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Geiger Hellmut Stern:Ein stiller Held der Versöhnung

HELLMUT STERN A HOLOCAUST SURVIVOR AND BERLIN JEW INTERVIEWED; HELLMUT STERN A HOLOCAUST SURVIVOR AND BERLIN JEW INTERVIEWED
(Foto: Fabrizio Bensch/Reuters)

Es ist die Zeit der stillen Helden, die man in guten Zeiten oft übersieht. Diesmal aber geht es nicht um einen Arzt oder Feuerwehrmann, sondern um einen Musiker, der mit seiner Hartnäckigkeit einen nicht nur diplomatischen Erfolg erzielte, sondern auch ein Stück Menschlichkeitsgeschichte schrieb. Der Geiger Hellmut Stern, der vergangene Woche im Alter von fast 91 Jahren verstarb, brachte es zustande, dass die Berliner Philharmoniker in Israel auftreten konnten. Das deutsche Vorzeigeorchester schlechthin, das auch in der dunkelsten Zeit des Landes nach außen hin Glanz und Glamour zu verbreiten suchte, sollte 1990 auf einer Israel-Tournee unter Leitung von Daniel Barenboim große Symphonik darbieten. Wie war das möglich, wie würde das ausgehen? Es gab massiven Protest in Israel, es gab am Ende aber auch Tränen auf beiden Seiten, und es blieb die Überzeugung, dass Musik über alle Gräben hinweg wirken und diese, wenn nicht zuschütten, so doch überbrücken kann. Hellmut Stern hatte lange gekämpft für diese Begegnung, hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, diese Tournee zu ermöglichen. Er hat sich gegen Rachegefühle und für eine Art Versöhnung entschieden, die mehr war als nur Symbol. Stern steht damit auch für die positive Verbindung von Musik und Politik, für Kunst und Leben. Das hat ihn von Kindheit an geprägt. Mit einer Mischung aus nachträglichem Staunen und Galgenhumor erzählte er Anekdoten aus seiner Jugend. Wie er etwa seinem Vater, einem beflissenen Gesangslehrer, der sich durch und durch als Deutscher verstand, mit allen zugehörigen Tugenden, beim Gesangsunterricht in der Mandschurei übersetzend unter die Arme griff. Stern, 1928 in Berlin geboren, hatte die Pogrome von 1938 in seiner Heimatstadt noch miterlebt, bevor er mit seiner Familie floh und dieser später als Barpianist und Stehgeiger zu überleben half. 1949 gelang die Einreise nach Israel, schließlich in die USA, um am Ende dieser Lebensreise wieder zu den Ursprüngen zu gelangen: nach Berlin, als erster Geiger und Konzertmeister zu den dortigen Philharmonikern, wo eine lange Lebensreise endete und eine neue Mission für ihn begann.

© SZ vom 28.03.2020

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