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Filmbiografie von Rudolf Nurejew:Sehnsucht nach Dekadenz

Filkm "The White Crow"

Kennt seinen Wert – Oleg Ivenko als Ballettstar Rudolf Nurejew in "The White Crow".

(Foto: Larry Horicks/Alamode Film)

Mit "The White Crow" zeigt Ralph Fiennes eine Filmbiografie Rudolf Nurejews - und feiert dessen Exzentrik.

Jedes Klischee hat seinen Ursprung. Will man ihn zeigen, hat man als Filmschaffender eine schwierige Aufgabe vor sich: Wie zeigt man diesen Ursprung aus dem Abstand von zehn, fünfzig, sogar hundert Jahren? Als etwas, das damals neu war, ein Skandal? Wie bricht man Regeln, an die das Publikum sich kaum noch erinnert?

Rudolf Nurejew ist das Urbild dessen, was man sich heute unter dem Klischee eines genialen Balletttänzers vorstellt. Exzentrisch, eigensinnig, größenwahnsinnig, und so fort. Er hat die Rolle der männlichen Tanzdiva nahezu im Alleingang geprägt und verändert. Als er 1961 mit dem Leningrader Kirow-Ballett in Paris zu Gast war, beantragte er Asyl und blieb im Westen. Schon eine Woche nach der Flucht tanzte er wieder. Seine Flucht war ein herber Schlag für das Sowjetreich. Der russische Geheimdienst, heißt es, wollte dem entflohenen Tänzer die Beine brechen lassen. Ralph Fiennes' Film "The White Crow" erzählt die Ereignisse, die zu jenem 16. Juni 1961 führten.

Dabei sieht man so einiges, was man so auch vermutet hätte: Ballett ist so etwas wie die Modelleisenbahn unter den Kunstformen, ästhetisch ausgeklügelt, aber ein bisschen albern. Natürlich geht es um Disziplin, um das aufbegehrende Genie unter den repressiven Russen, das die Freiheit im Westen erfährt und ausbricht. Und natürlich gib es Kindheitsszenen in abgetönten Farben, denn wie allgemein bekannt ist, finden Kindheiten in Russland immer in Sepia statt. Man kennt die Motive: Der junge Tänzer geht heimlich vor den Proben in die Museen, um sich Bilder anzusehen. Und natürlich versucht die Frau seines Mentors, ihn zu verführen. Dank der klugen Dramaturgie und dem Spiel Oleg Ivenkos sieht man sich aber sogar diese Szenen irgendwie ganz gern an. Angenehmerweise wird Nurejews Schwulsein sehr unaufgeregt dargestellt: Er ist einfach auch homosexuell, wird auch mal mit einem Mann gezeigt, aber als eine Normalität.

In Russland darf der Film dennoch nur zensiert laufen - eine Nacktszene mit Nurejews erstem Liebhaber, gespielt von Louis Hoffmann, wurde gegen den Willen von Ralph Fiennes geschnitten. Paradox, denn eigentlich kuscheln die beiden nur ein bisschen. Erst recht paradox, wenn man sich den originalen Nurejew anschaut. Der trat beispielsweise 1977 bei den Muppets auf, lernte hinter der Bühne den Puppenspieler Richard Hunt kennen und begrüßte ihn angeblich mit dem Satz: "Du liebst es, Schwänze zu lutschen, oder?" Im Film wären also eher mehr als weniger Schwänze wünschenswert gewesen - wenn man den Mann in seinem Sinne ehren will. Und: Hätte der Schwanz in einer heterosexuellen Szene bleiben dürfen?

Die Beine wurden Nurejew schließlich doch nicht gebrochen, dafür zerbrach irgendwann der Kommunismus. Es braucht tuntige Arschlöcher, um den Kollektivismus zu besiegen, und das ist auch gut so. Aber im Grunde geht es in "The White Crow" gar nicht so sehr um den Konflikt zwischen kollektivistischer Gesellschaft und individueller Identität, sondern um Freiheitsdrang, um die Sehnsucht nach Dekadenz.

Die bittere Ironie ist ja auch: Nurejew starb seinerzeit an AIDS, und Russland hat heute mit die höchsten HIV-Ansteckungsraten. Weil das Problem völlig tabuisiert wird. Mehr homosexuelle Schwänze für Russland!

The White Crow, GB/F/Serbien 2019 - Regie: Ralph Fiennes. Buch: David Hare. Kamera: Mike Eley. Mit Oleg Ivenko, A. Exarchopoulos. Alamode, 127 Min.