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Falschmeldungen in Agenturen:Tickern die noch richtig?

Riesenstory, kleine Hürden: Wie zwei große Nachrichtenagenturen Quatsch über angebliches Behördenmobbing und einen gefälschten Anschlag verbreiteten.

Es gibt drei Sorten von Meldungen: spannende, langweilige und schräge. Die Übergänge sind fließend. Langweilig war zum Beispiel, was die dpa an diesem Mittwoch um 11.01 Uhr mitteilte: "Stundenlang Politik-TV am Super-Wahlsonntag."

Selbsternannter Medienpolizist: Regisseur Jan Henrik Stahlberg brockte der dpa eine Falschmeldung ein.

(Foto: Foto: Short Cut to Hollywood/Senator)

Wer hätte das gedacht. Langweilig, aber immerhin gaga war die ddp-Meldung von 12.22 Uhr: "Ex-Topmodel-Kandidatin Gina-Lisa Lohfink sucht Best Buddy". Journalisten, die täglich Agenturmeldungen nach Geschichten durchsuchen, sind es gewohnt, dass sehr vieles zwischen öde und gaga schwankt.

Anders war diese Meldung: "Bayerische Polizei trieb Gewaltopfer Christian S. in den Selbstmord / Erfolgreicher Erfinder von Behörden zu Tode gemobbt." So lautete der Titel einer ddp-Meldung, die Anfang September verschickt wurde. Oder die hier, eine Woche später von der dpa verbreitet: "In der kalifornischen Kleinstadt Bluewater soll es nach einem Bericht des örtlichen Senders vpk-tv zu einem Selbstmordanschlag gekommen sein." Die Fälle haben Gemeinsamkeiten. Sie waren spannend - und haben in manchen Redaktionen Journalisten veranlasst, weiter zu recherchieren. Und beides waren Falschmeldungen.

Die ddp-Geschichte, ein Gemisch aus Verschwörungstheorie und Privatdrama, war mangels Prüfung von einem bezahlten Dienstleistungs-Kanal der Agentur (ddp-direkt) zwischen die journalistischen Meldungen gerutscht. Um zusätzliches Geld zu verdienen, verschicken viele Agenturen neben normalen Nachrichten auch Auftragsmeldungen, etwa Presseerklärungen von Unternehmen. Sie sind aber normalerweise durch entsprechende Kürzel klar gekennzeichnet und von den Nachrichten zu unterscheiden, die eine Agentur selbst verbreitet.

Bei ddp allerdings lief die Mobbing-Meldung mit der Kennung "Pol" - Politik. Und die dpa-Geschichte aus dem Städtchen Bluewater war schlicht Humbug. Es gab keinen Anschlag, es gibt keinen Sender namens vpk-tv. Das Ganze war als irgendwie medienkritische Werbung für einen - schlechten - Kinofilm gedacht, der nun anläuft (siehe Feuilleton).

Zwei angesehene Nachrichtenagenturen und zwei Fehlfälle innerhalb weniger Tage - was war los mit den journalistischen Sicherungs-Systemen? Sind Agenturen auch nur ein großer Kanal, in dem jeder verbreiten kann, was er will?

Die Wege der beiden Geschichten sind etwas kompliziert, aber sie lassen sich doch ganz gut rekonstruieren. Ihren Anfang nahm die ddp-Meldung über das angebliche Mobbingopfer Christian S. bei einem Herrn namens Udo P., der sich selbst als Online-Journalist bezeichnet und angibt, S. gekannt zu haben. Folgte man der in der ddp-Meldung genannten Webadresse unter der ddp-Meldung, landete man auf einer knallbunten, völlig wirren und von P. selbst betriebenen Seite, auf der es auch um den Verkauf von Webdesigns mit Spiralmustern und Alienköpfen ging.

Die Meldung, aus der dann versehentlich eine ddp-Nachricht wurde, hatte P. mit Hilfe der Wiener "Nachrichtenagentur" Pressetext verschickt. Deren Geschäftsmodell ist es, auf Internetseiten und in Newslettern Pressemitteilungen von Kunden gleichwertig neben redaktionellen Meldungen zu präsentieren. Die Meldungen erreichen laut Pressetext bis zu 100 000 Empfänger - darunter ddp und Dow Jones.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, wie demnächst Falschmeldungen vorgebeugt werden soll.