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Film:Verliebte Spinne in Venedig

zum neuen Spiderman Film

Spider-Man (Tom Holland) fliegt diesmal nicht durch die Hochhausschluchten von Manhattan, sondern zwischen europäischen Prachtbauten.

(Foto: Sony)

Spider-Man macht eine Reise nach Europa und soll die Sommerkino-Saison retten.

Was macht man als findiger Filmemacher, wenn man nicht mehr weiß, wo man den New Yorker Superheldenteenager Spider-Man in den Hochhausschluchten von Manhattan hinhängen soll? Ganz einfach: Man hängt ihn zur Abwechslung an den Markusplatz. Und an die Karlsbrücke. Und an die London Bridge. Und ja, tatsächlich, auch auf eine holländische Tulpenfarm.

In "Spider-Man: Far From Home" ist der Held schon zu Beginn nah am Burnout. Denn wie im Superheldenfilmgeschäft mittlerweile üblich, funktionieren die einzelnen Filme kaum noch als eigenständige Werke, sondern eher wie die Folgen einer Serie, die aufeinander aufbauen. Und da in der letzten Folge der Fließbandproduktion des Marvel-Studios, "Avengers: Endgame", schwere Verluste zu beklagen und harte Schlachten zu kämpfen waren, braucht Spider-Man alias Peter Parker (Tom Holland) vor allem eins: Urlaub. Da kommt es ihm gerade recht, dass in seinem echten Leben als Schüler an der High School eine Exkursion nach Europa auf dem Programm steht: Venedig, Prag, London, Berlin etc.

Dass das kulturhistorische Interesse des müden Peter Parker eher gering ausgeprägt ist, liegt zum einen daran, dass natürlich auch auf dieser Klassenfahrt ein Schurke auftaucht, der besiegt werden und für den er sein Kostüm doch wieder auspacken muss.

Vor allem aber kann er sich aufgrund eines akuten Hormonstaus eigentlich auf überhaupt gar nichts mehr konzentrieren, als auf die Schmetterlinge im Spider-Bauch. Die werden ausgelöst von seiner hübschen Mitschülerin MJ (Zendaya), die sich wirklich unverschämt kokett die Locke hinters Ohr streichen kann. Da braucht man eigentlich fast keinen Superschurken mehr, um umgehend seine sofortige Kapitulation zu erklären.

Inszeniert hat diesen Film der Regisseur Jon Watts, der seine Karriere mit Musikvideos begann und schon den letzten "Spider-Man"-Film "Homecoming" gedreht hat. Sowohl dem Vorgänger als auch jetzt der Fortsetzung merkt man an, dass Watts sich deutlich mehr für das Genre der Teen-Tragikomödie als für Superheldenschlachten interessiert. Ersteres inszeniert er mit einem feinen Gespür für das innerliche Drama seines Protagonisten, wenn der im Reisebus nicht neben seiner Angebeteten sitzen darf; zweiteres rockt er eher routiniert herunter und ist ja mittlerweile ohnehin eher Aufgabe der CGI-Tüftler als des Regisseurs.

Zuletzt sind einige vermeintlich sichere Sommerblockbuster brutal gefoppt

Ob Jon Watts allerdings noch einen dritten Teil wird machen dürfen, hängt von der Performance seines Werks in den kommenden Tagen ab. Denn die Gewinnerwartungen der Filmstudios sind ohnehin immer hart, derzeit aber besonders drastisch.

Was daran liegt, dass Hollywood gerade einen desaströsen Popcornfilm-Sommer erlebt, und sowohl die Studios als auch die Kinos, die unter den rückläufigen Besucherzahlen auch im Mainstream-Bereich ächzen, nach einem Hit lechzen. In den letzten Wochen ist eine ganze Reihe an Sommerblockbustern, die sonst meist eine sichere Bank sind, brutal gefloppt. "X-Men: Dark Phoenix", "Godzilla II" und "Men in Black: International" zum Beispiel blieben weit hinter den erhofften Prognosen zurück. Sie werden teilweise Mühe haben, überhaupt ihr Produktionsbudget wieder einzuspielen. Laut Variety liegen im stetig schrumpfenden Kinosektor die US-Einnahmen des Sommers 2019 bereits sieben Prozent hinter denen des Vorsommers - die Franchise-Fatigue scheint zur Epidemie anzuwachsen.

Da kommt dieser Film vielleicht gerade zur rechten Zeit, der zeigt, wie ein junger Mann die Lust an den Special-Effects-Schlachten verliert, weil kein Superhelden-Showdown jemals so spannend sein kann wie der erste Kuss.

Spider-Man: Far From Home , USA 2019 - Regie: Jon Watts. Buch: Chris McKenna, Erik Sommers. Kamera: Matthew J. Lloyd. Mit: Tom Holland, Zendaya, Marisa Tomei, Samuel L. Jackson, Jake Gyllenhaal, Jon Favreau. Disney, 129 Minuten.