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Friedenspreis:Hoffnungsträgerin in Zeiten von Trump

Margaret Atwood Friedenspreis

Margaret Atwood erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2017.

(Foto: dpa)

Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Sie zeige, "wie leicht vermeintliche Normalität ins Unmenschliche kippen kann".

Von Lothar Müller

Die Zeiten stehen auf Sturm. Diese Botschaft ist der Begründung für die Vergabe des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an die kanadische Autorin Margaret Atwood unschwer zu entnehmen. Der Stiftungsrat lobt "ihr politisches Gespür und ihre Hellhörigkeit für gefährliche unterschwellige Entwicklungen und Strömungen", hebt die Furchtlosigkeit und Genauigkeit hervor, mit der sie zeige, "wie leicht vermeintliche Normalität ins Unmenschliche kippen kann". Kurz, der Stiftungsrat hat eine Autorin gekürt, die in das Zentrum ihres umfangreichen Werkes immer neue Variationen der literarischen Dystopie gestellt hat, negative Utopien, in denen die Werte zuschanden gehen, für die sie nun den Friedenspreis erhält: "Humanität, Gerechtigkeitsstreben und Toleranz prägen die Haltung Margaret Atwoods."

In ihrem Roman "Der Report der Magd" (1985), den Volker Schlöndorff 1990 verfilmt hat, haben christliche Fundamentalisten die Macht in den USA übernommen. Sie setzen die Verfassung außer Kraft, zensieren die Presse, nehmen den Frauen alle Rechte und degradieren die "Mägde" unter ihnen zu Gebärmaschinen. Wie George Orwells "1984", eines der Grundbücher der modernen Dystopien, schoss "Der Report der Magd" nach der Wahl Donald Trumps in den Amazon-Bestsellerlisten nach oben.

Margaret Atwood ist im November 1939 in Ottawa geboren, sie lebt in Toronto, aber sie hat ihre Masterarbeit am Radcliff College in Harvard geschrieben und zeitweilig an amerikanischen Universitäten gelehrt. Nicht selten nehmen in ihren Büchern die schwarzen Utopien ihren Ausgang von Entwicklungen in den USA. In ihrem jüngsten Roman "Das Herz kommt zuletzt" (2017) ist die Wirtschafts- und Finanzkrise erst jüngst über Nordamerika hinweggegangen, hat den Figuren ihre Arbeit und mit der linken Hand in Gestalt der Immobilienkrise auch ihr Haus genommen.

Das ökologische Gleichgewicht ist eines ihrer Lebensthemen

Mehrfach hat Margaret Atwood Einspruch erhoben, wenn ihre Romane und Erzählungen dem Genre "Science Fiction" zugeschlagen wurden, stets auf die Verbindungslinien zur Gegenwart, zu den in ihr liegenden Möglichkeiten beharrt. Mit ihrem Vater, einem Entomologen, hat sie in der Kindheit die Wälder im nördlichen Quebec durchstreift. Damit dürfte ein Grundkurs zu einem ihrer Lebensthemen, dem ökologischen Gleichgewicht, verbunden gewesen sein. Und zu ihren frühen Lektüren gehörten die Märchen der Brüder Grimm. Etwas von der Grausamkeit und Ungerührtheit, mit der die Märchen häufig von Unglück und Unheil berichten, scheint in ihre literarische Fantasie eingegangen zu sein. An ihrer feministischen Grundüberzeugung ist wenig Zweifel möglich. Aber das schützt ihre Frauenfiguren nicht vor dem Sarkasmus ihrer Autorin.

Es dürften aber kaum ihre literarischen Meriten allein ihr den Friedenspreis eingebracht haben. Margaret Atwood ist eine ideale Repräsentantin der nordamerikanischen Gegenwelten zu Donald Trump. In "Das Jahr der Flut" (2009) hat sie Biotechnik und Klimakatastrophe literarisiert, in aktuellen Interviews die Politik der USA kritisiert. Navid Kermani wurde 2015 für den "Respekt vor den Kulturen und Religionen", Carolin Emcke 2016 für ihre Einsprüche gegen "Gewalt, Hass und Sprachlosigkeit" ausgezeichnet. Zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse wird Margaret Atwood am 15. Oktober in der Paulskirche den Friedenspreis entgegennehmen, als Hoffnungsträgerin in der transatlantischen Krise.

© SZ vom 14.06.2017/khil

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