"Robinsons Tochter":Eine Insel für sich allein

"Robinsons Tochter": Jane Gardam, 1928 in North Yorkshire geboren, eine Grande Dame der britischen Literatur.

Jane Gardam, 1928 in North Yorkshire geboren, eine Grande Dame der britischen Literatur.

(Foto: All mauritius images/Gary Doak/Alamy)

Zu den frühen Romanen von Jane Gardam, die jetzt auch in Deutschland entdeckt werden, gehört "Robinsons Tochter": die Geschichte einer jungen Frau, die sich ihr Leben erst erobern muss.

Von Cathrin Kahlweit

Jane Gardam ist in Deutschland mit ihrer Old-Filth-Trilogie bekannt geworden. Es sind wunderbare Porträts des pensionierten Richters Sir Edward Feathers, der als Kind aus den Weiten des britischen Imperiums nach London gespült wird, um dann wieder in die Kolonien zu entschwinden, von seiner Frau und den Freunden des Paares. Feathers trägt seinen Spitznamen "Old Filth", in dem der Charakter einer so selbstbezogenen wie verlorenen Generation auf den Punkt gebracht ist, mit Würde und Selbstironie: Filth steht für "Failed in London, try Hong Kong".

Die drei Bände, in denen unterschiedliche Wahrheiten über das gemeinsame Leben die Handlung vorantreiben (auf Deutsch: "Ein untadeliger Mann", 2015, "Eine treue Frau" und "Letzte Freunde", beide 2016), sind im Königreich bereits in den Nullerjahren erschienen. Auf dem Kontinent wurden sie erst vor wenigen Jahren zu Bestsellern. In ihrer Heimat gilt Gardam, neben Hilary Mantel, längst als Grande Dame der britischen Literatur. Die mittlerweile 92-Jährige hatte schon vor dem großen Erfolg von Old Filth knapp drei Dutzend Bücher geschrieben. Weil auch das deutsche Publikum immer mehr vor ihr lesen wollte, wurden zahlreiche Werke neu aufgelegt beziehungsweise übersetzt.

An ihr Meisterwerk vom alten Richter und seinem bunten Leben reicht das meiste nicht heran. Aber Gardam ist eine wunderbare Erzählerin, und "Robinsons Tochter", im Original 1985 erschienen, ist für alle Fans eine späte, schöne Entdeckung.

Wie eine Antithese zu Jane Austen und Emily Brontë

Wieder breitet sie ein ganzes Leben aus, wieder erstreckt es sich über ein ganzes Jahrhundert, wieder erzählt sie, wie nebenbei, britische Geschichte. Diesmal ist es nicht die des untergehenden Kolonialreichs, sondern der Industrialisierung und der Moderne, die in der gelben Villa an einem sturmumtosten Strand in Yorkshire, in der die kleine Polly Flint mit ihren Tanten und einem Dienstmädchen lebt, erst im 20. Jahrhundert und damit später ankommt als in den düsteren Arbeiterstädten Mittelenglands. Im Laufe von Pollys Leben, die aus der gelben Villa nur fortgeht, um für immer wiederzukommen, wächst die Welt stetig näher an den Strand heran; wo anfangs in der Ferne ein paar alte Häuser und eine verrottende Villa zu sehen waren, wird sich am Ende ihres ereignisreichen Lebens eine ganze Stadt türmen.

Zeitweilig erinnert die Kulisse, vor der sich der Entwicklungsroman um das junge Mädchen entwickelt, an den unvollendeten Text "Sanditon" von Jane Austen, in dem ein Enthusiast und Stadtentwickler im 19. Jahrhundert davon träumt, ein verschlafenes Fischerdorf in einen mondänen Badeort zu verwandeln. Was in "Sanditon" wie die heitere Phantasie eines liebenswerten Spinners daherkommt, ist bei Gardam eine Bedrohung: Armut, Industriebauten, Lärm rücken immer näher heran an Dünen, Marschen und Strandhafer.

Und auch noch in einer andere Hinsicht mutet es bisweilen an, als habe Gardam beim Verfassen von "Robinsons Tochter" eine Antithese zur legendären Jane Austen oder auch zu Emily Brontë schaffen wollen: Hier vergnügt sich keine junge Frau ohne Chance auf Ausbildung, Beruf oder Berufung rast- und ratlos mit Klavierspielen, Spaziergängen, Liebesromanen und Tanzabenden, bis sie endlich den passenden Mann aus ihrer Gesellschaftsschicht findet, während sie zugleich still, aber gefasst darunter leidet, dass Emanzipation und Geschlechtergerechtigkeit nicht viel mehr als eine ferne Illusion sind.

"Weil ich ein Mädchen bin, wurde ich in luftleeren Raum gestellt."

Polly Flint hasst ihre Lage. Ihre Mutter ist früh gestorben, ihr Vater hat sie bei seltsamen Tanten abgegeben und ist dann ebenfalls gestorben, nun hockt sie einsam und unverstanden zwischen frömmlerischen alten Damen, deren größtes Glück es ist, einmal in der Woche gemahlenen Kaffee zu trinken. Geld für einen Lehrer ist nicht da, ihre Tanten unterrichten sie selbst, halten es aber ohnehin für das Wichtigste, dass das Kind angemessen gekleidet ist und regelmäßig in die Kirche geht. Polly wehrt sich gegen die Scheinheiligkeit und den Mehltau von Kirche und Gebet, sie verweigert ihre Konfirmation, verweigert den Kirchgang, wird zur Rebellin. Liest sich durch die Bibliothek ihres Großvaters, bildet sich selbst, entdeckt "Robinson Crusoe" von Daniel Dafoe - und hat ihre Identifikationsfigur gefunden: "So vernünftig und mutig. So stark und schön. Er sortiert einen. Ich liebe ihn."

Robinson Crusoe auf seiner Insel wird sie durch ihr Leben begleiten; er wird später zu einer Art Obsession werden, wird Ideal und Antiheld zugleich: "Er ist so, wie Frauen fast immer sein müssen: auf einer Insel. Festgesetzt. Eingesperrt." So fühlt sich auch Polly Flint: eingesperrt, festgesetzt, chancenlos. In Robinson Crusoe kann sie sich hineinversetzen. Er gibt nie auf, er ordnet sein Leben. Er ist bei sich. Er zweifelt nicht. So will sie sein. Denn für sie als Mädchen, als Frau, sei kein erfülltes Leben vorgesehen. In einem Brief an ihre Tante schreibt sie: "Weil ich ein Mädchen bin, wurde ich in luftleeren Raum gestellt. Unter die Glasglocke von Oversands. In meinem ganzen Leben wird nie etwas passieren." Sie lebe in einer "herrlichen Landschaft" wie in Emily Brontës Romanen: "Aber ich bin nicht sicher, ob wir wirklich in eine Landschaft eingestrickt werden sollten." Sie löse sich in einer Landschaft auf, schreibt Polly verzweifelt, und könne nur hoffen, dass "jemand mich heiraten kommt, damit ich vollständig werde, und mich da wegholt".

"Robinsons Tochter": Jane Gardam: Robinsons Tochter. Roman. Aus dem Englischen von Isabel Bogdan. Hanser Berlin, München 2020. 316 Seiten, 24 Euro.

Jane Gardam: Robinsons Tochter. Roman. Aus dem Englischen von Isabel Bogdan. Hanser Berlin, München 2020. 316 Seiten, 24 Euro.

Sie erobert sich ihr Leben trotzdem selbst. Lernt über einen nahen Verwandten das Leben der Oberschicht kennen und verachten, begegnet selbstverliebten Schwadroneuren, die sich als Künstler bezeichnen, macht einige ernüchternde sexuelle Erfahrungen und wird - was in Großbritannien denen vorbehalten ist, die sich nicht einfügen möchten und es sich doch leisten können - exzentrisch. Exzentrik ist, in der britischen Literatur, vor allem eine Eigenschaft, die Männer zum Schillern und Leuchten bringt. Für Polly Flint, Robinsons Tochter, ist es eine Flucht. Am Ende einer Flucht kann Not und Verderben stehen. Oder eine Art Heimkehr. Polly Flint kehrt heim. Baut sich ihre eigene Insel. Robinson hätte von ihr lernen können.

Schade nur, dass Jane Gardam das Interesse an ihrer Hauptfigur auf den letzten Metern zu verlieren scheint. Die Autorin ist selbst Mitte 50 gewesen, als sie Polly Flint erfand. Solange die junge Frau ringt, kämpft, leidet, ist Gardam ganz nah bei ihrer Heldin, riecht, hört, spürt sie, begleitet Polly Flint treppauf, treppab in ihrer gelben Villa, sieht ihr beim Erwachsenwerden zu. Je länger der Emanzipationsprozess der alternden Frau aber währt, je erfolgreicher diese sich neu erfindet, desto mehr rückt Gardam von ihr ab, skizziert nur noch, eilt durch die Jahre, die letzten Lebensphasen. Als sei mit dem Leid auch die Zuneigung erschöpft. Die kleine Polly Flint ist Robinsons Tochter und Jane Gardams Geschöpf. Die alte Polly Flint ist nur noch der Schatten einer großartigen Romanfigur.

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