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Gegenwartsliteratur:Vom Trost der zynischen Komik

Heinz Strunks Erzählungsband "Das Teemännchen" über die maßlose Traurigkeit des Lebens.

Von Ekaterina Kel

Diese bösen, bösen Gedanken. Sie schleichen sich ungefragt in die Gehirnwindungen. Egal, wie moralisch aufrecht man sich wähnt - manchmal ist man einfach angeekelt, frustriert, genervt bis zum Gehtnichtmehr, wenn man seine Mitmenschen beobachtet. Wie hässlich da mancher doch ist, wie dumm, wie rücksichtslos. Die meisten schämen sich für solche Gedanken. Ganz anders Heinz Strunk.

Der Autor begrüßt das Böse in sich, die Aversionen gegen seine Umwelt. Mehr noch, er müsste über sie frohlocken, denn sie füllen ihm seine neue Erzählungssammlung "Das Teemännchen". Strunks Freude darüber, die gehässigen Gedanken frei herauslassen zu können, spürt man in jedem einzelnen Satz. In 50 Kurzgeschichten, manche nur ein paar Zeilen lang, manche ein paar Seiten, lässt er sich aus: über die Dicken, Hässlichen, Dummen, Alten, Einsamen, sexuell Frustrierten. Auch die Dünnen, die Schönen, die Jungen verschont er nicht. Strunk beleidigt sie nicht, oder nicht nur, sondern beschreibt sie so, dass man sie bemitleiden muss. Menschen wie Lutz P., "sein Gesicht ist oft so leer, als wäre er selber nicht darin." Es ist, um es mit Strunks eigenen Worten zu sagen, "das geballte Elend auf einem Haufen".

Der Erschaffer dieser deprimierten Wesen muss wissen, wie sich lähmende Trauer anfühlt. Er sei selbst mit dem Sumpf aus Saufen und Depression vertraut, sagt er in Interviews. Und obwohl er sich daraus befreien konnte, hat er, etwa in dem viel gepriesenen Roman "Der Goldene Handschuh", die Gabe bewiesen, schriftstellerisch wieder in diesen Sumpf einzutauchen. So auch im "Teemännchen", aber dieses Mal nicht in die Untiefen einer einzigen verlorenen Existenz, sondern gleich in derer Dutzende. Strunk zeichnet fragmentartige, winzige Figurenskizzen, aber dafür schaut er umso gnadenloser hin.

Er schnappt sich seine Figuren an ihrer Achillesferse, dort wo sie den Schmerz am wenigsten erwarten und gleichzeitig am meisten befürchten. Er lässt sie baumeln, fuchteln, winseln. Sie sind am Ende ihrer Kräfte, von allen Göttern verlassen, in aussichtslosen Situationen. So schlimm, dass einem beim Lesen übel wird. Weil der Schmerz dieser Strunk'schen Figuren sich auf den Lesenden überträgt und sich zwischen Magen und Kehle einnistet.

Da ist zum Beispiel Anja, die Kellnerin, die nach einer Scheidung in irgendeinem Kleinstädtchen Deutschlands in einer Grillbude anheuert und dort versauert. Bis zum Ende ihrer Tage bleibt sie haften, als hätte jemand ihre Schuhsohlen an dem siffigen Boden festgeklebt, obwohl sie nur übergangsweise bleiben wollte. Sie nimmt das Fatale ihrer Situation an und trägt es wie die Bürde der Ungeliebten und Einsamen.

Strunk versteht es, übertrieben und überzeugend zugleich zu beschreiben: Anjas alternde Haut etwa so eingängig, dass sie sich vor dem geistigen Auge abzeichnet, in aller Hässlichkeit. Er ergötzt sich an einer fiesen Wortwahl, und man lässt sich zu gern darauf ein. Nach der gefühlt hundertsten Beschreibung ihres elendigen Äußeren merkt man dann, wie unfair es eigentlich ist, eine Frau als unbrauchbar zu beschreiben, nur weil sie ihre jugendliche Schönheit verloren hat. Auch bei Strunks anderen Frauenfiguren schimmert ein etablierter Altherrensexismus durch.

Männer kommen bei ihm aber nicht besser weg. Da wäre Niels Peter Runge, obdachlos und eine bemitleidenswerte Existenz. Ein Sozialfall, der eine von Heroin zerfaserte, furchteinflößende Daseinsform angenommen hat. Sein Unglück verwandelt sich in Hass und auch das, was er von seiner Umwelt zurückbekommt, ist Hass, Ekel, Gleichgültigkeit. Durch ein Unglück stürzt er aus dem Fenster und alles, was Strunk dazu einfällt, ist: "Bereits im Moment des Aufpralls war Niels Peter Runge vergessen." Solche Geschichten liest man am besten mit der Haltung des Zynikers.

Weil sich Strunks temporeiche Sätze aber leicht verschlingen lassen und die deprimierenden Lebensbeschreibungen als Faszinosum erstaunlich gut funktionieren, merkt man nicht schnell genug, wenn Strunk ins einfach nur Widerwärtige abrutscht. Ein Mann, der an einem Windrad angebunden langsam stirbt? Gnadenlos wird der Leser mit seinen Schreien konfrontiert. Ein Kleinwüchsiger, der sich selbst im Klo herunterspült? Das Abwegige paart sich da mit dem Abstoßenden. Dort, wo Strunk dann noch eine Note absurder wird, zum Beispiel, wenn der Protagonist sich in einem Hotelzimmer befindet, das alles wie ein schwarzes Loch aufsaugt, sogar den letzten Satz der Geschichte, fühlt man sich an den fatalistischen Irrwitz des lange verkannten russischen Avantgardisten Daniil Charms erinnert.

Muss man an dieser Lektüre verzweifeln? Zum Pessimisten werden, zum Misanthropen und Eskapisten, sich abwenden von der fürchterlichen Welt? Nein, denn Strunk schenkt seinen Lesern seine Sprachfantasie zum Trost. Die Worte gehorchen ihm und vermengen all den Schmerz mit herrlicher Freude über die Ausdrücke. Merkwürdig eigentlich, wie das geht. Man schämt sich für Strunk und sich selbst und gleichzeitig muss man lachen, das ist die Erlösung, die der Autor dem Leser manchmal gönnt.

In gewisser Weise nehmen einem diese Geschichten eine Beichte ab: Man liest sie, schreckt vor ihren Gemeinheiten zurück und muss sich gleichzeitig eingestehen, Ähnliches schon selbst gedacht zu haben. Den Figuren, denen man in diesem Sammelband begegnet, wünscht man eigentlich nur noch, dass sie, wie das titelgebende Teemännchen, "ohne viel Aufhebens auf leisen Sohlen aus der Welt" verschwinden dürfen. Aber nicht, ohne vorher einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Heinz Strunk: Das Teemännchen. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2018. 206 Seiten, 20 Euro.

© SZ vom 31.10.2018

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