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Foto-Ausstellung:Ein Zweitausendstel der Gier nach Leben

Die Fotografin Loredana Nemes ist mit ihren Werken voll kalkulierter Poesie in Berlin zu sehen.

Von Jens Bisky

Die Kreatur will fressen. Sie stürzt hinab, einen Brocken zu erhaschen, drängt Konkurrenten beiseite, rangelt, drängelt und fliegt wieder auf. An der Spree hat die Fotografin Loredana Nemes eine Möwenfütterung im Winter beobachtet, beeindruckt vom Gekreisch und der ungebrochenen Gier nach Leben. Dem bloßen Auge erscheinen die Szenen als wirres Durcheinander, es geht zu schnell, um einen klaren Eindruck, ein Bild festzuhalten.

Auf den Fotografien ihrer Serie "Gier" scheint die Möwengier gebändigt zum Ballett weißer Federn über dem tiefschwarzen, ornamental gekräuselten Spreewasser. Die Aufnahmen entstanden im Verlauf von drei Jahren. Dank einer Belichtungszeit von einer Zweitausendstelsekunde zeigen sie, was man anders nicht sieht. Dies festzuhalten, ermögliche die "fotografische Guillotine", sagt Loredana Nemes. Sechs ihrer Fotozyklen hat sie für eine große Einzelausstellung in der Berlinischen Galerie zusammengestellt. Jeder folgt einem anderen Konzept, gemeinsam ist ihnen, dass Nemes mit großer Geduld und Behutsamkeit einen neuen Blick auf die so oft fotografierte Welt wirft. Sie unterwirft sich dabei selbst gewählten Regeln, um freier, klarer zu sehen.

Die unaufdringliche Neugier auf Menschen ist ihr geblieben, ihre Verfahren hat sie variiert

Loredana Nemes, 1972 in Sibiu in Rumänien geboren, kam im Alter von 14 Jahren nach Deutschland, studierte Germanistik und Mathematik in Aachen, bis sie beschloss, Kunst zu machen, und nach Berlin zog. Bekannt wurde sie mit Porträts - etwa von U-Bahn-Fahrgästen in Moskau, Paris, Berlin und anderen Städten. "Under Ground" hieß die Serie. Die unaufdringliche Neugier auf Menschen ist ihr geblieben, ihre Verfahren hat sie variiert. 2014 bat sie mitten im rheinischen Karnevalstrubel Feiernde, Verkleidete in ihr provisorisches Straßenatelier und fotografierte sie, den junge Mann in Uniform, das Mädchen mit Lockenperücke, den älteren Herren mit seltsamem Gebilde auf dem Kopf. Der Gestus der Aufnahmen im Zyklus "Der Auftritt" ist ein dokumentarischer, die Porträtierten aber wirken rätselhaft, wie aus der Zeit gefallen.

Mit einer Großbildkamera und Stativ hat Loredana Nemes 2008 begonnen, die vielen türkischen und arabischen Cafés in Berlin von außen zu fotografieren. Sie kam nach Einbruch der Dunkelheit, nahm sich Zeit. Schließlich porträtierte sie einige der Männer hinter den Scheiben. Man sieht fremde Gesichter, Schemen, Augen, Bärte, entschlossene Gesichter. "Beyond" entstand zwischen 2008 und 2010 und ist auch ein Kommentar zur wechselseitigen Wahrnehmung verschiedener Milieus und Kulturen. Aber nicht nur das allein. So wie auf diesen Fotografien erscheint dem Großstädter seine Umgebung: in Ausschnitten, Fragmenten, undeutlich, als Kulisse, die gleichermaßen abweisend wie verlockend wirkt, als Herausforderung an Fantasie und Taktgefühl, weil man meist mehr vermutet als weiß.

In ihrer neuesten Arbeit - "23197" - hat Loredana Nemes die Unschärfe auf die Spitze getrieben. Im Kontrast und in Ergänzung zu "Gier" geht es um Angst, ein diffuses und lähmendes Gefühl. Was auf den farbigen Fotografien zu sehen ist, muss der Betrachter raten oder nachlesen, erst dann erschließen sich Details. Die Bilder zeigen parkende Lastkraftwagen, im Abstand von wenigen Metern frontal aufgenommen, als gelte es den Augenblick festzuhalten, indem ein LKW auf dich zurast. An den Wänden buchstabieren Inschriften das Gefühl der Angst: in Permutationen - "ASTNG, GNSTA" -, in Konjugationen - "ich wüte, du wütest" und kurzen Sätzen wie "Angst atmet anders. Angst berichtet besessen von Bärtigen. . . . Angst erntet Echo". Der Zyklus aus abstrakten wirkenden Bildern und begleitenden Texten wird zur Allegorie eines Seelenzustands, der Überwältigung und Ohnmacht. Das ist der extreme Gegenpol zu "Blütezeit", einer Serie von Gruppenporträts Jugendlicher. Nemes hat die Mädchen und Jungen zusammen Aufstellung nehmen lassen, dann aber jeden für sich fotografiert und die einzelnen Aufnahmen zur großen Tableaus montiert - ein weiteres Verfahren, das Gewöhnliche mit den Mitteln der Fotografie zu verklären. So sind Bilder der Freundschaft und des Vertrauens, des Zusammenseins entstanden, auf denen dennoch jedes Ich im Zentrum steht. Loredana Nemes vereint Kalkül und Poesie zu einem skeptisch romantisierenden Blick auf die Schönheit des Lebens. Man verlässt die Ausstellung im Zustand robuster Heiterkeit.

Loredana Nemes. Gier, Angst, Liebe. Fotografien 2008-2018. Bis 15. Oktober 2018. Berlinische Galerie. Der Katalog, herausgegeben von Thomas Köhler und Ulrich Domröse, kostet 24,80 Euro. Info: www.berlinischegalerie.de

© SZ vom 10.07.2018

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