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Ethnologie:Kultur der Neugier

Illustration aus Alexandre Galand/Delphine Jacquot: Die Welt in der Wunderkammer

Ein Blick in die historischen Wunderkammern und ihre Sammlungen kurioser oder exotischer Gegenstände.

Von Renate Grubert

Wunderkammer - Was ist das? Der Begriff weckt heute Verwunderung, denn so bekannt wie im 16. oder 17. Jahrhundert ist das Phänomen nicht mehr. Damals kamen Sammlungen kurioser oder einfach exotischer Gegenstände bei Wissenschaftlern und Adligen gerade richtig in Mode. Schon vom 15. Jahrhundert an begann eine "Kultur der Neugier". Kunstvolle Objekte, bis dahin noch nie gesehene Dinge aus aller Welt weckten die Wissbegier, verführten zum Erkunden und Aufbewahren. Noch heute zeugt so manches historische Studien-Kabinett einer Burg, eines Herrschaftssitzes von dieser frühen Sammlerleidenschaft. Nicht selten häufte sich hinter damals verschlossenen Türen eine irritierende Fülle wundersamer Raritäten. Gesammelt wurde alles: Hörner von Einhörnern, Knochen von Riesen, aztekischer Federschmuck, ausgestopfte Gürteltiere, chinesisches Porzellan, Trilobiten und Donnerkeile, ganze Samurai-Rüstungen, Goldschmuck und Edelsteine, wissenschaftliche Mess- und Arbeitsinstrumente inklusive Sezierbesteck, Körperstatuen aus Wachs und fantastische Monstrositäten im Glas, dazu Gemälde und Karten. Heute sind Wunderkammertüren schon lange nicht mehr verschlossen. Ganz im Gegenteil: Museen locken mit dem Blick auf diese bizarren Anhäufungen von Schätzen aller Art. Genau das tut auch dieses Buch "Die Welt in der Wunderkammer".

Riesenformatige, dunkel grundierte Doppelseiten zeigen Reichtum und Schönheit solcher Sammlungen und erzählen dazu ihre Geschichte. Besonders eindrucksvoll sind die üppigen, farbenprächtigen, vollkommen ohne Text gestalteten, auf 90 x 40 cm ausklappbaren Kapiteleröffnungen. Auf diesen prall gefüllten Seiten, im etwas altmodisch-historisierenden Stil der Zeichnung ganz dem Thema angepasst, geht das Auge wie im Wimmelbild spazieren, findet immer wieder Neues: hier ein Trompe-l'Œil-Bild, dort die Abbildung des Grammofons, das die erste Tonaufnahme indianischer Dialekte wiedergab, das Skelett einer Schlange oder das Innenleben einer mechanischen Ente.

Das Buch spannt seinen eindrucksvollen Bericht über das 18., 19. und 20. Jahrhundert bis in unsere Zeit. Natürlich wird auch heute gesammelt und dokumentiert. Nicht die Kuriositäten stehen im Fokus, sondern das Festhalten für die Nachwelt, zum Beispiel aussterbende Tierarten in "Das Kabinett des Verschwindens". Oder "Eine Arche Noah für Pflanzen", die hoch im arktischen Norden eine Million Samenproben von Pflanzen beherbergt, Pflanzen, die für die Ernährung der Menschheit wichtig sind. So entpuppt sich das Buch nicht nur als Augenschmaus vergangener Zeiten mit vielschichtig-informativem Untergrund, sondern zeigt zugleich Zeitgeist und Aktualität.

Alexandre Galand / Delphine Jacquot: Die Welt in der Wunderkammer. Aus dem Französischen von Anke Wagner-Wolff. Gerstenberg Verlag 2019. 48 Seiten, 22 Euro.

© SZ vom 31.01.2020

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