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ASMR-Videos:High durch sich räuspernde Menschen

ASMR klingt wie eine Krankheit. Tatsächlich steht das Kürzel für wohliges Kribbeln, das oft ausgelöst wird durch bestimmte Geräusche. Internetvideos haben ASMR zur Kunstform erhoben - ihr Konsum ähnelt dem von Pornografie.

Während meiner Studienzeit ging ich zwischen den Lehrveranstaltungen oft in den großen Lesesaal der Uni-Bibliothek. Hier gab es lange, nachdenkliche Tischreihen, grüne Leselampen und riesige, altersbraune Bücher in sich ringsum in die Höhe türmenden Regalen. Manchmal tat ich so, als würde ich etwas lesen, aber in Wirklichkeit saß ich einfach da und genoss die Geräuschkulisse. Das Umblättern, das leise Kratzen von Bleistiften, das vorsichtige Wühlen in einer Handtasche. Diese herrlichen Menschengeräusche versetzten mich in einen Zustand, der erst einige Jahre später einen offiziellen Namen erhalten sollte.

Es lief immer gleich ab: Auf meiner Kopfhaut begann ein angenehmes Spannungsgefühl, das dann über den Nacken langsam hinunterwanderte, verbunden mit einem Bewusstsein gesteigerter Konzentration. Ich wurde ein wenig high. Der stärkste Trigger im Lesesaal war das Räuspern von Menschen, die wussten, dass ihr Räuspern durch die Akustik des Raums amplifiziert wurde und es deshalb so sanft wie möglich machten. Für gewöhnlich blieb ich so lange sitzen, bis sich das Gehirnkribbeln ausgebrannt hatte.

Mein Privatausdruck für das Gefühl war "geräu". Dieses Adjektiv hatte ich als Kind erfunden. Irgendein Wort braucht man schließlich. Ich ging ganz selbstverständlich davon aus, dass niemand sonst diese Empfindung kannte. Sie stellte sich immer dann ein, wenn mir jemand etwas ruhig Schritt für Schritt erklärte und dabei mit Papier raschelte. Oder bei bestimmten Stimmlagen.

Ich verschwand "im Tunnel"

Ich besaß eine Audiokassette, auf der ich verschiedene Ausschnitte aus Radiosendungen aufgenommen hatte, die als Trigger funktionierten. Der wirksamste war eine Szene aus der Serie Alf. In ihr packt Alf zusammen mit den Geschwistern Lynn und Brian Tanner ein Paket aus. Sie untersuchen dessen Inhalt und kommentieren jedes Stück. Diese Szene muss ich mir als Kind Tausende Male angehört haben. Jahrelang war sie die verlässlichste Quelle für das namenlose Gefühl, nach dem ich süchtig war. Ein anderer sehr starker Trigger war eine Aufnahme eines Mannes, der seine Gitarre reinigt. Ich weiß nicht, weshalb so etwas im Radio gesendet wurde. Seine leisen Atemgeräusche, das vorsichtige Pochen seiner Finger auf dem Corpus.

Während ich mir diese Dinge anhörte, wurde ich langsam immer bewegungsunfähiger, es gab nichts Wichtiges außerhalb der rätselhaften Wirkung, ich verschwand "im Tunnel".

In David Foster Wallaces Roman "Unendlicher Spaß" werden Menschen angesichts eines überwältigend unterhaltsamen Films zu lebendigem Gemüse. Sie können sich von dem Film nicht mehr lösen und sterben schließlich vor dem Bildschirm. Ich frage mich, was Wallace zu meinen Bibliothekssitzungen gesagt hätte, zu diesem Paradieszustand, der ganz ohne Unterhaltung, Spaß, Spannung und Abwechslung auskommt.

An dieser Stelle wissen Sie entweder genau, wovon die Rede ist, oder Sie finden den ganzen Bericht absurd. Falls Sie in die zweite Kategorie fallen, seien Sie versichert: Es ist erst der Anfang. Denn im Jahr 2010 tauchten im Internet zum ersten Mal Videos mit der Bezeichnung ASMR auf. Sie steht für Autonomous Sensory Meridian Response. Das Internet ist, wie jeder weiß, eine große Wiederkennungswiese. Es eliminiert jede Art von Isolation. Egal, was für ungewöhnliche Eigenschaften man zu besitzen glaubt, es gibt immer einen anderen Menschen auf der Erde, der sie teilt.

Eine achtundzwanzig Jahre alte Blase platzte

Ich weiß nicht mehr, warum ich mein erstes ASMR-Triggervideo anklickte. Aber ich erinnere mich, dass ich schon nach den ersten Sekunden verstand, was es war. Eine achtundzwanzig Jahre alte Blase platzte, und ich stand auf einmal in Verbindung mit einer riesigen Community, die von genau demselben Phänomen besessen war wie ich. Ich brauchte keine alten Audiokassetten mit mühsam über die Jahre zusammengeklaubtem Wirkstoff mehr, keine Bob-Ross-Marathons an Wochenenden, und auch keine Homeshoppingkanäle, die treuen Hüter einsamer Hotelnächte. Hier gab es auf einmal Tausende von maßgeschneiderten Videos, es gab Kenner und Meister einer neuen Kunstform.

Die Kommentare zu solchen Video lauten ungefähr so: This gave me insane ASMR! Oder: You, sir, are a fucking genius! Oder: My head feels like a balloon, you are amazing! Und was zeigen die Videos, die solch monumentales Lob auf sich ziehen?

Eine Person, die mit leiser Stimme all die Dinge aufzählt, die sie in ihrer Streichholzschachtel untergebracht hat. Oder einen Mann, der neunzehn Minuten lang mit Bleistiften Schlangenlinien auf einem Stück Papier macht und dabei verschiedene Bleistiftmarken nach ihren Klangfarben bewertet. Oder eine Frau, die in einem Magazin blättert und dabei die Knistergeräusche der Seiten zelebriert. Später steckt sie die Hand in einen Behälter voller glatter Flusskiesel und bewegt sie hin und her.

Mein Privatausdruck für das Gefühl war "geräu"

Nirgends sonst findet man eine solch große Diskrepanz zwischen der hymnensingenden Begeisterung der Community und der offensichtlichen inhaltlichen Leere und Sinnlosigkeit des Materials. Was ist es, das den ASMR-Empfängern diese süchtigmachenden Gehirnentladungen vermittelt?

Viele Erklärungsversuche beginnen mit der Feststellung, dass es um Entspannung gehe. Aber so ganz stimmt das nicht. Denn das ASMR-Gefühl ist eher eine sanfte Euphorie, erst nach und nach mündet es in einen beruhigten, schläfrigen Zustand. Ich habe von Theorien gelesen, die es als eine Art von "Phantom-Gelaustwerden" beschreiben. Das Glück, von den sachkundigen Pfoten eines Artgenossen behandelt zu werden.

Dennoch ist ASMR ein junges Phänomen. Nur sehr vereinzelt blitzen kleine Beweise seiner Existenz in der Weltliteratur auf, etwa in Virginia Woolfs Roman "Mrs Dalloway", wo der kriegstraumatisierte Septimus Smith durch sanft intoniertes Buchstabieren beruhigt und in sekundenlange Trance versetzt wird. Die Beschreibung endet mit der majestätischen Erkenntnis: "A marvellous discovery indeed - that the human voice in certain atmospheric conditions (for one must be scientific, above all scientific) can quicken trees into life!" Und dann gibt es einige Berichte über die japanische Teezeremonie (etwa in Yasunari Kawabatas Romanen und Novellen), welche vielleicht die einzige Kunstform ist, die als genuine historische Kultivationsstätte des euphorisierenden Meridiankribbelns gelten kann.

ASMR ist wie ein Cheatcode für die direkte, umweglose Aktivierung des Belohnungszentrums. Der Konsument von Triggervideos macht dieselben Stadien durch wie der von Pornografie: zuerst private Sammlungen, Glücksfunde, die lange "verwendet" werden, dann Entdeckung des Internet, Öffnung, gefolgt von einer Explosion des Angebots. Dies führt zu einer Differenzierung seiner Vorlieben in spezielle Kategorien. Auf Abstumpfung wird mit Zuspitzung reagiert, mit der Suche nach neuen, wirksameren Reizen. Und schließlich, die letzte, von Soziologen meist verschwiegene Phase: die Entdeckung des Menschlichen hinter der reinen Triggersuche, die Verbindung mit echter Kunst, echtem Austausch.

Alles heiter und angenehm

Die "Künstler" der Community sind meist nicht so berühmt wie die professionellen Lieferanten verlässlicher Trigger. Die beliebteste ASMR-Person auf Youtube ist eine russischstämmige Amerikanerin namens Maria. Ihr Channel heißt "GentleWhispering". Sie ist sehr einfallsreich, aber es geht ihr, wie sie mir in einer Mail erklärte, trotz aller Kunstfertigkeit nur um die Erschaffung einer "Märchenwelt", in der alles heiter und angenehm ist.

Aber wenn man tiefer in die ASMR-Szene eindringt, begegnen einem bisweilen so etwas wie Poeten: junge Menschen, die das Genre des Triggervideos mit anderen Ausdrucksformen vermischen, was zu überraschend bewegenden Ergebnissen führt. Da ist etwa Lilium, eine junge Dänin, die manche ihrer Triggervideos als eine Form von Autobiografie gestaltet. Sie zeichnet und kommentiert traumatische Erlebnisse aus ihrer Vergangenheit, reflektiert über ihre Cutting-Neigung, berichtet vom Leben mit ihrer Verlobten Evy.

Normalerweise wäre sie eine von Hunderten sorgenschweren und verstörten Mittzwanzigern, die über ihre Ängste und Unsicherheiten vloggen. Aber das in ihren Videos gleichzeitig stattfindende ASMR-Finetuning, verbunden mit dem realen Schmerz, von dem ihr Leben erfüllt ist, erhebt es in einen Bereich bizarrer, nackter Poesie. Beide Bestandteile, Triggervideo und emotionales Vlog, wären, für sich betrachtet, nichts Besonderes, aber die Kombination trifft und wirkt. Was für eine merkwürdige, an sonst kaum berührte Schubladengriffe in der Seele des Betrachters rührende Geste, diese vielen fürsorglichen Videos zu basteln ("für uns"), wenn doch die Urheberin derselben viel mehr Trost zu brauchen scheint als wir.

Leute beim stückchenweisen Zusammenleimen ihrer Persönlichkeit

Andere ASMR-Menschen sprechen über Selbstverletzung, über ihre Borderlinestörung, über erlittene sexuelle Gewalt, und ordnen währenddessen Büroklammern auf einer Tischplatte. Fast hat man das Gefühl, Leute beim stückchenweisen Zusammenleimen ihrer Persönlichkeit zu beobachten. Eine Frau namens Kara berichtet auf ihrem Youtubekanal "asmrnovastar" sogar im ASMR-Stil über einen wenige Wochen davor erfolgten Selbstmordversuch, seit dem sie querschnittgelähmt ist.

Und dann ist da der David Lynch des ASMR: Ephemeral Rift. Seine Videos sind surreale Kunstwerke. In einem kümmert er sich, verkleidet als geschnäbelter Pestdoktor, liebevoll um eine Wassermelone, die an Schlaflosigkeit leidet. Er verwendet eine Reihe von Techniken, um die Wassermelone zu beruhigen. Er interviewt sie, flüsternd. Er streicht mit einem Pinsel über ihre Haut. Er betastet sie vorsichtig mit seiner Schnabelspitze. Am Ende zerschneidet er sie und isst sie auf.

Das Video verursachte bei mir intensive ASMR-Entladungen. Das Wühlen in seinem ledernen Arztköfferchen, die Pinselgeräusche, sein konzentriertes Flüstern. Perfekt. Gleichzeitig ist es eines der sonderbarsten Dinge, die ich je gesehen habe. Ich saß eine Stunde davor, tief im ASMR-Tunnel, und hatte das Gefühl, etwas über mich selbst erzählt zu bekommen. Irgendetwas über die Seltsamkeit meiner Existenz, meiner Interaktionsversuche mit der Umwelt. Eine Parodie auf die ASMR-Welt, ein Lehrstück über Mitgefühl und Grausamkeit.

Auf Ephemeral Rifts Kanal gibt es alles. Vorlesungen über Existenzialismus im ASMR-Stil, Improvisationen mit verschiedenen Arten von Masken, inspirierten Nonsens. In einem Video setzt er sich einen Lampenschirm auf den Kopf. Anschließend betastet er sich, wie eine jener Beckett'schen Figuren, die herauszufinden versuchen, wo ihre Grenzen verlaufen. Minutenlang kratzt er sich den grauen Lampenschirmkopf, dann kommt der Pinsel zum Einsatz.

Man will nie wissen, "was als Nächstes kommt"

Das Schöne an ASMR-Kunst ist: Man will nie wissen, "was als Nächstes kommt". Die Frage "Und dann?" ist völlig substanzlos. So etwas wie Suspense existiert hier nicht. Man erlebt diese Kunst in einer ewigen Sekunde von Aufmerksamkeit, zeitentwöhnt und frei. Man versenkt sich in Bewegungen höchst langweiliger Gegenstände, wird aufgehoben und erlöst durch repetitive, spannungslose Vorgänge. Eine bemerkenswerte Tatsache: Am Ende dieses Zeitalters gibt es Menschen, die anhand von extremer Monotonie große Glücksgefühle erleben. Vielleicht wird sich das als evolutionärer Vorteil erweisen.

ASMR könnte uns unbeschadet durch die Eintönigkeiten der Zukunft bringen. Es ist eine Art von Droge, die Menschen einander gratis verabreichen können, quasi aus der Luft. Nicht umsonst war eine der alternativen frühen Bezeichnungen des Phänomens Attention Induced Euphoria - eine Formel, die den menschlichen Geist kompakt und schlüssig zusammenfasst.

Die stärkste ASMR-Entladung meines Lebens hatte ich bei einem Video, in dem ein Australier namens Dmitri mit Holzstückchen spielt. In einem bestimmten Augenblick reibt er sie ganz nahe am Mikrofon seiner Kamera aneinander, sagt "there . . . there . . ." und macht dann ein neutrales Kehlgeräusch, ein tonloses "hmmm". Leerer könnte kein Augenblick sein. Er bedeutet nichts. Aber als er eintrat, wölbte sich das Universum in mir, und ich war gerettet. Oder, wie Peter Handke aus Anlass der Vollendung seiner Kindergeschichte in sein Tagebuch schrieb: "So fern vom Tod war ich nie."

Clemens J. Setz, geboren 1982, lebt als Autor in seiner Heimatstadt Graz. In diesen Tagen erscheint sein neues Buch "Glücklich wie Blei im Getreide. Nacherzählungen" im Suhrkamp Verlag.

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SZ vom 07.04.2015/jobr
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