Framing-Debatte:Kriegsmetaphern haben eine lange Tradition

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Wenn man in der aktuellen politischen Debatte derartige Metaphern verwendet, schwingen diese Traditionen mit. Aus diesem Grund zucke ich selbst bei einem Wort wie "Ausgrenzeritis" zusammen, das von einem AfD-Abgeordneten verwendet wurde, um die nur zögerliche Bereitschaft der etablierten Parteien zu bezeichnen, die AfD bei der Wahl in Parlamentsgremien zu berücksichtigen. Die Endung "-itis" vermag fast jede mit Absicht ausgeführte Handlung in eine Krankheit zu verwandeln, die also ohne Sinn und Verstand über eine Person gekommen ist und nicht etwa das Ergebnis einer Überlegung darstellt, so kritikwürdig die gewonnene Auffassung auch sein mag.

Eine alte Tradition findet sich auch in der Kriegsmetapher, die für die politische Auseinandersetzung zur Konvention geworden ist ("Wahlkampf", "rechtes/linkes Lager") Allerdings gibt es die Übereinkunft, sie nicht kreativ zu erweitern und von einer "Jagd" auf den politischen Gegner zu sprechen, wie es Alexander Gauland nach der Bundestagswahl getan hat.

Offensichtlich mangelt es an einer Ethik der Metapher. Was sagt das Bildfeld, in das uns die Metapher trägt, über den Sachverhalt aus? Werden wesentliche Aspekte unterdrückt, andere überbetont, wenn wir sie mit den Fakten abgleichen? Wo verstößt eine Metapher gegen allgemeine moralische Standards, nach denen Menschen nicht als Ungeziefer oder Meinungen nicht als Krankheit bezeichnet werden? Trägt eine Metapher in ihrer Absolutheit zu einer Verhärtung der Fronten bei und verhindert so einen Ausgleich - wenn etwa von "Agrarmafia" die Rede ist?

Leider scheint die wahre Aufgabe einer politischen Argumentation aber darin zu liegen, die eigene Gruppenzugehörigkeit und die damit verbundenen Meinungen und Auffassungen nach den Maßstäben der Vernunft abzusichern und sich damit auch der anderen Mitglieder der eigenen Gruppe zu vergewissern. Die Metaphern in der politischen Kommunikation haben also nicht die Aufgabe, jemand anderen zu überzeugen, sondern vielmehr die eigene Seite mit Bildern zu versehen, die geeignete Framing-Effekte, Schlussfolgerungen und Narrative hervorrufen. Wenn ein Tempolimit laut Bundesverkehrsminister Scheuer "gegen jeden Menschenverstand" verstößt, dann ist dies ein Musterbeispiel für neuere Erkenntnisse sozialpsychologischer Forschung, nach denen die Vernunft vor allem zur Untermauerung der eigenen, längst vorhandenen Position herangezogen wird, und nicht dazu, diese überhaupt erst zu entwickeln.

Wie soll man nun mit alldem umgehen? Das Gespräch ist, wie der Bundespräsident empfiehlt, ein guter Anfang. Wenn uns aber die Vernunft vorzugsweise dazu dient, Verteidigungswälle für die eigene Meinung zu errichten, dann sollten zu allererst Abrüstungsverhandlungen unternommen werden. Das sprachliche Waffenarsenal sollte als solches Gesprächsthema sein, die Gültigkeit also all der metaphorischen Zuspitzungen, Fahnenwörter und Slogans, die eingesetzt werden, um eine bestehende Konfrontation zu befeuern. Wenn schon nicht die gegenseitige Überzeugung durch Argumente gelingt, so kann zumindest das Gespräch über die sprachliche Gestalt, in die die vermeintlich rationale Argumentation gekleidet ist, eine Annäherung bewirken. Auf dieser Ebene kann die Sprachwissenschaft tatsächlich etwas zur öffentlichen Diskussionskultur beitragen.

Differenzierte Sprache muss nicht langweilig sein, eine gute Reportage nicht erfunden

Auch die Medien sollten häufiger auf die originelle Metapher verzichten und stattdessen die präzise, differenziertere sprachliche Form wählen. Das ist nicht gleichbedeutend mit Langweiligkeit, denn genauso wenig, wie sich eine gute Reportage auf Erfundenes stützen muss, sollte sich auch die sprachliche Bezeichnung komplexer Sachverhalte auf Metaphern stützen, die nur teilweise tragen. Bilder und Analogien sind zwar wichtig, um etwas Kompliziertes besser zu verstehen, aber dann sollte dies auch als ein Vergleich unterschiedlicher Dinge erkennbar bleiben und nicht in der Metapher miteinander verschmelzen.

Die kognitive Substanz der Metapher mit ihrem unausgesprochenen Absolutheitsanspruch kann nämlich wie ein Gift wirken, deshalb bedarf sie der Kontrolle durch die Erkennbarkeit des Bildes als Vergleich. Die Flucht- und Rettungsereignisse im Mittelmeer mit dem Wort "Shuttle-Service" zu bezeichnen, verzerrt die tatsächlichen Ereignisse auf unheilvolle Weise. Sie mögen manchen in einigen Punkten an so etwas wie einen Shuttle-Service erinnern, in anderen aber nicht - darüber lässt sich diskutieren, und so viel sprachliche Differenzierung muss schon sein, wenn uns unser friedliches Miteinander etwas wert ist. Deshalb sollten wir verabsolutierende Metaphern in der öffentlichen Debatte sich nicht ungehindert verbreiten lassen, sondern ihre Gültigkeit sofort zum Thema machen, um ihre schädliche Wirkung zu neutralisieren. Wir sollten uns nicht darauf verlassen, dass jede Form des Sprachkampfs, und sei sie auch noch so verzerrend und verletzend, tatsächlich nur im Sprachlichen verbleibt.

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