Fotosammlung Vorsichtige Annäherung

Die Hamburger Fotografin Paula Markert ist drei Jahre lang den Spuren des NSU durch Deutschland gefolgt. Das Münchner Stadtmuseum hat die Serie angekauft, und nun erscheint ein Buch dazu

Von Evelyn Vogel

Ein Jahr ist es her, dass der Prozess gegen die rechtsextreme Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU), die zehn Menschen tötete, vor dem Münchner Oberlandesgericht nach mehr als fünfjähriger Verhandlungsdauer zu Ende ging. Fünf Jahre, in denen das Gericht sich bemühte, das Ungeheuerliche zu klären, Prozessbeobachter versuchten, das Geschehen in Worte zu fassen, Fotografen sich auf Spurensuche begaben, um Hintergründe, Herkunft und Umfeld des NSU-Trios zu erkunden. Bekannt ist die Schwarz-Weiß-Serie von Regina Schmeken, die unter dem Titel "Blutiger Boden. Die Tatorte des NSU" als Buch veröffentlicht und in Ausstellungen gezeigt wurde.

Nun hat auch die Hamburger Fotografin Paula Markert, Jahrgang 1982, ein Buch vorgelegt, das unter dem Titel "Eine Reise durch Deutschland. Die Mordserie des NSU" bei Hartmann Books erschienen ist. Markert reiste von Herbst 2014 bis Frühjahr 2017 auf den Spuren des NSU durch Deutschland und dokumentierte Menschen und Orte, die mit dem rechtsextremen NSU in Verbindung stehen. Markerts Aufnahmen waren zum Teil auch im SZ-Magazin begleitend zu den NSU-Protokollen zu sehen. Jetzt hat das Münchner Fotomuseum die Serie angekauft.

Nun ist es ja nicht so, dass die Fotosammlung im Münchner Stadtmuseum ständig Ankäufe tätigen könnte. Bei einem Etat von 10 000 Euro pro Jahr sind die Möglichkeiten sehr eingeschränkt. Nur hin und wieder kann Sammlungsleiter Ulrich Pohlmann eine Neuerwerbung tägigen - oft nur mit Unterstützung des Freundeskreises. Vieles kommt auch durch Schenkung und Vermächtnis in den hauseigenen Bestand. Entsprechend verfügt das Fotomuseum über zahlreiche Konvolute historischen Ursprungs, die gerne "Vermächtnis in Sepia" genannt werden.

Um fotografische Dokumente aus der jüngeren Vergangenheit und junge zeitgenössische Positionen muss Pohlmann sich gezielt bemühen. Junge künstlerische Positionen, die sich zudem mit stadtpolitischen Themen auseinandersetzen, interessieren ihn ganz besonders. "Ich finde es wichtig, solche aktuellen Themen in der Sammlung zu haben", betont er. Dass er Paula Markerts Serie zum NSU-Komplex, auf die er durch die Veröffentlichung im SZ-Magazin aufmerksam wurde, nun vollständig mit 31 Fotografien und zwölf Textfragmenten für die hauseigene Sammlung erwerben konnte, freut ihn deshalb um so mehr. Sie sollen, so verspricht Pohlmann, nach der Sanierung und dem Umbau des Stadtmuseums "in einer Art Dauerausstellung" ihren Platz finden.

Markerts Bildsprache ist ausgesprochen unaufgeregt und leise, findet auch Pohlmann. "Sie schaut auf die kleinen Momente innerhalb des Gerichts und der Prozesspausen. Es ist eine Spurensuche, die sich den Beteiligten behutsam nähert." Und dies tut sie über die Tatorte und das gesellschaftliche wie soziale Umfeld der Täter. Die Plattenbausiedlung, in der Uwe Böhnhardt aufgewachsen ist, das ehemalige Jugendzentrum "Winzerclub", in dem sich Uwe Mundlos und Beate Zschäpe kennenlernten, zeigen eine Tristesse, die nichts erklärt oder gar entschuldigt - aber ansatzweise etwas erhellt.

Der NSU Komplex in Kunst und Kultur. Buchpräsentation und Podiumsgespräch zum Jahrestag des Urteils im NSU-Prozess mit Paula Markert (Fotografin, Hamburg), Esther Dischereit (Lyrikerin und Theaterautorin, Berlin) und Thomas Schirmböck (Kurator im Zephyr, Mannheim), Do., 11. Juli, 19 Uhr, Münchner Stadtmuseum, St.-Jakobs-Platz 1