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Fotografie:Je moderner die Porträt-Technik wurde, desto glatter wurde leider auch das Bild

Läuft es gut, lassen die Menschen sich ein, die Anspannung löst sich, fällt ab und mit ihr die Pose. Für einen Moment wird aus dem kecken Blick, dem eingeübten Lächeln, ein ehrlicher Gesichtsausdruck. Im besten Fall dringt die Kollodium-Fotografie durch die repräsentative Fassade. Im besten Fall legt der Kollodiunist das Innenleben frei.

Der Mensch hat schon immer am liebsten Menschen fotografiert. Gesichter in der Nahaufnahme, Personen in der Halbtotalen, Gruppenbilder. Es gibt wenig Kunstformen, die sich so hartnäckig halten wie das Porträt.

Aber je besser die Technik wurde, desto glatter wurde auch das Bild. Das In-Pose-Werfen ist dabei normal, fotografischer Branchenstandard. Das ehrliche Porträt dagegen bringt den Fotografen in Erklärungsnot. Oleg Farynyuk hat genau das für sich gesucht.

Alles fing damit an, dass er eine Frau nicht aus seinem Kopf bekam. Die Frau ging nach Berlin, Farynyuk reiste ihr aus Kiew hinterher. Aber es endete böse, und er schrieb sich an der Universität der Künste ein, Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation, also Werbung. "Keine gute Zeit", sagte er. Zu viel Pose. Zu viel Image. Zu viel heiße Luft.

Farynyuk warf hin und wurde DJ. Russendisko, Balkan-Klezmer-Swing der Zwanzigerjahre. Aber die Pose, das Image-Spiel, die Substanzlosigkeit, die blieb. Also warf Farynyuk wieder hin und erinnert sich an seine Filmleidenschaft. Jetzt wollte er Kameramann werden.

Im Wedding stieß er auf die Beuth-Schule, eine technische Hochschule mit einem Studiengang namens Kamera. "Wieder Katastrophe", sagt Farynyuk. Aber da gab es Peter Wutz, einen Fotografie-Professor, Spezialist für alte Kameras, Großformat, das Umständlichste, was es gibt. Am ersten Tag stellte sich der Professor vor seine Studenten und sagte: In diesem Semester werden wir an einem einzigen Bild arbeiten. Und Farynyuk dachte: Wahnsinn, genial. Ihm war ja immer alles zu schnell.

Ehrlicher als die modernen Techniken

Sein erstes Bild bei Peter Wutz brauchte dann auch sechs Monate. Er fotografierte einen sitzenden Soldaten und eine junge Frau, die ihre Hände auf seine Augen legt. Dazu schlich eine Katze über den Boden, und eine Birke stand dabei. Sehr russisch und schwermütig. Aber perfekt belichtet und komponiert.

Farynyuk gefiel das, ein halbes Jahr für so eine Komposition zu haben, nicht einfach zackzackzack. Kurz darauf sah er das erste Kollodium-Bild. Die dunkle Aura des vorvorletzten Jahrhunderts zog ihn sofort an. Düsterer zwar, aber irgendwie auch ehrlicher als die modernen Techniken. Damals verdiente Farynyuk gerade als Hochzeitsfotograf sein Geld.

Drei Wochen später bestellte Farynyuk seine erste bernsteingelbe Phiole in Belgien: Kollodium. In einem Russensupermarkt bekam er günstig Spiritus, aus Tschechien das Silberbad, Ammoniumiodid, Cadmiumbromid und Ether. Die Glasplatten kaufte er bei Pfennigland.

Er lebte fortan in der Dunkelkammer, auf der Suche nach der Rezeptur. Die Dunkelkammer war wie eine Mönchszelle, karg und einsam, mit den stechenden Dämpfen der Chemikalien und den Lampen, die nur Rotlicht spendeten. Er fotografierte Puppen zur Übung. Er war sehr einsam in dieser Zeit.

Zuerst kommen die Umrisse, anschließend schälen sich Gesichtszüge heraus

Immer wieder polierte er Glasplatten mit einer Mischung aus Kreide und Alkohol, wischte mit Spiritus hinterher, bestrich mit einer Eiweiß-Wasser-Verbindung die Ränder, träufelte das Kollodium aufs Glas, tauchte die Platte in ein Silberbad, spannte die Platte in einen Holzkasten von der Größe einer Schublade, verschloss die Schublade und trug sie ins Studio, machte ein Puppenbild und kehrte für die Entwicklung zurück in die Dunkelkammer.

Nach sechs Monaten machte es dann "wusch", sagt Farynyuk, und in der Entwicklerschale tauchte, gehüllt in einer weißen Wolke, endlich ein Bild auf: die Puppe. Er sagte sofort alle Hochzeiten ab.

Seitdem widmet er sich nur noch der alten Fotografie. Das digitale Knipsen hat er aufgegeben, seine Frau beschwert sich schon. Alle Kameras mit einem Display sind im Keller eingeschlossen, und wenn ihn jemand fragt, als was er so arbeite, sagt er: "Ganz einfach, als Kollodiunist."

Es geht bei dieser Kunst auch darum, was der Mensch für ein Bild von sich abgibt. Jeder Mensch ringt um dieses Bild vom Ich, jeder kämpft. Oleg Farynyuk will deshalb auch immer die Kunden dabeihaben, wenn ihr Bild reagiert. Wenn die 30 Sekunden vorüber sind, die Platte belichtet und die Fotosession vorbei ist, nimmt der Kollodiunist deshalb den Porträtierten mit nach nebenan, vom gleißenden Licht in die Dunkelkammer, wo nur das Rotlicht funzelt und der Geruch von Chemikalien sie umfängt. Ein kleiner, enger Schlauch von Raum. Dort beginnt die Alchemie.

"Die meisten sind dann noch benommen und aufgeregt", sagt Oleg Farynyuk. Weich und irritiert vom langen Sitzen, den Gesprächen, dem Licht und den 30 Sekunden Belichtung, dieser Ewigkeit. In der Dunkelkammer plätschert Wasser ins Entwicklerbad, das Rotlicht surrt. Zuerst kommen die Umrisse, anschließend schälen sich Gesichtszüge heraus, eine kleine Geburt. Und spätestens dann reagiert auch der Mensch.

© SZ vom 30.07.2016/muth/pak
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