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Filmbiografie:Abgeklärt

Nico, 1988

Die Schauspielerin Trine Dyrholm sieht der Warhol-Ikone Nico nicht ähnlich - zum Glück.

(Foto: FilmKinoText Verleih)

"Nico, 1988" von Susanna Nicchiarelli ist ein wunderbar unnostalgisches Biopic über die Warhol-Diva. Das liegt auch an ihrer Darstellerin Trine Dyrholm.

Von Juliane Liebert

Biopics nerven ja gern auch mal; man kennt immer vorher das Ende. Sie überhöhen ihr schon überhöhtes Subjekt zum zweiten Mal, äffen die Apotheose durch das Publikum nach, das ja immer auch ein vielköpfiges Monster ist. Perfiderweise tun sie dabei oft noch so, als würden sie "den wahren Menschen" zeigen.

Der größte Feind aber sind die guten Absichten. Man kann eine Ikone nicht zum Menschen dekonstruieren. Sie zerfällt vorher zu Staub. Bleibt als einzige Möglichkeit, sie auf kluge Weise zu ehren - was heißt, einen Film zu machen, dem das Bewusstsein, dass er eine Fantasiegestalt entwirft, eingeschrieben ist; und der dieser Fantasiegestalt gleichzeitig Luft zum Atmen lässt, sodass man sich vorstellen kann, sie habe gelebt, oder nein: sie lebe.

Zumindest Letzteres gelingt der italienischen Produktion "Nico, 1988" in vielen Szenen gut. Das liegt vor allem an seiner dänischen Hauptdarstellerin, Trine Dyrholm. Sie spielt Nico in ihren letzten Lebensjahren, sie ist hervorragend, und alle für den Film adaptierten Songs singt sie selbst. Dabei ist Dyrholms größte Stärke vermutlich, dass sie Christa Päffgen (wie Nico mit bürgerlichem Namen hieß) nicht ähnlich sieht. Dadurch wird billiger Nostalgie sofort Einhalt geboten. Auch ihr Habitus unterscheidet sich stark von der historischen Nico, soweit man sie aus Filmdokumenten kennt. Christa Päffgen war in Interviews zwar durchaus selbstbewusst, ihre Antworten waren entschieden. Aber sie trug sie mit der mädchenhaften Koketterie ihrer Zeit vor. Der Kontrast, sobald sie zu singen begann, war umso frappanter, sie sprengte nicht nur die geschlechtlichen, sondern auch die künstlerischen Rollenmuster ihrer Zeit.

Dyrholms Nico erscheint viel abgeklärter im Gespräch. Herb. Selbstverständlich gleichberechtigt. Sogar in den Szenen, in denen sie einen Heroinjunkie auf Entzug spielt, wirkt sie nicht überwältigt oder gar zerstört, sondern präsent und wütend. Was bei Nico als Kälte und Narzissmus gelesen wurde, wird bei Dyrholm zur Weisheit. Das verringert die Fallhöhe zwischen Mensch und Künstlerin, und genau das tut dem Film gut. Die Dialoge sind frei von Geschwätz, die Pointe wirken selten aufgesetzt oder aufdringlich.

"Nico, 88" ist eine Art Roadmovie, wobei das Genre immer wieder gebrochen wird. Durch szenische Sprünge, Rückblenden, flimmerndes Archivmaterial. Alles funktioniert aus sich heraus, der Film hängt erstaunlich wenig vom übergroßen Mythos Nico ab. In den besten Momenten wirkt es, als habe die Regisseurin Susanna Nicchiarelli vergessen, dass sie einen biografischen Film macht.

Nicchiarellis Nico trägt immer ein Tonbandgerät bei sich, mit dem sie Geräusche, die sie faszinieren, aufzeichnet. Eines der schönsten ist das Rauschen und Ächzen eines Boilers in England. Sie hört darin den als Kind von Ferne beobachteten Bombenkrieg, die Zerstörung Berlins. Aber es ist kein unangenehmes Geräusch, kein Lärm. Es ist Musik.

Nico, 1988, IT/BE 2017 - Regie, Buch: Susanna Nicchiarelli. Kamera: Crystel Fournier. Mit Trine Dyrholm, John Sinclair. FilmKinoText, 94 Minunten.

© SZ vom 19.07.2018

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