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Geigerin Janine Jansen:"Ich brauche den Kontakt zum Publikum"

Violinvirtuosin mit Hang zur Moderne: Janine Jansen.

(Foto: Harald Hoffmann/Decca)

Vom Reiz des Augenblicks: Die Violinvirtuosin über ihre Freude an modernen Stücken und die Magie von Live-Konzerten.

Sie ist eine der erfolgreichsten, mitreißendsten Geigerinnen der Gegenwart. Die niederländische Violinvirtuosin Janine Jansen, Jahrgang 1978 und schon früh mit Preisen bedacht, ist weltweit unterwegs mit den bekannten klassischen und romantischen Violinkonzerten, hat aber auch eine große Neugier für die Moderne. In der laufenden Konzertsaison ist Janine Jansen A rtist in residence der Münchner Philharmoniker. Mit diesen spielte sie die Konzerte von Johannes Brahms und das zweite von Dmitri Schostakowitsch, am kommenden Montag folgt das erste von Karol Szymanowski.

SZ: Sie haben schon viele große Violinkonzerte aufgenommen: Bach, Beethoven, Bruch, Mendelssohn, Tschaikowsky, Prokofjew. Was bleibt noch?

Janine Jansen: Einige der gängigen, ja. Und auch weniger bekannte wie die von Benjamin Britten, und auf meiner neuen CD das erste Violinkonzert von Béla Bartók. Aber es gibt noch so viel mehr.

Wie angenehm oder wie schwierig ist es, das etwas exotischere Klassik-Repertoire bei Agenten und Publikum durchzusetzen, insbesondere die Moderne?

Es ist gar nicht so kompliziert. Ich bin inzwischen in der glücklichen Lage, dass ich auch ungewöhnlichere Programme durchsetzen kann. Am Beginn einer Karriere ist das natürlich schwieriger. Da hat man nur selten die Chance, selber ein Werk abseits des Mainstreams vorzuschlagen. Aber ich kann mich auch hier nicht beschweren. Ich spiele auch die großen Konzerte von Max Bruch oder Mendelssohn sehr gerne. Aber es genügt mir halt nicht.

Kann man anhand der Programmzettel erkennen, wie ein Künstler gestrickt ist?

Natürlich zeigt es etwas von der Persönlichkeit des Musikers, was er sich aussucht, vor einem Publikum zu spielen. Wo er sich sicher fühlt, was ihn reizt, worin er sich selber wiederfindet. Mir war es immer wichtig, mein Repertoire möglichst breit zu fächern und nicht auf eine Epoche oder Stilrichtung festgelegt zu sein. Und auch wenn ich nicht alles von Anfang an öffentlich spielen konnte, so habe ich doch im Bereich der Kammermusik allerlei Nebenwege erkundet und sehr viel zeitgenössische Musik gespielt.

Empfinden Sie dies als Pflicht oder zeigen sie gerne die Vielfalt Ihres künstlerischen Charakters?

Mir gefällt das. Es hält mich frisch und inspiriert. Und ich stelle auch fest, obwohl die Konzertveranstalter manchmal sehr ängstlich sind und um den Kartenverkauf bangen, dass es vom Publikum durchaus geschätzt wird, wenn man mal etwas anderes spielt als das, was gemeinhin so erwartet wird. Ich denke, ich habe da auch immer eine gute Mischung. Und ich liebe es einfach, sehr unterschiedliche Stücke zu spielen und auch das Publikum mit auf die Reise zu nehmen. Gott sei Dank habe ich inzwischen ein Publikum, das wegen mir kommt und nicht, um immer nur die berühmtesten Violinkonzerte zu hören.

Einen Moment, ich frage mal, ob man nicht die Hintergrundmusik hier leiser drehen kann. Stört Sie die nicht?

Ich finde es besonders für Musiker immer sehr irritierend, wenn man mit Klangeindrücken belästigt wird, die man dann irgendwie ausblenden muss. Man ist ja gewohnt, sich auf Musik zu konzentrieren und nicht darauf, sie abzuwehren.

Vielleicht muss man den Musikbegriff auch wieder einmal neu definieren.

Nein, das finde ich gar nicht. Musik ist Musik. Jedem gefällt etwas anders. Ich habe letztes Jahr ein Violinkonzert von Michel van der Aa in Amsterdam uraufgeführt. Das hat viel Freude gemacht; ich würde gerne jedes Jahr ein Konzert uraufführen.

Manchmal hat man ja den Eindruck, so ein neues Stück mache den Musikern einen Heidenspaß beim Spielen, und das Publikum runzelt die Stirn. Bestenfalls. Wie empfinden Sie das von der Bühne aus? Gibt es auch die umgekehrte Situation?

Bevor ich ein Stück akzeptiere, treffe ich den Komponisten, schaue mir seine Werke an, trete in eine Beziehung mit ihm und seiner Arbeit. Und wenn sich dann eine Verbindung von meinem Musikverständnis zu seiner musikalischen Sprache ergibt, dann ist in der Regel schon alles gut. Natürlich ist man nicht von Anfang an in einem neuen Stück so tief drin, dass man mit allem Verständnis und mit Emotionen dabei ist. Erst muss man es sich technisch zurechtlegen und erarbeiten. Oft ist man dann Teil des Schaffensprozesses und bekommt vom ersten Satz ein paar Seiten und noch zwei vom zweiten, und so entwickelt man sich mit dem entstehenden Werk mit. Das ist eigentlich am schönsten.

Haben Sie auch mal Änderungswünsche vorgebracht?

Nein, denn ich bin nicht der Komponist. Mich interessiert, was er sich vorstellt an Klang. Manchmal werde ich gefragt, ob diese oder jene Stelle spielbar sei, aber selbst dann denke ich, der Komponist sollte nicht so schreiben, wie es mir passt, sondern was er im Kopf hat. Auch wenn es spieltechnisch knifflig wird: Dann sehe ich das als Herausforderung, nicht als Hindernis.

Alle sagen, mit Plattenaufnahmen wird nichts mehr verdient. Schafft das nun mehr Freiheit bei der Art der Aufnahmen und der Repertoireauswahl oder weniger?

Ich habe den Eindruck, es wird ohnehin alles aufgenommen und irgendwohin gestreamt. Egal, wo man spielt und in welcher Situation. Für mich ist es noch immer am angenehmsten und sinnvollsten, live zu spielen. Ich brauche den Kontakt zum Publikum, die Energie des Publikums, und ich liebe die Magie des Augenblicks. Ich fühle mich da freier, vieles ist möglich, positiv wie negativ. Und das ist auch eigentlich unsere zentrale Aufgabe als Musiker, im Augenblick etwas entstehen zu lassen und mit dem Publikum zu teilen. Deshalb sind auch viele Aufnahmen von mir mehr oder weniger Live-Aufnahmen. Die reine Studioaufnahme ist eher nichts für mich.