Fotografie "Es tut nicht weh zu sterben, es tut weh zu leben"

Megan Hobson wurde mit einer AK-47 durch das Becken geschossen.

(Foto: Kathy Schorr)

Kathy Shorr fotografierte für ihren Bildband "Shot" Überlebende von Schussverletzungen. Das Buch ist eine Liebeserklärung an deren Stärke.

Von Juliane Liebert

Was ist mit denen, die überleben? Die Frage stand für Kathy Shorr am Anfang. Denn die Toten waren ständig da: Die Autorin arbeitete als Lehrerin und sah dabei oft Schüler, die laminierte Fotos an Ketten um den Hals trugen. Fotos von Freunden oder Familienmitgliedern, die erschossen worden waren. Doch allein im Jahr 2013, dem Jahr, in dem die Frage auftauchte, gab es in den USA auch 84 258 sogenannte "nichttödliche Verletzungen" durch Schusswaffen. Wer interessiert sich für die Betroffenen, fragte Shorr sich. Und begann, sie zu fotografieren.

Das Ergebnis: "Shot", das gerade bei Power House Books erschienen ist. Es zeigt Menschen, die überlebt haben. Einen Blues-Sänger, den Vizepräsidenten einer Bank, eine ehemalige Prostituierte, einen Psychologen. Kleinunternehmer, Büroangestellte, Sozialarbeiter, Hochschulprofessoren. Viele der Fotografierten sind jünger als 20 Jahre. Für "Shot" gingen sie zurück an die Orte, an denen sie angeschossen worden waren.

Bilder der Überlebenden

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Es war der Fotografin dabei wichtig, diese Menschen nicht als Opfer zu porträtieren. "Die Überlebenden gehen vorwärts: Mit Stärke, Mut und Zielstrebigkeit", schreibt Shorr im Vorwort des Bandes. Und so ist der Bildband auch keine Anthologie der Opfer, sondern eher eine Anthologie ihres Mutes. Die Bilder entstanden zwischen 2013 und 2015. Die Orte, an denen ihr Leben fast endete, sind erschreckend normal. Viele traf es in ihrem eigenen Zuhause, ihrem Auto. Andere in der Kirche, auf der Straße.

Zu dem, was sie da getroffen hat, wird im Einleitungstext Orwell zitiert: "Die ganze Erfahrung, von einer Kugel getroffen zu werden, ist sehr interessant ... Grob gesagt war es das Gefühl, im Zentrum einer Explosion zu stehen. Es schien ... ein blendender Lichtblitz um mich herum zu sein, und ich fühlte einen ungeheuren Schock - kein Schmerz, nur ein heftiger Schock, wie man ihn von einer Anschlussklemme bekommt; ein Gefühl der völligen Schwäche, das Gefühl, geschlagen und zu nichts geschrumpft zu werden." Doch Orwell war Soldat, die Protagonisten von "Shot" sind Zivilisten. Das macht die Geschichten, die sie erzählen, so todtraurig. Und manchmal ganz anders, als man erwarten würde.

"Tu es nicht! Schieß nicht auf Mama!"

Kate Ranta erzählt, wie ihr vierjähriger Sohn seinen Vater anflehte, weinte und bettelte: "Tu es nicht! Schieß nicht auf Mama!". Kaiba Young sagt, dass sie den Täter immer noch liebte, nachdem er auf sie geschossen hatte. Liz Hjelmseth berichtet: "Ich war acht Jahre alt, es war Halloween, als mein Bruder bei einem Kampf um meine Katze auf mich schoss. Ich ging auf die Toilette, um in der Badewanne zu sterben, weil ich dachte, es wäre einfacher für meine Mutter, dort hinterher zu putzen. Er folgte mir, entschuldigte sich und sagte mir, er hätte es nicht tun wollen. Das war das letzte Mal, dass Worte zwischen uns über den Schuss gewechselt wurden."

"Es tut nicht weh zu sterben, es tut weh zu leben", schließt Philip Gouaux, ein anderer Überlebender. Das Buch hätte leicht voyeuristisch werden können - das ist es nicht. Weil es nicht oberflächlich bleibt. Weil es Shorr darum geht, Individualität abzubilden. Das Buch zeigt die Narben und die Geschichten der Narben. Jede Narbe unterscheidet sich. Jede Geschichte ist anders, und sie alle haben es verdient, gesehen und gehört zu werden. "Shot" erzählt die Geschichten ohne Lust am Leid der Überlebenden. Es lässt sie selbst sprechen. Es ist eine Liebeserklärung an ihre Stärke.

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