Neu in Kino & Streaming:Welche Filme sich lohnen und welche nicht

Lesezeit: 4 min

PASSING; Passing Film

Täuschung mit Folgen: Ruth Negga (hinten) und Tessa Thompson in "Seitenwechsel / Passing".

(Foto: Netflix)

Der Traum der Swinging Sixties wird zum Horrortrip, The Rock jagt Juwelendiebe, Albert Speer wird entlarvt - die Starts der Woche in Kürze.

Von den SZ-Kritikern

King Otto

Holger Gertz: Ein bisschen gewagt ist es natürlich schon, ein Homer-Zitat einzublenden, ganz am Anfang einer Dokumentation über einen Fußballtrainer. Aber bitte: Otto Rehhagel, Bergmannssohn aus Essen, ist 2004 mit den Griechen, die vorher nie was gewonnen hatten, Europameister geworden. Diese Heldentat - und wer wollte bezweifeln, dass es eine wäre - hat eine Widmung von Homer absolut verdient. Der ganze Film des griechisch-amerikanischen Regisseurs Christopher André Marks ist eine Hommage an König Ottos Leben und Werk. Gründlich, viele Spieler aus der Mannschaft erzählen von Otto, und Otto (inzwischen 83) erzählt auch von Otto - was er immer schon gern getan hat. Das wäre womöglich etwas viel der Romantik, wenn nicht tatsächlich ein Fußballwunder besungen würde, das es im heutigen Zeitalter des komplett ausgemessenen und durchanalysierten Kickbetriebs vermutlich nicht mehr geben könnte.

Billie - Legende des Jazz

Annett Scheffel: 200 Stunden Tonbandaufnahmen sammelte die Journalistin Linda Lipnack Kuehl in den Siebzigerjahren für eine nie veröffentlichte Biografie über Billie Holiday: Gespräche mit Musikern wie Charles Mingus und Count Basie, Schulfreunden, Liebhabern, Zuhältern und FBI-Agenten. Aus diesem Stimmenreigen setzt James Erskine nun in seiner sehenswerten Dokumentation ein neues komplexes Bild der legendären Jazzsängerin zusammen. Holiday erscheint zwischen Erfolgen und Exzessen als große Künstlerpersönlichkeit, die mit Geschlechterrollen und rassistischen Vorurteilen brach, aber am Leben scheiterte.

Eine Handvoll Wasser

Nicolas Freund: Konrad schießt auf Flüchtlingskinder. Klar, alter weißer Mann, was sonst, denkt man vielleicht. Aber selbst Konrad, den Jürgen Prochnow mit viel unterdrückter Wut und Trauer spielt, merkt sofort: Die junge, aus Jemen geflohene Thurba wollte nicht bei ihm einbrechen, sondern sucht Hilfe. Er versorgt ihre Wunde, kocht ihr Essen, kauft ihr die Kleidung, die sie cool findet. Dafür hilft sie ihm mit seinem riesigen Aquarium im Keller. Jakob Zapfs Kinodebüt lässt zwei stark strapazierte Gegensatzfiguren aufeinander los und schafft es, ihnen eine Tiefe jenseits der Klischees zu geben. Trotz einiger starker Szenen zwischen den beiden fühlt sich das alles aber mehr nach Aktivismus aus der Drehbuchwerkstatt als nach Kinofilm an.

The Human Voice

Fritz Göttler: Eine Frau droht durchzudrehen, ihr Geliebter hat sie verlassen, sie hofft, genervt, verzweifelt, aggressiv, auf einen Anruf von ihm ... Dreißig Minuten geballter Pedro Almodóvar, geprägt von den Erfahrungen der Lockdowns, nach einem Einakter, von Jean Cocteau, den Roberto Rossellini schon mal verfilmte, mit Anna Magnani. Diesmal spielt Tilda Swinton die Frau, ganz für sich mit ihrem Luxus, ihrer Extravaganz, ihrer Fashion, und mit jeder Bewegung macht sie die Leere spürbar, die plötzlich um sie ist. Was vom Melodram bleibt ... Am Anfang sieht man Swinton in einem Haushaltswarenladen eine Axt kaufen. (Am 14.11. in ausgewählten Kinos. Ausführliche Rezension hier.)

Last Night in Soho

David Steinitz: Die junge Eloise (Thomasin McKenzie) kommt vom Land nach London, um Modedesign zu studieren. Doch die moderne Großstadt ist ein grausliger Ort, weshalb sie sich nachts zurück ins London der Swinging Sixties träumt. Oder träumt sie gar nicht? Denn der Knutschfleck von dem Gentleman aus dem verrauchten Nachtclub ist auch am nächsten Tag noch da. Ein eleganter Nostalgie-Trip von Edgar Wright, in dem die Grenzen zwischen Wunsch- und Albtraum fließend sind.

Lieber Thomas

Hilmar Klute: Thomas Brasch war der wildeste und kompromissloseste Dichter der DDR, seine Stücke und Gedichte sind Hammerschläge auf die deutsche Seele. Andreas Kleinert hat einen Film über den im Osten wie im Westen so rebellischen Brasch gedreht - eine außergewöhnlich kunstvoll und intelligent gemachte Filmbiografie mit einem grandiosen Albrecht Schuch in der Rolle des Schriftstellers. Schucht zeigt Braschs zwischen Exzess und Verzweiflung pendelndes Boheme-Leben mit Frauen, Koks und politischer Opposition. Der Film lebt von einem selten gesehenen Realismus, den Kleinert immer wieder durch irre Traumfantasien durchbricht. Jella Haase spielt Braschs Freundin Katharina Thalbach, mit der er in den Westen geht, um berühmt und vermarktet zu werden. Das Elend des Genies, das am Ende die Sprache verliert - Andreas Kleinert hat aus dieser Tragik ein rasantes, traurig-witziges Kunstwerk gemacht, das von der Sprache der Poesie lebt und vom fabelhaften Spiel von Jörg Schüttauf als Vater und Peter Kremer als der späte, vom Leben Abschied nehmende Thomas Brasch.

Seitenwechsel - Passing

Tobias Kniebe: Nella Larsens Roman "Passing" von 1929 ist ein viel analysierter Meilenstein der afroamerikanischen Frauenliteratur, aber wie viele berühmte Bücher ergibt das nicht unbedingt einen packenden Film. Die Regisseurin Rebecca Hall bleibt der Vorlage treu, filmt ihre Protagonistinnen (Ruth Negga und Tessa Thompson) sogar in Schwarz-Weiß und im altertümlichen 4:3-Format.Der offensichtliche Sprengstoff des Plots - Negga als hellhäutige Afroamerikanerin gibt sich als weiß aus und heiratet einen krassen weißen Rassisten - führt jedoch lange Zeit zu nichts, weil ihre Freundin und andere Schwarze der Upper Class sehr höflich um das Problem herumreden. Das entspricht womöglich der Epoche, für Spannung sorgt es nicht. (Netflix, Start 10.11.)

Red Notice

David Pfeifer: Es geht um den Raub von drei rasend wertvollen ägyptischen Schmuck-Eiern aus einem Museum, einem Safe und einer alten Schatzkammer der Nazis. Tatsächlich aber geht es darum, Dwayne Johnson, Ryan Reynolds und Gal Gadot in die Verführungsmechanik eines Netflix-Blockbusters einzubinden. Wer also über The Rock und Deadpool lachen kann und Wonder Woman abnimmt, dass sie beiden Typen einheizen kann, wer außerdem James Bond, Indiana Jones und "Ocean's Eleven" mag, wird auch diesen Film von Rawson Marshall Thurber mögen. Und das dürften eine ganze Menge Menschen sein. (In einigen Kinos, auf Netflix ab 12.11.)

Die Rettung der uns bekannten Welt

(Der Film wurde vorab nicht gezeigt)

Speer Goes To Hollywood

Philipp Stadelmaier: 1971 schreibt Kubrick-Protegé Andrew Birkin das Drehbuch zu einer geplanten Paramount-Verfilmung von Albert Speers "Erinnerungen", den er ausführlich interviewt. Transkripte der Tonbandaufnahmen ihres Gesprächs, bei dem sich Speer als "guter Nazi" reinwaschen will, hat Vanessa Lapa nachvertonen lassen und mit Archivmaterial bebildert. Zum Glück wurde der Paramount-Film nie gedreht. Eine akkuratere Version von Speer liefert diese entlarvende Dokumentation.

Who's Afraid of Alice Miller?

Martina Knoben: Vehement trat die Psychologin Alice Miller ("Das Drama des begabten Kindes") für Kinderrechte ein - hat selbst als Mutter aber wohl versagt. Ihr Sohn Martin Miller berichtet, dass sein Vater ihn täglich geschlagen habe, die Mutter habe tatenlos zugesehen. Mit dem Filmemacher Daniel Howald hat sich der fast 70-Jährige auf eine Spurensuche begeben, um seine Eltern besser zu verstehen. Eine bewegende Doku ist so entstanden: die Anklage eines tief verletzten "ewigen" Kindes, aber auch der Versuch, Generationen übergreifende Traumata nachzuvollziehen. Gab Alice Miller, die als Jüdin den Holocaust überlebte, den Schrecken des Krieges an ihren Sohn weiter?

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Der Schriftsteller Thomas Brasch legte sich mit dem DDR-Regime an. Jetzt erzählt ein Kinofilm seine Geschichte. Wie fühlt es sich an, einen Spielfilm über den eigenen Bruder zu sehen? Ein Gespräch mit seiner Schwester Marion Brasch über Wahrheit und Fiktion.

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