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Filmhochschule in Indien:Superhelden der Sanitärhygiene

Filmstill "Toilet" für Reportage über indisches Kino; © Verleih.

Einer der größten Hits der letzten Jahre ist der Film "Toilet".

(Foto: Verleih)

Ein Besuch in der Filmhochschule von Pune, die das indische Kino prägt.

Von der indischen Filmindustrie, einer der produktivsten und umsatzstärksten der Welt, ist außerhalb Indiens wenig bekannt. Vielleicht der Superstar Shah Rukh Khan, oder die Tatsache, dass die Happy Ends der Liebesgeschichten manchmal in den Schweizer Bergen gedreht werden, wegen der schönen Kulisse. Wer unironisch einen Bollywood-Film sehen will, der war vielleicht in "Slumdog Millionaire".

Doch das hört Bhupendra Kainthola, Leiter des "Film and Television Institute of India" in Pune, nicht gerne. "Slumdog Millionaire ist kein Bollywood-Film", sagt er schnell, wenn man ihn fragt, warum die indische Filmindustrie nur einen Oscargewinner vorweisen kann. Tatsächlich wurde "Slumdog Millionär" zwar in Indien gedreht, aber mit englischem Geld von einem englischen Regisseur.

Das Film- und Fernseh-Institut ist in einer ruhigeren Gegend der sonst übervollen Stadt Pune gelegen - deutschen Hippies ist die Stadt als Poona geläufiger. Ein paar alte Bäume mit tief hängenden Kronen geben der Straße etwas Idyllisches, es sieht fast aus wie eine Auenland-Kulisse. Das Institut selbst sieht aus wie eine Behörde, Bhupendra Kainthola empfängt seine Besucher im Kino, das für besseren Klang mit flauschigem Teppich ausgelegt wurde, weswegen man die Schuhe ausziehen soll. Hier lernen Filmstudenten Produktion, Regie, Schnitt, "wer die Schule verlässt, hat quasi einen Job sicher". Über 800 Spielfilme werden pro Jahr in Indien gedreht, und die Kinos sind voll. Deswegen bewerben sich auch häufig Menschen, die bereits etwas ganz anderes gelernt haben, "70 Prozent unserer Studenten haben schon einen Bachelor in einem Ingenieursstudium" sagt Kainthola, manche haben vorher Karriere bei Google und Amazon gemacht. Aber Film, das bleibt eine Traumindustrie. In Indien machen heute noch viele junge Menschen das, was ihre Eltern, ihre Kaste, ihre Glaubensrichtung ihnen vorschreiben. Zum Film zu gehen, bedeutet auch, sich in die Freiheit zu trauen. "Die indische Gesellschaft ist im Umbruch" erklärt Bhupendra Kainthola, "sehen Sie sich nur die letzten großen Blockbuster an". Der größte indische Film-Hit des vergangenen Jahres war "Padman", die wahre Geschichte eines Mannes, der eine günstige Methode zur Herstellung von Damenbinden erfunden hat. Gegen dessen Erfolg kam nicht mal "Thugs of Hindostan" an, ein Abenteuer-Actionfilm im Stil von "Fluch der Karibik". Warum? "Weil "Padman" sich mit einem sozialen Problem auseinandersetzt", sagtKainthola. "Die Leute gehen nicht mehr nur ins Kino, um Märchen zu erleben, sondern um etwas zu sehen, was mit ihrem Leben zu tun hat." Das ist eine Revolution auf dem indischen Filmmarkt.

6125 Bewerber hatte die Schule in diesem Jahr. 110 Studenten wurden neu aufgenommen

"Padman" hört sich absichtlich an wie ein Superheld. Um einigermaßen begreifen zu können, wie der Film überhaupt sein Thema finden und dann auch noch so ein großer Erfolg werden konnte, muss man wissen: die Monatsregel bei Frauen ist in Indien immer noch ein Tabu. Es wird nicht darüber gesprochen, Frauen gelten als unrein, wenn sie ihre Tage haben, sie dürfen nicht in die Schule, nicht in die Tempel, nicht in den Häusern schlafen. Wie Lakshmi, der Held von "Padman" irgendwann verzweifelt feststellt, als seine Frau mal wieder draußen auf dem Balkon übernachtet: "Fünf verlorene Tage im Monat. So viel Lebenszeit vergeudet." Der Film verhandelt Moralfragen und gesellschaftliche Gerechtigkeit. Bester Neorealismus eigentlich, aus den Mühen des Alltags zu erzählen, nur dass hier gleichzeitig auf den Massenmarkt geschielt wird, der praktischerweise im Inland zu finden ist, weswegen man erst mal keine Konzessionen an internationale Verwertbarkeit machen muss. Dass Hygiene ein Riesenproblem ist in Indien - es gibt kaum öffentliche Toiletten in einem der bevölkerungsreichsten Länder der Welt - sieht man jeden Tag auf der Straße. Männer pinkeln irgendwo hin. Frauen müssen ewig suchen. Die nationalistische Regierungspartei BJP hat sogar erfolgreich Wahlkampf damit gemacht.

Es wundert also auch nicht, dass der große Hit des vorvergangenen Jahres "Toilet" hieß. Er behandelt, man ahnt es, das Problem der mangelnden Toiletten. Der Held muss seiner frisch angetrauten Frau eine Toilette bauen, gespielt wird er, wie der "Padman", von Bollywood-Star Akshay Kumar, der eigentlich im Actiongenre bekannt wurde. Die Frau stammt aus besseren Verhältnissen, wo man schon sanitäre Einrichtungen im Haus kennt und zieht zu ihrem Mann aufs Land. Doch sogar der Brahmane, der Dorfweise, empfindet es als Frevel, wenn man eine Außentoilette mit Spülung anbaut, damit die Frau nicht mehr gemeinsam mit den anderen Frauen zur Verrichtung des großen Geschäfts vor das Dorf gefahren werden muss. Im Film wird auch die Bürokratie und Korruption im Land angeprangert, denn eigentlich sollten öffentliche Toiletten längst auch auf dem Land gebaut sein. Dazu die Sexualmoral, Gleichberechtigung, ähnlich wie in "Padman".

Dass die neuen indischen Filmemacher mehr auf die Probleme ihres Landes blicken und weniger Märchen inszenieren, ist laut Bhupendra Kainthola eine Entwicklung, die große Folgen nach sich zieht. Es ist nicht ganz einfach, diese Themen filmisch umzusetzen, weil die Moralhüter in Indien immer noch mächtig sind. Paare dürfen sich auf der Leinwand nicht küssen, was Liebesfilme für westliche Betrachter manchmal albern wirken lässt, selbst wenn die Thematik ernst ist. Man muss "Toilet" und "Padman" als eine Mischung aus Kino und Telekolleg betrachten, wenn man nicht aus Indien stammt, dann sind sie sehr aufschlussreich. Unterhaltsam sind sie sowieso, sie entsprechen eher dem, was Till Schweiger hierzulande auf die Leinwand bringt, weniger dem, was Michael Haneke inszeniert. In Deutschland findet man beide Filme auf "Netflix".

Überhaupt die Streaming-Dienste, Youtube, Internet-TV "es entstehen in den vergangenen Jahren ganz neue Märkte", wie Kainthola erklärt. "Wir können gar nicht so viele Leute ausbilden, wie die Industrie aufnehmen kann."

Auf dem Gelände des Filminstituts in Pune befindet sich eine alte Lagerhalle, in der Studenten eine Kamerafahrt in einer Kulisse üben, die genau so aussieht, wie die Straße, etwa 200 Meter entfernt. Pastelfarbe blättert von den Wänden, die Ziegelsteine der Mauer sind angestoßen, die drei Studenten fahren mit einer Arriflex-Kamera auf einer Schiene vor und zurück. Sie wechseln sich ab, damit jeder mal ran darf. Sie lächeln ein wenig verschämt, wenn man ihnen zusieht. Vielleicht auch nur glücklich. 6125 Bewerber hatte die Filmschule in diesem Jahr, 110 Studenten wurden aufgenommen.

© SZ vom 27.12.2019

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