn als die Fortführung eines wenngleich einzigartigen musikalischen Erbes. Biller unterwarf sich nicht dem Zeitgeist, orientierte den Chor programmatisch nicht neu, sondern konzentrierte sich vor allem auf seinen Vorgänger Bach. Er führte dessen Kirchenkantaten entsprechend ihrer ursprünglichen inhaltlichen Bindung an das Kirchenjahr wieder regelmäßig auf.

Schon damals zeigte sich Biller als prinzipienfester Charakter, der sich im Sturm des geistig-moralischen Umbruchs nicht von oberflächlichen gesellschaftlichen Entwicklungen beirren ließ. Während andere Chöre um Nachwuchs bangten, konnten die Thomaner nach relativ kurzer Zeit der Abwanderung und des Desinteresses wieder an Attraktivität zulegen und die nächste Generation für sich gewinnen. Biller, 1955 als Pfarrerssohn im sächsisch-anhaltischen Nebra geboren, sang selber unter den legendären Thomaskantoren Erhard Mauersberger und Hans-Joachim Rotzsch. Vielleicht hat er schon damals verstanden, und das ist auch unter Musikprofis eher selten, was den besonderen Klang eines Knabenchores im Unterschied zu einem gewöhnlichen Kinderchor ausmacht, und wie dieser Klang zu erreichen ist. Das Stimmbildungsteam der Thomaner hat da zusammen mit Biller große Wiederaufbauarbeit geleistet. Solch ein Wissen geht mitunter auch verloren und muss dann - bestenfalls - in mühsamer Überzeugungsarbeit erst wieder praktizierend hergestellt werden.

Das richtige Tempo für Bach? Biller hatte immer das Gefühl dafür

Selbst eine 800-jährige Tradition wie die des Thomaschores aber ist keine Garantie für gesichertes Wissen und gleichbleibende Qualität. Man braucht dafür theoretisch und praktisch versierte Musiker, die zugleich außergewöhnlich begabte Pädagogen sind. Die bei allen Knabenchören nach und nach umgesetzte Neuerung, den Frauenanteil unter den Pädagogen zu erhöhen, hat zwar andere als musikalische Beweggründe, wurde aber auch bei den Thomanern umgesetzt. Solche gesellschaftlichen Veränderungen sind nicht unbedingt künstlerische Verbesserungen, und Billers Fixpunkt blieb die optimale Umsetzung der Bach'schen Musik, die er allerdings, soweit das unter den Leipziger Gegebenheiten möglich ist, im Sinne der historischen Aufführungspraxis durchaus verändern wollte. Man merkt das an manchen Stellen seiner zahlreichen Aufnahmen mit dem Thomanerchor, an denen er die Orchestermusiker aus dem ruhigen Fluss der Musik ausbrechen lässt und sie auch zu individueller Klanggestaltung anstachelt.

Die Basis seines musikalischen Verständnisses, das von der Gregorianik bis - auch mit eigenen Kompositionen - in die Moderne reichte, blieb dabei immer die Nähe zum ursprünglichen ästhetischen Konzept eines Werkes. Damit ist einerseits der Rahmen eigener Gestaltung abgesteckt, andererseits auch eine stabile Grundlage gegeben, jenseits schillernder und reizvoller Effekt-Oberflächen maximale Tiefenwirkung zu erreichen. Biller schien immer das richtige Tempo für Bach zu haben, und die unaufgeregte Klangentfaltung gemahnte weniger an protestantische Zurückhaltung denn an inspirierte Überzeugungsarbeit.

Allerdings: Wirklich überzeugend war er in der Rolle des Felsens in der Brandung mehr in seiner Funktion als Thomaskantor denn als Mensch. Und je mehr sich, zumal krankheitsbedingt, seine Zerbrechlichkeit offenbarte, desto entschlossener wirkte er, der Unbill des irdischen Daseins einen künstlerischen Willen entgegenzusetzen. Und als es zeitweise gar nicht mehr ging, konnte er sich auf seinen Vertreter Gotthold Schwarz verlassen, der ihm schließlich nach seinem vorzeitigen Abschied 2015 als Kantor nachfolgte. Nach langer schwerer Krankheit ist Georg Christoph Biller am Donnersag, 27.Januar, im Alter von 66 Jahren in Leipzig gestorben.

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