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Film:The Boys in the Band

(Foto: AP)

Von Theresa Hein

Das Schöne an einem Kammerspiel ist ja, dass man so wenig dafür braucht: gute Schauspieler und Dialoge und irgendeinen zwischenmenschlichen Konflikt et voilà, am Ende kotzt jemand auf einen Bildband wie in Yasmina Rezas "Der Gott des Gemetzels".

Regisseur Joe Mantello hat sich im Netflix-Film "The Boys in the Band" ganz und gar nicht an diese "Weniger ist mehr"-Devise gehalten. Seine Adaption des gleichnamigen Theaterstücks hat Mantello so bunt ausgemalt wie möglich. Sie ist "camp" vom Konfetti bis zu den Kostümen, es wird choreografiert getanzt (wenn auch nur einmal) und es läuft die hinreißende Musik der späten Sechzigerjahre.

Die Handlung ist dagegen der übliche banale Rahmen: Auf einer Party queerer Freunde kippt die Stimmung. Alan, der unangekündigte Besuch von Gastgeber Michael, soll eigentlich nicht wissen, dass Michael schwul ist. Alkohol und ein von Michael initiiertes Partyspiel auf Wahrheit-oder-Pflicht-Niveau machen die Feier dann vollends zum Versuchslabor für jahrelang angestaute, unterdrückte Emotionen. "The Boys in the Band" ist alles andere als ein subtiler Film. Das muss man ertragen können, aber es klappt dank Jim Parsons, der den Gastgeber Michael spielt, sehr gut: Der von "The Big Bang Theory" auf eine berühmte Nerd-Darstellung reduzierte Schauspieler darf zeigen, was er kann, und sich vom kultivierten Gastgeber zum Partyschreck verwandeln.

Mart Crowley, der Autor des Originaltextes - auch am Drehbuch für den Film hat er vor seinem Tod im März noch mitgewirkt - hat mit "The Boys in the Band" 1968 den Vorabend der Revolution beschrieben: Der Mainstream war vom Inhalt geschockt, ein Jahr später brachen sich in New York die Stonewall-Proteste Bahn. Crowleys Stück ist aus heutiger Sicht nicht unproblematisch, die Charaktere wurden schon als "selbst-homophob" überzeichnet kritisiert. Da ist was dran. Aber die zeitlose Frage, warum man sich selbst eigentlich so sehr hasst, die Gastgeber Michael am Ende des Films stellt, ist auf jeden Fall eine, die Menschen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung beschäftigt. Und Jim Parsons am besten in zivilisierter, mit Gin angefütterter Qual.

© SZ vom 17.10.2020

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