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Geburtstag:Mit Leib und Blut

Paul Verhoeven

Der Niederländer in Hollywood – Paul Verhoeven, 2017.

(Foto: Andrea Bracaglia/dpa)

Dem Niederländer Paul Verhoeven gelang, wovon viele seiner Generation nur träumen konnten: der Sprung nach Hollywood. Dort drehte er dann politische Filme, die unpolitisch wirkten. Und umgekehrt. Nun wird der Filmemacher achtzig Jahre alt.

Von Fritz Göttler

Ein Film, der vom Überleben erzählt in einer Welt voller Arschlöcher, sagt Jacques Rivette über Paul Verhoevens "Showgirls" aus dem Jahr 1995. Rivette ist die große, unnahbare Figur der Pariser Nouvelle Vague, er ist selbst als Filmemacher oft ins Kino gegangen und hat sich seinen klaren Blick auch auf die neuen Filme bewahrt. Von der Kritik damals wurde Verhoevens Film gnadenlos verhöhnt, Rivette war einer der ganz wenigen, die ihn liebten, als er in die Kinos kam - die Nouvelle-Vague-Leute haben sich immer starkgemacht für die missachteten, gebashten Filme -, er hat sich dieser intimen Geschichte ganz nah gefühlt, die liebevoll hartnäckig, manchmal auch obsessiv ihren Personen folgte -, ein paar Showgirls in Las Vegas, hinter den Kulissen, vor ihren Schminkspiegeln und an ihren Stangen, die auf eine Karriere hinarbeiten und auf einen Mann. "Der einzige Film aus Las Vegas, der real ist", sagt Rivette, "nehmen Sie mein Wort dafür, von mir, der ich nie einen Fuß in Las Vegas setzte."

Paul Verhoeven, der am 18. Juli 1938 in Amsterdam geboren wurde, hat das geschafft, wovon alle Jungs der Nouvelle Vague träumten, er wurde nach Hollywood geholt, um dort amerikanisches Kino zu machen. Lang hat er sich gesträubt, der erste Ruf kam bereits nach "Türkische Früchte" das war 1973 sein großer Erfolg, ein blonder Junge und ein rothaariges Mädchen, Rutger Hauer und Monique van de Ven, sie ziemlich bürgerlich, manchmal langweilig, manchmal aggressiv, er ein action artist, der auf krachige Schocks aus ist, ein Paar, das die Siebziger pur verkörpert, wie sie sich unweigerlich von '68 entfernen. Es ist Verhoevens erste Femme fatale, die noch ein trauriges Ende findet, zehn Jahre später zieht eine andere dann ungerührt verführerisch ihr Ding durch, Renée Soutendijk in "Der vierte Mann", sphinx- und spinnenhaft, drei Männer hat sie schon hinter sich.

Danach kam der Schritt nach Hollywood, "Flesh + Blood", eine mittelalterliche Parabel, voll mit Rittern, Wegelagerern, Huren, Bräuten und Mönchen und dem, was der Titel lapidar ankündigt (und in dem Momente des christlichen Gottesdienstes anklingen). Das Studio machte das ursprüngliche Konzept kaputt, das Verhoeven noch in den Niederlanden mit seinem Kumpel Gerard Soeteman entwickelt hatte: Die Geschichte von zwei Freunden, die sich plötzlich gezwungen sehen, auf verschiedenen Seiten zu kämpfen - Peckinpahs "Wild Bunch" im Mittelalter, mit Echos von "Ben Hur", den Verhoeven für einen der größten Filme überhaupt hält. Die Freundschaft mit Rutger Hauer, mit dem er lange und gern zusammengearbeitet hatte, ist bei den Dreharbeiten zerbrochen - kurz darauf wurde er ikonisch, als verträumter Replikant in "Blade Runner".

Paul Verhoeven machte erfolgreich politische Filme, die unpolitisch daherkamen, manchmal war es auch umgedreht. Science-Fiction wie "Robocop" und "Total Recall", mit Arnold Schwarzenegger - der amerikanische Rutger Hauer, sagt Verhoeven -, später dann die berüchtigten "Starship Troopers", junge Militärs im todesmutigen Kampf gegen knarzende Riesenschaben von fremden Planeten. Und er führte die Femme fatale totale, die blonde Sharon Stone, die eiskalt mit den Männern spielt in "Basic Instinct". Sein größter Erfolg - Verhoeven zeigt uns, dass er auch Hitchcock kann - auf den Straßen von San Francisco, der "Vertigo"-Stadt. Er mag Klischees, hat Rivette erklärt, es gibt da eine Comic-Strip-Seite bei ihm, nahe an Roy Lichtenstein.

Die Klischees, die Verhoeven in seinen Filmen fabriziert, sind Teil der gesellschaftlichen Wirklichkeit, des niederländischen, amerikanischen und schließlich französischen Bürgertums. "Elle", mit Isabelle Huppert, sein letzter Erfolg, dreht die Vorzeichen von "Basic Instinct" um, ein Katz-und-Maus-Spiel, in dem man nicht weiß, wer eigentlich die Katze ist, der vermummte Vergewaltiger oder die Frau, die er attackiert hat. Paul Verhoeven wird am Mittwoch achtzig Jahre alt.

© SZ vom 18.07.2018

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