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Europäische Plätze 1:Eine Erinnerung an Schwedens Zukunft

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Im Jahr 2000 wurde Sergels Torg unter Denkmalschutz gestellt. Gegenwärtig wird der Platz von Grund auf renoviert.

(Foto: AFP)

Sergels Torg ist das eigentliche Zentrum von Stockholm. Er war als strahlendes Symbol der Modernität und Begegnung gedacht.

Von Thomas Steinfeld

In den frühen Siebzigern schrieb der schwedische Schriftsteller Jan Olof Olsson ein Gedicht im wenig poetischen Stil seiner Zeit: "Ein ahnungsloser amerikanischer Tourist / soll in diesem Sommer gefragt haben, / ob es Russen oder Deutsche gewesen waren, / die Stockholm zerstörten. / Er hätte die stolze Antwort erhalten können, / dass wir das ganz allein geschafft hatten."

Die Zerstörung, die Olsson meinte, war vor allem der Abriss eines ganzen Stadtteils im Süden der Insel Norrmalm, in den Vierteln, die heute die Innenstadt bilden. Gestanden hatten dort viele Wohnhäuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert, darunter eine Reihe von bürgerlichen Palästen, auch die Redaktionsgebäude und Druckereien der großen Zeitungen. Die ältesten Häuser galten spätestens nach dem Ersten Weltkrieg als sanitäres Problem. An ihrer Stelle befinden sich nun seit den Sechzigern funktionalistische Neubauten, und in der Mitte des Areals liegt ein weiter, von hohen Häusern gerahmter Platz: Sergels Torg. Für Stockholm bedeutet er, auch im Hinblick auf die Zerstörung, was das Centre Pompidou für Paris bedeutet - nur dass der Baukomplex um Sergels Torg viel größer ist. Er ist das eigentliche Zentrum Stockholms und damit das Zentrum Schwedens.

Sergels Torg, eingeweiht im Jahr 1967 und zu Unrecht nach dem klassizistischen Bildhauer Johan Tobias Sergel (1740 -1814) benannt, ist eine zweigeschossige Anlage mit einem rechteckigen Grundriss. Über mehr als dreißig Jahre wurde dieser Platz geplant, wobei schließlich der Stuttgarter Charlottenplatz mit seinen verschiedenen Ebenen den Bau ebenso inspirierte wie die Opernpassage in Wien. Auf der oberen Ebene werden drei große Straßen und eine Fußgängerzone zusammengeführt. Die Fahrzeuge müssen dabei ein Wasserbecken umrunden, aus dem eine über dreißig Meter hohe, von innen beleuchtete gläserne Säule emporragt. "Kristallvertikalakzent" heißt sie, was konstruktivistisch klingt. Sie sieht aber aus, als hätte man das Zepter aus der Höhle des Bergkönigs entwendet. Zehn Meter tiefer liegt, zu einem großen Teil nach oben offen, der Platz für die Fußgänger, zu dem man von der Fußgängerzone aus auf einer breiten Treppe hinabsteigt. Dort ist der Boden in einem auffälligen schwarz-weißen Muster aus lauter großen Dreiecken gepflastert. "Die Platte" ("plattan") heißt dieser Teil des Platzes im Volksmund.

Das Muster erinnert nicht nur an das Textildesign der Sechziger, sondern ist erkennbar aus demselben Geist entstanden: als grafische Ordnung, der ein höherer Sinn unterstellt ist, der aber völlig unbekannt bleibt. Und so eilen die Menschen noch heute über den Platz, dem Eingang des Zentralbahnhofs der Untergrundbahn ("T-Centralen") entgegen. Von oben betrachtet gleichen sie Figuren auf einem seltsam verrutschten Schachbrett, denen keiner die Regeln des Spiels mitgeteilt hat.

Notwendig wurde der Platz, weil das Zentrum Stockholms an eine andere Stelle gerückt war. Hatte es noch im frühen 19. Jahrhundert um die Insel Gamla Stan (Altstadt) und den Stadtteil Östermalm gelegen, bewegte es sich seit der Eröffnung des Hauptbahnhofs im Jahr 1871 nach Westen. Vielleicht hätte man die historische Bebauung bewahren können, so wie man die alten Häuser, Gassen und Plätze in Gamla Stan erhielt. Aber das Interesse daran muss ebenso gering gewesen sein, wie es verlockend erschien, ein neues Zentrum zu schaffen, modern, radikal sachlich, in die Zukunft weisend. Dabei ging es nicht nur um den neuen Platz, sondern auch um dessen Randbebauung und das ganze Viertel: Fünf schmale Hochhäuser mit jeweils neunzehn Stockwerken wurden im Norden errichtet, fünf "Trompetenstöße", wie der damalige Kommunalrat Yngve Larsson erklärte. Von ganz oben leuchtete in riesenhaften Lettern der Name der Firma "Dux", eines mittlerweile verschollenen Herstellers von Unterhaltungselektronik, über die Stadt. Im Süden des Platzes entstand das "Kulturhaus", ein gewaltiger Glaskasten mit einem Theater, einem Lesesalon und Ausstellungsräumen. Auch die weitere Umgebung wurde mit kastenförmigen Gebäuden aus Glas und Beton bebaut. Wenn die Zukunft noch keinen Ort in Stockholm gefunden hatte, hier hätte sie sich niederlassen und ihr leeres Gesicht in glänzenden Fassaden spiegeln können.

Mag sich der Sinn des schwarz-weißen Musters auf dem Boden der Fußgängerebene nicht erschließen, so ist die Bedeutung des Wasserbeckens, das als Verkehrsinsel dient, um so aufdringlicher: Seine Form geht auf den dänischen Mathematiker, Erfinder und Dichter Piet Hein zurück, der mit der Schwierigkeit konfrontiert wurde, dass die Verkehrsinsel aus ästhetischen Gründen die rechteckige Form des Platzes zu spiegeln hatte, aus funktionalen Gründen aber rund sein sollte. Die Gestalt, die er - wie es heißt: binnen einer Minute - fand, war die "Superellipse", ein Mittelding zwischen Ellipse und Rechteck.

Von so unmittelbarer Evidenz muss diese Lösung gewesen sein, dass sie nicht nur von den Planern des Sergels Torg sofort angenommen wurde, sondern sich im Jahr 1964 auch, durch eine Zusammenarbeit zwischen Piet Hein und dem schwedischen Möbelgestalter Bruno Mathsson, in einen Tisch verwandelte. Er dürfte, auf Beinen aus gespreizten Metallrohren stehend, eines der am meisten verbreiteten Produkte skandinavischen Designs sein. Viele Benutzer wissen seine Vorzüge zu rühmen: An einem runden Tisch fehlt entweder die Stellfläche in der Mitte, oder sie ist zu groß, und an einem rechteckigen Tisch ist es schwierig, ein Gespräch in größerer Runde zu führen. Piet Hein ließ später das Wort "Superellipse" als Markenzeichen eintragen.

Dieser Tisch, heißt es in den landläufigen Theorien des skandinavischen Designs, begünstige "Begegnungen". Solche Begegnungen gelten als etwas unbedingt Positives, weshalb man sich unter ihnen kein womöglich sogar konfliktreiches Aufeinandertreffen von Interessen vorstellen darf, sondern eine Berührung der Seelen. Sie bildet das Innerste der Ideologie vom schwedischen "Volksheim", des von lauter Sozialingenieuren geschaffenen Wohlfahrtsstaats nordischer Prägung, in dem jeder nicht nur ein Zuhause, sondern auch Geborgenheit finden soll. In der Lehre von den "Begegnungen" offenbart der zur nationalen Vision gewordene Funktionalismus seine esoterische Seite.

Das gilt für den Tisch nicht anders als für den Platz: Schlicht im Kreis zu fahren, wäre womöglich effizienter gewesen. Die Runde als Ellipse anzulegen, vermittelt hingegen den Kreisverkehr nicht nur mit der Geografie des Ortes, sondern auch mit der ästhetischen Wahrnehmung. Es reicht nicht aus, dass man einander begegnet. Zugleich muss man der Begegnung gewahr werden, sich ihr "öffnen". Erst dann wird sie zur sinnvollen Begegnung.

Im Jahr 2013 veröffentlichte die schwedische Sängerin Veronica Maggio einen Schlager, der den Namen des Platzes im Titel trägt und eine Art kulturhistorische Summe dieses Ortes zieht: "Über den Platten von Sergels Torg, / wo der Himmel vor Kummer schwer ist: / Ich warte, obwohl ich es schon weiß, / und senke meinen Kopf." Eine Hymne der Verlassenheit ist dieses Lied, und sein Erfolg hängt eng damit zusammen, dass es schon so viele Songs gibt, in denen "Begegnungen" auf Sergels Torg geschildert werden, dass daraus längst eine eigene Tradition entstanden ist. In den fünfzig Jahren seit seiner Einweihung zieht eine unendliche lange Kette von Drogenabhängigen, Alkoholikern, Kleinkriminellen, illegalen Einwanderern und Obdachlosen durch die volkstümliche und nicht mehr ganz volkstümliche Kultur Schwedens, und die Adresse für dieses Personal lautet durchgängig: Sergels Torg. Man findet ihn in Ulf Lundells Buch "Jack" (1976), dem beliebtesten Generationenroman, den es in Schweden je gab, in den Filmen Stefan Jarls ("Sie nennen uns Mods", 1968, "Ein anständiges Leben", 1979) oder in den Theaterstücken Lars Noréns ("Personenkreis 3:1", 1998).

Der Beton von 1976 wird brüchig - heute steht der Platz unter Denkmalschutz

Ein Platz für Begegnungen ist Sergels Torg geworden, wenngleich von anderer Art, als ursprünglich konzipiert. Das liegt auf der einen Seite daran, dass der Platz ein Symbol von Modernität sein sollte. Diese ist eine Ideologie der Bewegung, nicht des Innehaltens und Verweilens. Entsprechend wurde der Platz gebaut, einer Schleuse ähnlicher als einem Sammelbecken, und während der Strom der Menschen hindurchfließt, bilden sich wie in einem Gewässer an kleinen Hindernissen halbfeste Inseln aus Treibgut: Dort, in den Ecken, hinter Säulen, geschützt durch einen Kiosk, richten sich die Verlorengegangenen des Sozialstaats ein. Ihretwegen, aber auch, weil sich am Ende doch niemand über den Primat der Bewegung beruhigen konnte, wurde der Platz immer wieder verändert und lichter gemacht. Es gab sogar eine Initiative, die Geschäfte und Schnellrestaurants auf Sergels Torg aufzuwerten. Geholfen haben diese Versuche nicht viel. Gleichzeitig aber bewährte sich Sergels Torg als Ort für das vorübergehende Gerinnen großer und ungemütlicher Bewegungen, für Meisterfeiern von Sportmannschaften etwa, für Veranstaltungen von Wiedertäufern und anderen Erweckungsbewegungen oder für Kundgebungen nach Demonstrationen - wobei es von besonderem Vorteil ist, dass das Geländer, das die Öffnung über der Fußgängerebene umschließt, sich vorzüglich für das Aufhängen von Spruchbändern eignet.

Im Jahr 2000 wurde Sergels Torg unter Denkmalschutz gestellt. Gegenwärtig wird der Platz von Grund auf renoviert, weil der Beton verrottet, die Decken nicht mehr wasserdicht sind und die Konstruktion verstärkt werden muss, einer neuen Straßenbahnlinie wegen. Im Unterschied zu früheren Jahrzehnten will offenbar keiner mehr den Platz abreißen. Seine Zukunft ist längst tiefe Vergangenheit geworden, und wenn er auch noch immer aussieht wie ein zur Architektur gewordener Sozialfall, so erscheint er doch als in der Geschichte aufgehoben - wenn nicht im modernsten Staat der Welt, so doch in der Erinnerung daran.

© SZ vom 29.08.2016

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