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Fotograf Michael Ruetz:"Allen fehlt die Geduld"

Michael Ruetz Timescape 817

Zwischen 1989 und 2012 fotografierte Michael Ruetz in Timescape 817 eine Landschaft mit Wiesen, Gehöft und Horizont.

(Foto: Michael Ruetz)

Mehr als 20 Jahre lang hat Michael Ruetz immer wieder ein- und dasselbe Landschaftsmotiv fotografiert. In seinen Großprojekten arbeitet er ohne Eile und ohne Druck. Ein Gespräch über Innehalten, Vergänglichkeit und die Dramatik vor der Haustür.

Von Carolin Gasteiger

Süddeutsche.de: Für "Die absolute Landschaft" haben Sie zwischen 1989 und 2012 mehr als 2000 Mal eine Aufnahme gemacht. Das Motiv ist immer dasselbe - der Blick auf eine oberbayerische Landschaft. Und doch sind die Aufnahmen überraschend facettenreich.

Michael Ruetz: Die Bilder sind eine Antithese zur emsigen Reisefotografie, wie sie viele gängige Zeitschriften oder Tourismusprospekte betreiben. Ihre Fotografen reisen unentwegt durch die Welt und meinen, dort das Dramatische zu finden. Aber auch an einem einzigen Ort, ganz gleich wo, können höchstdramatische Licht- und Himmelsphänomene auftreten, setzen Wetter, Wind und Wolken die Landschaft in Szene. Man muss dafür nicht pausenlos zwischen Alaska, Feuerland und dem Nordpol unterwegs sein.

Michael Ruetz

Als Fotoreporter für den Stern hielt Michael Ruetz aufregende Momente fest: Seine Aufnahmen der Studentenbewegung in den Sechzigern, darunter Rudi Dutschke am Mikrofon, machten den gebürtigen Berliner bekannt. Als Ruetz aus dem schnelllebigen Geschäft ausstieg, entdeckte er die Langsamkeit für sich: In mehreren längerfristigen Projekten widmet er sich den Themen Zeit und Vergänglichkeit - darunter fallen auch die Bilder aus seiner aktuellen Serie "Timescape 817".

Wir müssen also - egal wo - nur auf den richtigen Moment warten?

Warten allein nützt nichts. Es gilt, aktiv zu warten, mit höchster Aufmerksamkeit am Geschehen teilzunehmen. Wann der entscheidende Moment ist, bestimmt man selbst.

Aber?

Allen fehlt die Geduld. So viel Zeit und Warten kann sich heute niemand mehr abverlangen. Was ja auch verständlich ist. Auch malende Künstler nehmen sich nicht gerade viel Zeit. Studenten an meiner Hochschule (Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, Anm. d. Red.) würden am liebsten schon im dritten Semester eine eigene Ausstellung machen, anstatt sich Zeit zu lassen. Das ist heutzutage so.

Völlig neu ist diese Beschleunigung nicht. Als Stern-Fotograf unterlagen Sie Anfang der Siebziger selbst den Zwängen eines aktuellen Mediums. Vor 40 Jahren haben Sie gekündigt - ein Befreiungsschlag?

Ich konnte mir als Journalist einfach nicht genug Zeit für etwas nehmen. Seitdem mache ich nur noch meine eigenen Projekte, keine Auftragsfotografie mehr. Das ist zwar anstrengend, aber in der Tat sehr befreiend. Und noch besser: Ich gebe meine Souveränität nicht auf.

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