Festival Literatur im Nebel Es geht auch ohne den Norden

"Ich mag es nicht, wie das Englische kleinere Sprachen verdrängt, auf die es trifft“: J.M. Coetzee in Heidenreichstein.

(Foto: Erhard Hois/Literatur im Nebel)

Bei den Literaturtagen im österreichischen Heidenreichstein steht der Schriftsteller J. M. Coetzee im Mittelpunkt. Er schreibt in englischer Sprache - aber er mag nicht, wie sie die Welt dominiert.

Von Nicolas Freund

Es wird viel übersehen. Das Festival Literatur im Nebel im österreichischen Heidenreichstein zum Beispiel, das in diesem Jahr auch noch parallel zur Leipziger Buchmesse und der lit.Cologne stattfindet. Dabei tritt hier jedes Jahr ein international bekannter Autor oder eine Autorin auf, deren Werk zwei Tage lang Mittelpunkt von Lesungen, Gesprächen und Vorträgen ist. Der diesjährige Gast ist J. M. Coetzee, einer der wichtigsten und meistdiskutierten lebenden Autoren englischer Sprache und der bekannteste Vertreter einer Weltliteratur, die jenseits der Maßstäbe nationaler Sprachen und Literaturen entsteht. Coetzee ist in Südafrika geboren, lebte lange in England und den USA, ist aber inzwischen Staatsbürger Australiens und lebt in Adelaide, wenn er nicht gerade an einer nord- oder lateinamerikanischen Uni forscht. Obwohl er auf Englisch schreibt, hat er Englisch auf eine gewisse Art nie richtig als seine Sprache begriffen, wie er schon 2009 in einem Brief an Paul Auster verriet. Sie ist immer die natürliche Sprache Anderer für ihn geblieben.

Das ist auch eines der ersten Themen, die er in Heidenreichstein nach den Lesungen sehr kenntnisreich ausgewählter Passagen aus seinen Romanen durch die Schriftstellerin Inger-Maria Mahlke und anderer Autoren und Schauspieler mit seinem deutschen Lektor Hans Balmes diskutiert. Coetzee erzählt, er habe seit seiner Kindheit immer auf Englisch geschrieben, was ihn vor der engen Welt des Afrikaans gerettet habe. Seine Mutter, eine Lehrerin, sprach mit ihm Englisch, die Familie des Vaters aber das dem niederländischen verwandte Afrikaans. In Heidenreichstein beweist Coetzee, dass er auch sehr gut Deutsch spricht und versteht. Hans Balmes stellt ihm Fragen auf Deutsch, Coetzee antwortet auf Deutsch und Englisch. "Ich empfinde meinen Umgang mit der englischen Sprache mehr und mehr als den eines Fremden", sagt er. Seine Bücher seien nicht in der englischen Sprache verankert, die Übersetzungen nicht schlechter als die Originale, deshalb sei es egal, in welcher Sprache sie veröffentlicht werden.

Seine neue Kurzgeschichtensammlung "Seven Moral Stories" ist schon in spanischer, französischer und japanischer Übersetzung erschienen, aber noch nicht im englischen Original. Der Band ist eine inhaltliche und formale Fortsetzung der 2003 veröffentlichten Sammlung "Elizabeth Costello. Acht Lehrstücke", wieder geht es in den Geschichten um die fiktionale Schriftstellerin Elizabeth Costello, die manche Züge Coetzees teilt, und um die beispielhafte Verhandlung moralischer Fragen, wie das Verhältnis erwachsener Kinder zu ihren Eltern, eheliche Treue und den Umgang mit Tieren.

Der Umgang mit der Sprache und die globale Hegemonie des Englischen sind ebenfalls moralische Fragen, die Coetzee aber nicht nur in seinen Texten verhandelt. Er ist besorgt darüber, wie das Englische die Welt übernimmt. "Ich mag es nicht, wie das Englische kleinere Sprachen verdrängt, auf die es trifft. Ich mag seinen universellen Anspruch nicht."

Coetzee, der seit 2015 eine Professur an der Universidad Nacional de San Martin in Buenos Aires innehat, möchte der globalen Vorherrschaft Europas, Nordamerikas und des Englischen das Konzept einer Literatur des Südens oder der südlichen Hemisphäre entgegensetzen. Dabei distanziert er sich bewusst von dem Begriff des Globalen Südens, der nicht nur unlogisch ist, sondern auch den Süden immer als das Andere, die Absenz des Nordens darstellt. Seine Literatur des Südens soll Verbindungen zwischen Südafrika, Australien, Neuseeland und Lateinamerika schlagen, ohne den sonst üblichen Umweg über die großen Verlage in New York, London, Paris und Madrid zu nehmen.

Nicht nur die Autoren sollen in Kontakt kommen, auch den Lesern sollen die Texte ohne den Einfluss und die Filterfunktion des Nordens zugänglich gemacht werden. "Ich sehe es als meine Pflicht, drei Literaturen zusammenzubringen, die sprachlich und geografisch weit auseinanderliegen, aber, wie mir scheint, in ihrer Geschichte und dem Verhältnis zu ihrem Land eng verwandt sind."

Coetzees neuer Roman "The Death of Jesus", der dritte Teil seiner Jesu-Reihe, soll im Mai zuerst auf Spanisch veröffentlicht werden. Am zweiten Abend des Festivals liest er den Anfang des Romans vor. Die Jesu-Bücher erzählen die allegorische Geschichte vom Leben des Jungen Davíd in einem neuen Land, in dem nur Spanisch gesprochen wird und das an ein stilisiertes Südamerika erinnert. Im ersten Kapitel taucht ein Mann bei einem Fußballspiel von Straßenjungen auf und will die Kinder zu einer Mannschaft machen, um sie gegen ein anderes Team von Waisenkindern antreten zu lassen. Davíd hinterfragt zu dieser Gelegenheit das Konzept von Waisen und von Mannschaften. In einem zweiten Kapitel geht es um die Erinnerung an das Leben vor der Ankunft auf diesem neuen Kontinent, die den Figuren in den Büchern rätselhafterweise fehlt. "Wer war ich, Simón, bevor ich den Ozean überquert habe? Wer war ich, bevor ich Spanisch zu sprechen begann?", fragt Davíd. In der Frage liegen die Themen, die an diesem zwei Tagen in Heidenreichstein verhandelt wurden. Coetzee liest die Antwort auf Englisch vor: Er war derselbe, er sah nur anders aus, hatte einen anderen Namen und sprach eine andere Sprache.