Filmkritik "A Bigger Splash":Dumpfbackige Eifersucht

Filmkritik "A Bigger Splash": Auch Dakota Johnson, der Star der "Fifty Shades of Grey" ist am neuen Swimmingpool mit dabei.

Auch Dakota Johnson, der Star der "Fifty Shades of Grey" ist am neuen Swimmingpool mit dabei.

(Foto: Studiocanal)

Luca Guadagnino versucht sich an einem Remake des Delon-Schneider-Klassikers "Der Swimmingpool" von 1969.

Von Tobias Kniebe

"A Bigger Splash" ist die Neuverfilmung einer Story aus dem Jahr 1969, und das ist fast schon das Erhellendste, was man darüber sagen kann. Zugrunde liegt Jacques Derays "La Piscine" aka "Der Swimmingpool", ein Klassiker mit Alain Delon, Romy Schneider, Maurice Ronet und Jane Birkin. Kennt man diesen Vorläufer nicht, werden einem Luca Guadagnino und sein aktuelles Werk ein völliges Rätsel bleiben.

Kennt man ihn aber doch, versteht man immerhin eines: Die Filmemacher der Gegenwart wollten hier alles ganz, ganz anders machen als die Filmemacher von damals. Das scheint bei jeder seltsamen Entscheidung der wichtigste Impuls zu sein.

Es beginnt mit dieser speziellen Stimmung am Pool: Hitze, Trägheit, Schweißperlen auf gebräunter Haut. Am Pool passiert ja eigentlich nichts, damals wie heute, da ist es schon ein Großereignis, wenn sich ein halb nackter Körper umdreht. Zugleich ist dieser Stillstand hocherotisch aufgeladen, jederzeit kann verboten begehrt, wild kopuliert, geliebt, gehasst, ja sogar aus Eifersucht gemordet werden.

In den Sixties wusste man noch, wie man diesen Effekt erzeugt. Da gab es eine Villa bei St. Tropez, die praktisch nie verlassen wurde. Erotik will Guadagnino auch, aber die Trägheit hält er nicht aus. Ständig produziert er Hektik, schickt seine Protagonisten von Ausflug zu Ausflug, auch wenn seine Location - die Vulkaninsel Pantelleria vor Sizilien - im Grunde hässlich und zu Recht eher unbekannt ist.

Warum Pantelleria? Offenbar, weil die Insel ganz nah an Tunesien liegt und dort gelegentlich afrikanische Bootsflüchtlinge anlanden. Diese Flüchtlinge benutzt der Film als Kolorit. Sie geben oder nehmen der Geschichte nichts, sollen aber Zeitgenossenschaft suggerieren, was lächerlich wirkt. Gerade im Kontrast war es eine Entscheidung von großer Weisheit, dem alten Film nicht einmal Spurenelemente von Weltpolitik beizumischen, etwa vom Pariser Mai 1968.

Weiter geht es mit der Vierer-Konstellation des überkreuzten Begehrens. Da ist das Paar, das Urlaub in der abgeschiedenen Villa macht: Alain Delon und Romy Schneider, äußerlich ein wenig zu triumphal füreinander bestimmt, wobei gerade unter ihren perfekten Oberflächen auch Unglück, Zweifel und Langeweile lauern. Dazu kommt ein früherer Lover der Frau, Maurice Ronet, der seine Teenage-Tochter mitbringt, Jane Birkin.

In der Romy-Schneider-Rolle wollte Luca Guadagnino seine Fetisch-Schauspielerin Tilda Swinton sehen, die er möglichst in jedem seiner Filme unterbringt. Swinton ist allerdings, in ihrer bleichen androgynen Schönheit, so etwas wie die fleischgewordene Sonnenallergie. Sie nackt an den Pool zu legen kommt einer konzeptuellen Vergewaltigung gleich.

Den Delon-Part übernimmt Matthias Schoenaerts, ein Belgier mit austrainierten Brustmuskeln, der im aktuellen Autorenkino (etwa bei Jacques Audiard) immer dann glänzt, wenn es den Part einer sexy Dumpfbacke zu besetzen gilt. Eine solche spielt er auch hier, womit aber zwei zentrale Ideen des alten Films leider sterben. Erstens ist es sinnlos, vom Unglück eines triumphal füreinander bestimmten Paars zu erzählen, wenn das Paar eher ein odd couple ist, bei dem man sich fragt, welch seltsame Kräfte es überhaupt zusammenhalten. Und zweitens war die Beziehung damals recht komplex, beide Parteien wussten um die inhärente Grausamkeit menschlicher Anziehungskräfte. Das geht mit Dumpfbacken nicht, da geht nur simple, stockkonservative, dumpfbackige Eifersucht.

Ralph Fiennes in der Maurice-Ronet-Rolle gibt einen bärtigen Rock-Produzenten, eine One-Man-Show, bei der niemand sonst zu Wort kommt, Egozentriker und Dramaqueen, aber immerhin getrieben von echter Leidenschaft - für Tilda Swinton, die er zurückerobern will. Als wolle er den Film im Alleingang retten, dreht Fiennes unglaublich auf. Allerdings wirkt seine Performance so überanstrengt wie sein Plan, in jeder Einstellung am Pool krampfhaft den Bauch einzuziehen.

Schließlich Dakota Johnson, offenbar die zeitgenössische Antwort auf Jane Birkin. Mal abgesehen davon, dass ihr schon das Drehbuch keine spielbare Figur schenkt, schockiert ihr Mangel an Ausstrahlung hier dann doch. Mit mindestens drei "Fifty Shades of Grey"-Verfilmungen soll dieses wandelnde Nichts dereinst der Erotikstar sein, den dieses Jahrzehnt hervorgebracht hat? Aber bitte doch nicht.

Dass die Meister früherer Zeiten ihren langen Schatten über die Gegenwart werfen, wird ja oft gesagt - aber nach dem Ende von "A Bigger Splash" spürt man diese Last doch sehr konkret. Ein Werk, dass sich ganz aus der Negation eines Vorbilds speist, erzeugt im Zweifelsfall gar keinen eigenen Impuls mehr - außer einer plötzlichen, fast unstillbaren Sehnsucht nach der Vergangenheit.

A Bigger Splash, F/IT/GB 2015 - Regie: Luca Guadagnino. Buch: David Kajganich, Alain Page. Kamera: Yorick Le Saux. Musik: Robin Urdang. Mit Tilda Swinton, Ralph Fiennes, Matthias Schoenaerts, Dakota Johnson. Studiocanal, 125 Minuten.

Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB