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ASMR-Videos:Alles heiter und angenehm

Die "Künstler" der Community sind meist nicht so berühmt wie die professionellen Lieferanten verlässlicher Trigger. Die beliebteste ASMR-Person auf Youtube ist eine russischstämmige Amerikanerin namens Maria. Ihr Channel heißt "GentleWhispering". Sie ist sehr einfallsreich, aber es geht ihr, wie sie mir in einer Mail erklärte, trotz aller Kunstfertigkeit nur um die Erschaffung einer "Märchenwelt", in der alles heiter und angenehm ist.

Aber wenn man tiefer in die ASMR-Szene eindringt, begegnen einem bisweilen so etwas wie Poeten: junge Menschen, die das Genre des Triggervideos mit anderen Ausdrucksformen vermischen, was zu überraschend bewegenden Ergebnissen führt. Da ist etwa Lilium, eine junge Dänin, die manche ihrer Triggervideos als eine Form von Autobiografie gestaltet. Sie zeichnet und kommentiert traumatische Erlebnisse aus ihrer Vergangenheit, reflektiert über ihre Cutting-Neigung, berichtet vom Leben mit ihrer Verlobten Evy.

Normalerweise wäre sie eine von Hunderten sorgenschweren und verstörten Mittzwanzigern, die über ihre Ängste und Unsicherheiten vloggen. Aber das in ihren Videos gleichzeitig stattfindende ASMR-Finetuning, verbunden mit dem realen Schmerz, von dem ihr Leben erfüllt ist, erhebt es in einen Bereich bizarrer, nackter Poesie. Beide Bestandteile, Triggervideo und emotionales Vlog, wären, für sich betrachtet, nichts Besonderes, aber die Kombination trifft und wirkt. Was für eine merkwürdige, an sonst kaum berührte Schubladengriffe in der Seele des Betrachters rührende Geste, diese vielen fürsorglichen Videos zu basteln ("für uns"), wenn doch die Urheberin derselben viel mehr Trost zu brauchen scheint als wir.

Leute beim stückchenweisen Zusammenleimen ihrer Persönlichkeit

Andere ASMR-Menschen sprechen über Selbstverletzung, über ihre Borderlinestörung, über erlittene sexuelle Gewalt, und ordnen währenddessen Büroklammern auf einer Tischplatte. Fast hat man das Gefühl, Leute beim stückchenweisen Zusammenleimen ihrer Persönlichkeit zu beobachten. Eine Frau namens Kara berichtet auf ihrem Youtubekanal "asmrnovastar" sogar im ASMR-Stil über einen wenige Wochen davor erfolgten Selbstmordversuch, seit dem sie querschnittgelähmt ist.

Und dann ist da der David Lynch des ASMR: Ephemeral Rift. Seine Videos sind surreale Kunstwerke. In einem kümmert er sich, verkleidet als geschnäbelter Pestdoktor, liebevoll um eine Wassermelone, die an Schlaflosigkeit leidet. Er verwendet eine Reihe von Techniken, um die Wassermelone zu beruhigen. Er interviewt sie, flüsternd. Er streicht mit einem Pinsel über ihre Haut. Er betastet sie vorsichtig mit seiner Schnabelspitze. Am Ende zerschneidet er sie und isst sie auf.

Das Video verursachte bei mir intensive ASMR-Entladungen. Das Wühlen in seinem ledernen Arztköfferchen, die Pinselgeräusche, sein konzentriertes Flüstern. Perfekt. Gleichzeitig ist es eines der sonderbarsten Dinge, die ich je gesehen habe. Ich saß eine Stunde davor, tief im ASMR-Tunnel, und hatte das Gefühl, etwas über mich selbst erzählt zu bekommen. Irgendetwas über die Seltsamkeit meiner Existenz, meiner Interaktionsversuche mit der Umwelt. Eine Parodie auf die ASMR-Welt, ein Lehrstück über Mitgefühl und Grausamkeit.

Auf Ephemeral Rifts Kanal gibt es alles. Vorlesungen über Existenzialismus im ASMR-Stil, Improvisationen mit verschiedenen Arten von Masken, inspirierten Nonsens. In einem Video setzt er sich einen Lampenschirm auf den Kopf. Anschließend betastet er sich, wie eine jener Beckett'schen Figuren, die herauszufinden versuchen, wo ihre Grenzen verlaufen. Minutenlang kratzt er sich den grauen Lampenschirmkopf, dann kommt der Pinsel zum Einsatz.

Man will nie wissen, "was als Nächstes kommt"

Das Schöne an ASMR-Kunst ist: Man will nie wissen, "was als Nächstes kommt". Die Frage "Und dann?" ist völlig substanzlos. So etwas wie Suspense existiert hier nicht. Man erlebt diese Kunst in einer ewigen Sekunde von Aufmerksamkeit, zeitentwöhnt und frei. Man versenkt sich in Bewegungen höchst langweiliger Gegenstände, wird aufgehoben und erlöst durch repetitive, spannungslose Vorgänge. Eine bemerkenswerte Tatsache: Am Ende dieses Zeitalters gibt es Menschen, die anhand von extremer Monotonie große Glücksgefühle erleben. Vielleicht wird sich das als evolutionärer Vorteil erweisen.

ASMR könnte uns unbeschadet durch die Eintönigkeiten der Zukunft bringen. Es ist eine Art von Droge, die Menschen einander gratis verabreichen können, quasi aus der Luft. Nicht umsonst war eine der alternativen frühen Bezeichnungen des Phänomens Attention Induced Euphoria - eine Formel, die den menschlichen Geist kompakt und schlüssig zusammenfasst.

Die stärkste ASMR-Entladung meines Lebens hatte ich bei einem Video, in dem ein Australier namens Dmitri mit Holzstückchen spielt. In einem bestimmten Augenblick reibt er sie ganz nahe am Mikrofon seiner Kamera aneinander, sagt "there . . . there . . ." und macht dann ein neutrales Kehlgeräusch, ein tonloses "hmmm". Leerer könnte kein Augenblick sein. Er bedeutet nichts. Aber als er eintrat, wölbte sich das Universum in mir, und ich war gerettet. Oder, wie Peter Handke aus Anlass der Vollendung seiner Kindergeschichte in sein Tagebuch schrieb: "So fern vom Tod war ich nie."

Clemens J. Setz

Clemens Setz, Autor und Experte für ASMR-Triggervideos.

(Foto: Arno Burgi/dpa)

Clemens J. Setz, geboren 1982, lebt als Autor in seiner Heimatstadt Graz. In diesen Tagen erscheint sein neues Buch "Glücklich wie Blei im Getreide. Nacherzählungen" im Suhrkamp Verlag.