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Film:Bodenlos

(Foto: Regine Keller)

Von Laura Weissmüller

Über den Boden habe sie sich "noch nie so richtig Gedanken gemacht", erklärt eine Immobilienentwicklerin im Film "Bodenlos" von Regine Keller und Christiane Thalgott. Damit dürfte die Frau in bester Gesellschaft sein: Immer noch halten viele Menschen den Boden für selbstverständlich, ja für ein unendliches und kostenloses Gut, das es sich "untertan zu machen" gilt, ganz so wie es den Christen in der Bibel mit der Erde empfohlen wird. Allein: Boden ist endlich und kostenlos war er nie, wenn man daran denkt, wer nun die Rechnung zahlen muss für den Raubbau an der Natur seit der Industrialisierung.

Und genau deswegen ist der gut einstündige Film der Landschaftsarchitektin Keller und Münchens ehemaliger Stadtbaurätin Thalgott, der im Rahmen der Ausstellung "urbainable - stadthaltig" der Berliner Akademie der Künste entstanden und unter www.bodenlos.net zu sehen ist, so wichtig. Mit zwölf Gesprächspartnern umkreisen beide die Bedeutung des Bodens. Während den Immobilienentwicklern dabei erschreckend wenig jenseits von Phrasen einfällt, sieht es beim Ornithologen schon anders aus: Ein großer Irrtum sei etwa, dass "die Natur draußen auf dem Land" stattfinde. Denn während das Land katastrophal überdüngt sei, seien "Städte so reich an Arten, dass sie sich für Naturschutzgebieten qualifizieren" könnten. Was vermutlich mehr mit der zerstörerischen Kraft der industriellen Landwirtschaft als mit nachhaltigem Städtebau zu tun hat.

"Bauen bedeutet Zerstören" wusste schon der legendäre Architekt Luigi Snozzi und brachte damit das Dilemma von zumindest reflektierten Menschen auf den Punkt, die mit Bauen zu tun haben. Rechtfertigt etwa der Mangel an bezahlbarem Wohnraum die Versiegelung immer neuer Flächen, wenn man weiß, dass allein in einem Gramm gesunden Boden 600 Millionen Mikroorganismen leben?

"Der lebendige Boden ist Schlüssel für die Lebensfähigkeit des Menschen", erklärt am Ende des Films ein Bio-Bauer und mahnt an, dass "die Stadt endlich auch wieder Verantwortung für die Ernährung übernehmen muss". Also Hühner auf dem Balkon und vertikale Farmen? Wenn die Menschheit überleben will, sollte sie darüber nachdenken.

© SZ vom 07.11.2020
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