bedeckt München 13°
vgwortpixel

Filmgeschichte:Wenn's dir schlecht geht ...

Seit 1912 wurden hier Filme gezeigt.

(Foto: Rainer Hacken/mauritius)

Nach 107 Jahren schließt in Wien das Bellaria-Kino. Oder doch nicht?

Kaum ist es dunkel im Saal, da geht es schon los. Film ab, ohne Werbung, ein wohliges Flimmern und Knistern, und das Publikum erfreut sich beim Vorspann an den klingenden Namen: Willy Birgel! Heidemarie Hatheyer! "Mein Herz darfst du nicht fragen", heißt es an diesem Nachmittag, gedreht anno 1952. Es geht um tüchtige Flüchtlinge, um einen guten Gutsherrn, und vor allem geht es um "die große Liebe einer Mutter", wie es der Untertitel verheißt. Herz und Schmerz in Schwarz und Weiß. Es sind Tränen und Dramen aus längst vergangenen Zeiten - gezeigt in einem Wiener Kinosaal, dessen Tage nun auch gezählt sind. Denn das legendäre Bellaria-Kino wird an diesem Donnerstag geschlossen. Der Vorhang fällt nach 107 Jahren. Es ist ein Verlust.

"Unvergessene Filme, unvergessene Stars", so steht es über dem Eingangsportal im 7. Wiener Gemeindebezirk. Seit 1912 werden hier Filme gezeigt. In den Sechzigerjahren spezialisierte man sich, gern auch geschichtsvergessen, auf das meist fröhliche Filmerbe der Kriegs- und Nachkriegsjahre. Besitzer Erich Hemmelmayer führt das Kino in der dritten Generation. "Es rechnet sich nicht mehr", sagt er nun, und auch die Erweiterung des Programms auf abendliche Arthouse-Filme hat nicht geholfen. Sentimentalität will er nicht aufkommen lassen. Keine Spendenaufrufe, keine Interviews, kein Drama. "Für mich ist das erledigt, abgeschlossen", sagt er knapp am Telefon.

Wirtschaftlich gesehen ist dies nur ein weiteres Kapitel im allgemeinen Kinosterben. In der großen Filmstadt Wien gab es auf dem Höhepunkt in den Fünfzigerjahren mehr als 200 Lichtspielhäuser. Geblieben sind davon nur noch gut zwei Dutzend. Das sind ungefähr so viele wie schon vor hundert Jahren. Doch mit dem Bellaria geht mehr verloren als nur ein weiteres Kino. Es ist eine Institution, die der frühere SZ-Korrespondent Michael Frank schon 1992 in einer Reportage als "letztes Biotop einer realistischen Traumwelt" beschrieben hat.

Frau Martha-Maria liebt dieses Kino. Und leidet, weil es schließt.

Denn das Bellaria-Kino lebt nicht nur von seinen Filmen, es lebt auch in Symbiose mit seinem Publikum, das hier in ganz selbstverständlicher Nostalgiesucht abtaucht in die alten Tage. Der illustre bis skurrile, in jedem Fall aber eisern treue Kreis von Stammgästen schaffte es sogar selbst auf die Leinwand im Dokumentarfilm: "Bellaria - So lange wir leben!" Die Protagonisten haben inzwischen meist das Zeitliche gesegnet. Doch an den Tischchen im Bellaria, hinter Kassa und Buffet, finden sich zur Nachmittagsvorstellung auch heute noch stets ein paar der gern Gestrigen ein. Im Flair des Fünfzigerjahre-Foyers reden sie über das Neueste aus der alten Zeit, flankiert an den Wänden von den signierten und vergilbten Porträts ihrer Stars: Paula Wessely und Hans Holt werden da in Ehren gehalten, Paul Hörbiger und Marika Rökk, Zarah Leander, "die Göttliche", und natürlich auch Marlene Dietrich, die "fesche Lola" aus dem "Blauen Engel".

Ein Refugium ist dies, in das, so oft es geht, auch eine freundliche Dame flüchtet, die sich, wie viele hier, nur mit dem Vornamen vorstellt: Frau Martha-Maria also, aufgewachsen im 17. Bezirk. Sie kommt nicht zuletzt der Geselligkeit wegen. "Ich bin schon von meinem Vater hergeschickt worden", berichtet sie. "Wenn's dir schlecht geht, hat er gemeint, dann gehst du ins Bellaria." Später ist sie dann mit ihrem Sohn gekommen. "Mein Kleiner", sagt sie, auch wenn er bald ergrauen dürfte.

"Das Leben ist so schwer", erzählt Frau Martha-Maria, "aber hier sitzt man in einer ganz anderen Welt. Da kann man lachen, da kann man weinen, und niemand sieht's." Sie liebt dieses Kino, und sie leidet, weil es schließt. "Es ist entsetzlich", sagt sie unter Tränen, "es ist gemein und ungerecht."

So klagen die Kunden, doch an diesem Donnerstag ist Schluss mit dem offiziellen Programm. Immerhin hat der Besitzer noch einen handgeschriebenen Zettel in den Schaukasten gehängt, auf dem er eine kleine Zugabe an Heiligabend ankündigt. Um 11 Uhr läuft "Heidi" mit Theo Lingen, um 13 Uhr "Hallo Dienstmann" mit Hans Moser. Im Foyer, unter den alten Bildern, wird nun geraunt, dass es vielleicht doch noch weitergehen könnte. Ein paar Interessenten soll es geben. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Denn wenn es heute überhaupt noch ein Happy End gibt, dann ja wohl im Kino.

© SZ vom 19.12.2019
Zur SZ-Startseite