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Fotografie:"Mir ist so kühl"

Aenne Biermann war eine der bedeutendsten Fotografinnen der Zwanzigerjahre. Die Münchner Pinakothek der Moderne entdeckt ihr Werk neu.

Es hätte auch anders kommen können für Aenne Biermann. Sie hätte - aus einer angesehenen Fabrikantenfamilie vom Niederrhein stammend und musisch gefördert - in Gera, wohin sie geheiratet hatte, einen feingeistigen Salon führen können. Sie hätte als Ehefrau eines Kaufmanns und Mutter zweier Kinder im Kreise ihrer Familie wirken können.

Doch es kam anders für die im Jahr 1898 geborene Aenne Biermann. Denn als junge Mutter entdeckte sie in den Zwangzigerjahren ihr Interesse an der Fotografie und porträtierte zunächst ihre Kinder. Dann richtete sie ihre Kamera auf Pflanzen, Steine und Dinge des Alltags und gestaltete daraus neusachliche Abstraktionen, die durchaus mit denen des gleichaltrigen, aber schon bekannteren Albert Renger-Patzsch mithalten konnten. Was sie später mit der "Vertrautheit mit den Dingen" benannte, waren anfangs tatsächlich zahlreiche Kleinigkeiten, die sie im Alltag umgaben, wie das heimische Klavier oder die Gummibaumpflanze. "Vertrautheit mit den Dingen" heißt nun auch die Ausstellung mit Fotografien von Aenne Biermann in der Münchner Pinakothek der Moderne, die sich vorwiegend aus den Beständen der Stiftung Ann und Jürgen Wilde speist.

Biermann entwickelte eine neue Sicht auf die Architektur wie die Nachbargebäude mit ihren Vertikalen, indem sie dieser Architektur mithilfe des Blicks durch das Sprossenfenster ihres Ateliers eine eigenwillige horizontale Struktur verpasste. Sie hielt Landschaften, die sie durchreiste, in spannungsgeladenen Bildkompositionen fest, sodass sich beispielsweise die Linien der Bahngleise außerhalb des sichtbaren Bildausschnitts sogartig in die Unendlichkeit fortsetzen. Sie fotografierte Menschen aus ungewöhnlichen Perspektiven wie starken Unter- oder Aufsichten und mit extremen Bildausschnitten, experimentierte schließlich auch mit Spiegelungen, Mehrfachbelichtungen und Collagen. All das war weit von jener Aenne Biermann entfernt, die aus mütterlichem Stolz heraus die Kamera auf ihre Sprösslinge richtete.

Schon nach wenigen Jahren war aus der Amateurfotografin eine avantgardistische Lichtbildnerin der Neuen Sachlichkeit geworden, die an vielen wichtigen Ausstellungen teilnahm und deren Name in einem Atemzug mit dem von Karl Blossfeldt, Florence Henri, Germaine Krull, Lucia Moholy und László Moholy-Nagy sowie Albert Renger-Patzsch genannt wurde. Als sie am 14. Januar des Jahres 1933 im Alter von nur 34 Jahren nach längerer Krankheit starb, umfasste ihr Werk mehr als 3000 Negative und unzählige nummerierte und handsignierte Abzügen in verschiedenen Formaten.

Das meiste davon ist nach Beschlagnahmung durch die Nationalsozialisten während der Emigration der Familie nach Palästina verloren gegangen. Was in Gera zurückblieb, fiel während des Krieges Bombenangriffen zum Opfer. Erhalten blieben etwa 400 Originalabzüge, die Museen nach Ausstellungen in Oldenburg und Berlin angekauft hatten, die sich im Besitz von Privatsammlern wie Architekten, Kunstkritikern und Journalisten befanden, oder die in Archiven von Firmen und Zeitschriften auftauchten, an deren Fotowettbewerben Aenne Biermann mit großer Begeisterung teilnahm.

Denn Aenne Biermann scheute als Fotografin in keiner Weise den Wettbewerb, die Konkurrenz, die Kritik. 1928 - sie hatte gerade ihre erste Einzelausstellung mit großformatigen Pflanzenfotografien im Graphischen Kabinett von Günther Franke in München bestritten, wofür sie von dem Kunstkritiker Franz Roh euphorisch gefeiert worden war, und hatte kurz darauf wegweisende Arbeiten im Kunstblatt publiziert - schickte sie Aufnahmen an Carl Georg Heise, dem Direktor des Museums für Kunst- und Kulturgeschichte in Lübeck. Der kritisierte sie ziemlich vehement, lehnte ihre Arbeiten ab und empfahl ihr mehr oder minder deutlich, sich fürderhin gefälligst um Kinder und Küche zu kümmern. Wie gut, dass Aenne Biermann dieser Empfehlung nicht Folge leistete.

Zwischen 1929 und 1931 weitete sie ihr Spektrum, suchte nach neuen Themen und technischen Ansätzen in ihren Arbeiten. Ihr fotografischer Mikrokosmos in Schwarz-Weiß erfuhr eine Erweiterung. Ihre Aufnahmen von Architekturdetails und Boulevards in Paris weisen in ihrem Stil schon in die Zukunft der Fotografie voraus. Aenne Biermanns Aktaufnahmen, geprägt von starkem Licht- und Schattenspiel, Kontrasten und ungewöhnlichen Bildschnitten, wirken noch immer ungemein modern.

Aenne Biermann nahm in jenen Jahren an zahlreichen Ausstellungen teil - unter anderem im Museum Folkwang in Essen -, publizierte in verschiedenen Medien und erhielt im Herbst 1930 in der Buchreihe "Fototek", die sich mit der fotografischen Avantgarde beschäftigte, eine Monografie: "Aenne Biermann. 60 Fotos" war der zweite Band der außergewöhnlichen Reihe. Der erste war László Moholy-Nagy gewidmet. Auch ihr mitunter makabrer Humor kam in dieser Zeit zum Tragen: etwa, wenn sie eine Kalenderblattaufnahme auf das Bild eines Totenschädels belichtete und dem Werk den Titel "Vorgemerkt" gab. Oder wenn sie die Beine eines Skeletts wie bei einem Fußbad in einer Wanne arrangierte und unter die Aufnahme schrieb: "Mir ist so kühl".

Mit einem recht eigenwilligen Selbstporträt, einer Collage aus Fotografie, Zeichnung und Karton, endet die Ausstellung in München, die mit 100 ausgewählten Exponaten einen schönen Überblick über das Werk Aenne Biermanns gibt.

Aenne Biermann: Vertrautheit mit den Dingen, Pinakothek der Moderne München, bis 13. Oktober