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Fotokunst:Bild der Zeit

Martin Schoeller ist mit seinen Fotografien berühmt geworden, die Menschen extrem nahekommen. Ein Gespräch über das Porträt in Zeiten der Masken, darüber, was zählt in einem Gesicht und wie die Seuche die Stadt New York verändert.

Von Andrian Kreye

Der deutsch-amerikanische Fotograf Martin Schoeller hat ein großes Repertoire. Von der Reportage über inszenierte Porträts bis zur Werbung arbeitet er in so ziemlich jedem Genre. Berühmt geworden ist er aber mit seinen "Close-ups", Porträtbilder, für die er Personen in eine mobile Lichtkammer setzt, die er eigens konstruiert hat. So hat er zunächst am Rande von Auftragsarbeiten Weltpolitiker und Superstars fotografiert. Es folgten Serien über Obdachlose, Gläubige, Transmenschen und Überlebende des Holocaust. Seine jüngste Serie zeigt die maskierten Passanten seiner Wahlheimatstadt New York. In Deutschland sind seine Arbeiten derzeit in drei Ausstellungen zu sehen.

SZ: Was machen Masken mit Porträts?

Martin Schoeller: Viel vom Gesichtsausdruck geht natürlich verloren. Deswegen sagen diese Bilder vielleicht weniger über die Personen aus als über die Zeit, in der wir gerade leben. In ein paar Jahren schauen wir die hoffentlich an und denken, mein Gott, war das verrückt. Weißt du noch, als wir alle diese Masken tragen mussten?

Warum porträtieren Sie so extrem nah?

Ich denke, eine Nahaufnahme ist die reinste Form der Porträtfotografie, weil sie eine Konfrontation zwischen Betrachtenden und Motiv schafft, die in der alltäglichen Begegnung unmöglich oder zumindest unhöflich ist. Alle Hinweise wie Kleidung und Umgebung, die unsere zwischenmenschlichen Reaktionen für gewöhnlich beeinflussen, fallen weg. Es bleibt nur das Gesicht.

Macht das Bilder ehrlicher?

Ja, aber man kann keine Person auf eine Sechzigstel- oder Hundertfünfundzwanzigstel Sekunde reduzieren, auf einen Gesichtsausdruck. Man kann ihr vielleicht nur näherkommen. Auch mit räumlicher Nähe.

Was macht ein Porträt ehrlich?

Ich versuche, Augenblicke einzufangen, die sich intim und ungestellt anfühlen, deshalb rede ich viel beim Fotografieren und habe immer Musik im Hintergrund.

Wie viele Bilder machen Sie bei so einer Session?

Bei jemandem wie Barack Obama oder Angela Merkel bekomme ich maximal fünf Minuten Zeit. Da mache ich so dreißig, vierzig Belichtungen. Das sind drei, vier Filme. Wenn ich Zeit habe, oftmals doppelt so viel.

Nach welchen Kriterien suchen Sie das Bild dann aus, das Sie vergrößern?

Die Leute, die ich fotografiere, fragen oft, warum ich denn so viele Fotos mache, wenn sie doch eigentlich immer gleich aussehen. Aber das stimmt eben nicht. Wenn man die dann unter der Lupe betrachtet, gibt es minimale Unterschiede, die entscheidend sind. Ein bisschen mehr Spannung in den Lippen, ein unterschwelliges Lächeln. Vor allem Schauspieler brauchen länger, sich zu entspannen. Die machen ihre Augen größer, spannen ihre Lippen an, machen einen Kussmund. Das merken die gar nicht. Man hat Hunderte Muskeln im Gesicht, da passiert ständig was im Gesicht. Wenn ich dann vergrößere, hänge ich vier, fünf Aufnahmen an die Wand, um mein Lieblingsbild zu finden. Manchmal lasse ich meine Mitarbeiter auf Zetteln abstimmen, und erstaunlicherweise suchen die in der Regel alle das gleiche Bild aus. Auf dem die Person eben am entspanntesten schaut.

Funktioniert das bei Maskierten nur über die Augen?

Ich war immer schon überzeugt davon, dass Augen überbewertet sind. Auch wenn es immer heißt, die Augen seien der Spiegel der Seele. Aber wenn man mit einer Person kommuniziert, schaut man fast öfter auf die Lippen, um sie besser zu verstehen. Man macht da dauernd so kleine Bewegungen mit und rund um den Mund, die sehr viel kommunizieren.

Was machen die Masken denn mit den Porträtierten?

Das ist eigenartig. Auf der einen Seite schaffen die Masken gerade so ein Gemeinschaftsgefühl, weil wir jetzt alle hinter den Masken vereint sind. Auf der anderen Seite schaffen sie eine Distanz und Unnahbarkeit, die es unangenehm macht, sich mit jemandem zu unterhalten. Viele finden es, glaube ich, auch ganz gut, dass sie hinter Masken verschwinden. Oder sie nutzen sie, um ein Statement zu machen. Einer hatte "Trump makes me sick" auf seiner Maske stehen. Eine andere "Fuck Me Up". Wir sind hier halt in New York, Hauptstadt der Street Fashion.

Wie viele tragen denn Masken in New York?

Fast alle. Sicher so 80 oder 90 Prozent.

Ist das Pflicht?

Ja, aber schon vor der Verordnung haben die meisten Masken getragen. Und man sieht jetzt sogar oft Leute, die in ihrem Auto alleine Maske tragen.

Wie ist denn die Stimmung auf den Straßen?

Als ich vor zwei Monaten mit dem Projekt angefangen habe, war die Stimmung noch sehr ernst. Da hat man die Anspannung sehr stark gemerkt. Wir waren da auch noch angespannter, haben sehr schnell gearbeitet.

Haben Sie und ihr Team sich geschützt?

Ja. Die Idee für das Projekt kam mir übrigens, als ich in einer Abstellkammer eine Schachtel mit N95-Masken gefunden habe, die ich wohl irgendwann mal gekauft habe, als wir was renoviert haben. Ein Freund von mir ist Anästhesist hier im Krankenhaus, der trägt beim Intubieren von Covid-19-Patienten auch nur eine N95-Maske. Der meinte, das sei schon in Ordnung. Ich bin beim Fotografieren ja auch ein Meter zwanzig von den Leuten entfernt. Und wir sind draußen. Das macht schon einen Unterschied. Ich fühle mich da relativ sicher.

Ist man sich in New York bewusst, dass die Stadt jetzt nach 9/11 wieder Ground Zero einer Weltkatastrophe ist?

Durchaus. Aber inzwischen ist es etwas entspannter. Lokale haben wieder auf, da holt man sich was zum Essen oder einen Wein und setzt sich in den Park.

Sind die Straßen denn belebt?

Nicht so wie sonst. Hier in meinem Viertel, in Tribeca, ist es sehr leer. Wir haben bei unserer Arbeit auf der Straße auch keinen einzigen Menschen im Anzug oder Business Dress getroffen. Keine Anwälte, keine Börsenmakler. Nur die sogenannten essential workers - Krankenpfleger, Polizisten, Feuerwehrleute, Bauarbeiter, Postboten. Die ganzen Leute aus der oberen oder obersten Mittelschicht in meiner Gegend bleiben entweder zu Hause. Oder sie sind weg. In ihren Wochenendhäusern, bei ihren Eltern in irgendwelchen Kleinstädten. Muss man sich natürlich leisten können.

Ausstellungen: Martin Schoeller. Camerawork Berlin, 20. 6. bis 29.8. Info: www.camerawork.de

Survivors - Faces of Life after the Holocaust. Zeche Zollverein, Essen, bis 26. Juli. Info: www.zollverein.de

Martin Schoeller, Works 1999 - 2019. NRW-Forum Düsseldorf, bis 13.9. Info: www.nrw-forum.de

Bücher: Works 1999 - 2019. Steidl Verlag, Göttingern, 2020. 136 Seiten, 28 Euro. Survivors. Steidl, 2020. 168 Seiten, 28 Euro.

© SZ vom 20.06.2020
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