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Frankfurter Buchmesse:Die Buchmesse stellt die falschen Fragen für die Zukunft

Frankfurter Buchmesse 2017

Eine Besucherin auf der Frankfurter Buchmesse 2017.

(Foto: AFP)

In Frankfurt wird in den kommenden Tagen wieder das Lesen gefeiert. Dabei droht das Buch seine Rolle als wichtigstes Leitmedium zu verlieren.

Wie jede Messe ist die Frankfurter Buchmesse beides zugleich, Handelszentrum ihrer Branche und gesellschaftliches Ereignis. Vom geistigen und politischen Klima in Deutschland kann sie nicht unberührt bleiben. Starköche treten in ihren Hallen auf, Autoren von Bestsellern, die vor der Islamisierung des Landes warnen. Auch der Bundespräsident wird zu Gast sein. Ausdrücklich will die Messe ein Ort der politischen Debatte, der Freiheit und Toleranz sein. Rechte Verlage und Zeitschriften haben Stände angemeldet, nur wenige, aber sie gehören zur publizistischen Normalität in Deutschland. Die Veranstalter haben sie in einer eher überschaubaren und leicht zu überwachenden Nische platziert, aus Sicherheitsgründen, weil es im vergangenen Jahr am Stand eines rechten Verlages handgreifliche Auseinandersetzungen gab. Der Verzicht auf einen Cordon sanitaire wäre souveräner gewesen.

Die politischen Themen teilt die Frankfurter Buchmesse mit der allgemeinen Öffentlichkeit, der gesamten Gesellschaft. Über ihr Profil als Branchenmesse aber verfügt sie ganz allein. Und da gibt es derzeit eine interessante Veränderung. Lange war die Frankfurter Buchmesse stolz darauf, das Zentrum des internationalen Lizenzhandels zu sein, in dem das Fachpublikum durch die Gänge streift und seinen Geschäften nachgeht, ehe sie am Wochenende für das allgemeine Publikum geöffnet wird. Gern inszenierte sie sich als Impulsgeber der Branche, als das ökonomische Schwergewicht gegenüber der kleineren Schwester, der Leipziger Buchmesse mit ihren unzähligen Publikumsveranstaltungen weit über die Messehallen hinaus.

Stolz ist die Frankfurter Buchmesse noch immer auf ihr ökonomisches Gewicht, aber mehr und mehr inszeniert sie sich ebenfalls vor allem als Publikumsmesse, im Schulterschluss mit der lokalen Kulturpolitik. Das Lesefest "Open Books" mit Veranstaltungsorten in der Stadt erinnert an "Leipzig liest", für das "Bookfest" gibt es auf dem Messegelände selbst den neuen "Frankfurt Pavilion", es herrscht extreme "Highlight"-Dichte. Die an das deutsche Publikum adressierte Feier des Lesens und des Buches beginnt in der Außendarstellung die nüchterne internationale Fachmesse zu überstrahlen.

Das Buch scheint seine Rolle als "das" Leitmedium zu verlieren

Hintergrund dieser Akzentverschiebung ist der Verlust einer Gewissheit, von der die Buchbranche lange zehrte. Noch vergibt der Börsenverein zum Auftakt der Messe den Deutschen Buchpreis mit dem Ziel, "Aufmerksamkeit zu schaffen für deutschsprachige Autoren, das Lesen und das Leitmedium Buch". Aber was hier vorausgesetzt wird, ist nicht mehr selbstverständlich. Das Buch wird als Leitmedium inszeniert, weil es diese Position zu verlieren droht. Wer in die Branche hineinhört, stößt auf ein Stimmengewirr, in dem sich Beunruhigung und Beschwichtigung mischen. Zur Unruhe hat eine Anfang Juni veröffentlichte Studie des Börsenvereins beigetragen, der zufolge die Zahl der Buchkäufer in den vergangenen fünf Jahren um mehr als sechs Millionen geschrumpft ist. Die Unruhe wurde nur leicht gemindert durch die gleichzeitig mitgeteilte Botschaft, dass der Umsatz nur leicht zurückgegangen sei, von den verbliebenen Käufern also jeder durchschnittlich mehr Bücher erworben hat.

Einer der größten deutschen Publikumsverlage, S. Fischer, hat seinen Messeempfang abgesagt. Manchem Kleinverlag steht das Wasser bis zum Hals, auch größere Verlage klagen über Umsatzeinbrüche. Sind das Krisensymptome? Quatsch, sagen die Beschwichtiger, es gibt auch Verlage mit guten Bilanzen; Missmanagement gibt es bei uns wie in jeder Branche, und dann sind halt die Zahlen schlecht. Was sollen die kulturkritischen Unkenrufe vom Aussterben der Leser?

Es geht nicht um das Aussterben der Leser. Es geht um die Frage, welche Positionen das Buch innerhalb der Transformation der gesamten Kultur behalten und welche es räumen wird. Die Gewissheit, es sei "das" Leitmedium und werde es bleiben, ist darauf keine Antwort, sondern eine eher hinderliche Behauptung. Denn es zeichnet sich ab, dass kein einzelnes Medium in Zukunft mehr "Leitmedium" sein wird und das Buch für seine Rolle als starkes Medium unter anderen wird kämpfen müssen. Nicht die Kulturkritik liefert dafür die Indizien, sondern die empirische Soziologie. Einer ihrer Befunde ist, dass in den vergangenen Jahrzehnten die Zahl der Abiturienten und Studienanfänger immer weiter angestiegen ist, deutschlandweit machen deutlich mehr als fünfzig Prozent eines Jahrgangs das Abitur, im Wintersemester 2017/18 waren 2,85 Millionen Studenten an Universitäten und Fachhochschulen eingeschrieben.

Wie verhalten sich diese steigenden Kurven zu den fallenden Kurven der Zahl der Buchkäufer? Sind die Bibliotheken so gut, dass, wer studiert, kein Buchkäufer sein muss? Hat sich das Studieren vom Leitmedium Buch abgekoppelt? Nichts gegen das Feiern des Lesens auf Buchmessen. Aber für die Zukunft der Buchbranche sind Fragen wie diese entscheidend.

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