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Mundart-Album: "Ich liebe Dich":"S glänzt scho lang überhaupt nüt me"

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"Ich ha probiert mich selber zsi, ich ha g'merkt es isch de Horror", singt Faber zusammen mit Dino Brandão und Sophie Hunger (v.l.).

(Foto: Nadia Tarra/Two Gentlemen)

Sophie Hunger, Faber und Dino Brandão haben ein Album über die Liebe gemacht. In Mundart. Schweizer Mundart! Es ist grandios.

Von Christiane Lutz

Wenn die Worte fehlen für die Dinge des Herzens, für das überrumpelnde Ereignis einer Begegnung, für das jämmerliche Erstarren beim Anblick von Schönheit, wenn also nichts mehr da ist, mit dem man den Wahnsinn annähernd einfangen könnte, dann hilft (neben Alkohol): der Blick hinüber in andere Sprachen. Wie machen die das, mit der Liebe und den Worten?

Sophie Hunger, Faber und Dino Brandão machen es, kurz gesagt, fantastisch. Im Frühjahr waren die drei Schweizer Musiker in Zürich gestrandet und hatten nichts zu tun. Ein Glück. Denn so taten sie sich zusammen und schrieben Songs in Mundart. Also auf Schweizerdeutsch. Im Sommer nahmen sie dann zwölf Titel in Südfrankreich auf, und alle drehen sich um Liebe. Das Ganze sei ein Versuch, sagen sie, die Liebe und den Satz aller Sätze in Mundart zu singen - und das auch auszuhalten.

Das Album heißt denn auch unmissverständlich "Ich liebe dich" (Two Gentlemen), und als ob das nicht genug wäre, gibt es auch noch drei Songs mit demselben Titel - von jedem Künstler einen. Wobei es "Ich liabe dich" ausgesprochen und wahlweise verzweifelt hervorgeschrien (Faber), sachlich festgestellt (Sophie Hunger) oder umständlich ausgelassen (Dino Brandão) wird. Drei eigenwillige Stimmen, die sich hervorragend zusammenfügen. Alle Songs sind minimal-instrumentalisiert - die Musiker begleiten sich an Klavier, Gitarre, Schlagzeug und Bass gegenseitig. Das lässt Platz für die Inhalte: Da ist die Sehnsucht nach dem gemeinsamen Abhauen trotz Lockdown in "Putsch". Oder in "E Nacht a de Langstraß" die kollektive Sehnsucht nach dem Züricher Nachtleben.

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"Hetti besseri Wort, würis der säge, ich liebe dich."

(Foto: Nadia Tarra/Two Gentlemen)

Im Optimierungssong "Mega Happy" singt Faber: "Ich ha probiert mich selber zsi, ich ha g'merkt es isch de Horror". Das zeigt auch, wie nackt Mundart jene macht, die sie sprechen. Wie die Sprache ein Stück unverstelltes Selbst freilegt. Das kann gerade in Texten über die Liebe grandios unangenehm werden. Wie ist es sonst zu erklären, dass, sagen wir mal, schwäbische Stücke im deutschen Liebeslieder-Kanon eher unterrepräsentiert sind? Es geht einfach nicht würdevoll.

Hier klingt es so: "Möged d'Alpe sich geniere, möged d'Ratte ois regiere, mögd ich mini Stimm verlüre, es wär ganz schlimm und doch wärs glich - ich liebe dich." Und das funktioniert alles auch deshalb so gut, weil die drei die Mundart nie patriotisch vor sich hertragen. Die Sprache, sie ist hier wie ein Mittel in der Not, weil nichts anderes hilft, das Unsagbare zu sagen. Oder würde man diese alles regierenden Ratten wirklich in irgendeiner anderen Sprache akzeptieren? Eben.

Und so singt der Brutalo-Romantiker Faber in "Ich liebe dich, Faber" angemessen verzweifelt: "Hetti stärcheri Ärm, di würed i hebe, Hetti besseri Wort, würis der säge, ich liebe dich". Dino Brandão im Trennungssong "Eus Rosegarte": "S glänzt scho lang überhaupt nüt me, schmierigi Fassade, s tropft Bluet vo eusem Rosegarte". Eine grandiose Kapitulation vor den Gefühlen, die verhandelt werden müssen. Und gerade, weil man nicht alles versteht, versteht man alles.

© SZ/biaz
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