Fotoprojekt über Opfer von Säureanschlägen "Als wäre ein Funke übergesprungen"

Flavia wurde mit Säure attackiert - und hat zwei Jahre lang das Haus nicht verlassen.

(Foto: Ann-Christine Woehrl/Echo Photo Agency)

Vermitteln Porträts diese Unsichtbarkeit am besten?

Mit den Porträts wollte ich erreichen, dass die Frauen zu ihrer wirklichen Identität zurückfinden. Vor dem schwarzen Hintergrund, den ich aufgebaut habe, konnten sie sich mit all ihrer Würde, ihrem Stolz und Selbstwert darstellen, unabhängig von ihrem Umfeld oder dem Kollektivstigma. Da musste ich erstmal abwarten, wie sie das überhaupt annehmen. Manche haben sich geweigert, aus Angst vor der Reaktion anderer oder weil sie sich doch nicht so wohl fühlten. Andere haben nach und nach ihre Scheu verloren und die Aufmerksamkeit richtig genossen. Und die Dokumentarfotos sollen den Alltag der Frauen zeigen, die Momente, in denen sie verzweifelt sind, aber auch Mut schöpfen.

Sie haben die Frauen über Hilfsorganisationen gefunden. Den Kontakt herzustellen, ist das eine, Vertrauen aufzubauen das andere. Wie ist Ihnen das gelungen?

Mir war klar, dass man ganz behutsam und vorsichtig mit ihnen umgehen muss. Als ich ihnen erklärt habe, was ich mache und warum, entstand schnell ein einvernehmliches Grundvertrauen. Als wäre ein Funke übergesprungen. Ich hatte das Gefühl, sie waren sehr dankbar, sich mitteilen zu dürfen. Bei manchen haben sich Freunde oder sogar die Familie abgewendet - da fehlt es an Aufmerksamkeit.

Also hat die Kamera bei der Traumabewältigung geholfen. Trotzdem können Ihre Bilder auf den ersten Blick verstören.

Dieser erste Blick fehlt mir. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich so viel mit diesen Frauen beschäftigt habe, dass ich irgendwann wirklich nur noch den Menschen gesehen habe. Mir ging es mehr darum, was die Aufnahmen für die Frauen bedeuten und wie sie sich dabei fühlen, als darum, was das mit dem Betrachter macht.

Wie ertragen Sie all die schlimmen Schicksale?

Sie sind natürlich tragisch und berühren einen menschlich. Je mehr man Einblick in das Leben der Frauen bekommt, desto unterschiedlichere Stimmungen durchläuft man. Ich habe auch Momente erlebt, in denen mich ihre Verletzlichkeit sehr mitgenommen hat. Aber gleichzeitig fühlte ich mich ermutigt, wenn ich gesehen habe, was dieses Wahrgenommen-Werden mit den Frauen macht. Wie sie neuen Mut fassen, sich öffnen, das war stärker als die Wut über die Täter. Ich ziehe den Hut vor diesen Frauen, weil ich gar nicht wüsste, wie ich selbst damit umgehen würde.

Ann-Christine Woehrl vor einem Porträt ihrer Ausstellung.

(Foto: dpa)

Warum spielen Frauen eine so große Rolle in Ihrer Arbeit?

Die Themen - jetzt die Säureopfer und zuvor das Thema Hexen - betreffen nun mal vorwiegend Frauen. Mich in sie reinzufühlen, fällt mir leichter, als es mit Männern wäre. Und ohne jetzt emanzipatorisch klingen zu wollen - aber Frauen sind in vielen Gesellschaften einfach noch nicht an der Stelle, wo sie sein sollten. Ihnen auf diesem Weg ein Quäntchen Mut mitzugeben, inspiriert mich.

Un/sichtbar. Frauen Überleben Säure. Vom 6. Juni 2014 bis zum 19. Januar 2015, Völkerkundemuseum. Bei der Edition Lammerhuber ist zudem der Bildband "Invisible" erschienen, 212 Seiten, 49,90 Euro.