Essays von Adam Zagajewski:Schatten über der Welt

Schriftsteller Adam Zagajewski

Europa eine Seele geben: der Schriftsteller Adam Zagajewski im Jahr 2016 in Tübingen.

(Foto: Marijan Murat/picture alliance / dpa)

Auf Du und Du mit der großen Geschichte: "Poesie für Anfänger", das letzte Buch des polnischen Dichters Adam Zagajewski.

Von Christoph Bartmann

Es gibt Wörter, moderne oder modische, für die Adam Zagajewski nur sanften Spott übrighat: "interdisziplinär", "Algorithmus" oder "diachron". Er ist zwar selbst ein Modernist, aber eher ein Modernist im Sinne Rilkes - und damit fast auch schon ein Anti-Modernist.

Er hat studiert, Philosophie und Psychologie, sich aber vom akademischen Schreiben ferngehalten. Er war Dissident, im Polen der Siebzigerjahre, aber er kann sich für den künstlerischen Gesellschaftsaktivismus von heute nicht erwärmen. Er hat Bekanntschaft mit der großen Geschichte gemacht (oder sie mit ihm), aber als Lyriker lebt er ebenso sehr von der Kontemplation. Ohne Schönheit, ohne die zumindest geahnte "beauté du monde" (hier zitiert Zagajewski den großen Kritiker Jean Starobinski) ist an Poesie nicht zu denken. Das wäre vielleicht die erste Lektion seines letzten Buches, des Essaybandes "Poesie für Anfänger".

Im März ist Adam Zagajewski, Polens bedeutendster Lyriker, in Krakau gestorben. Gleich nach seiner Geburt in Lemberg 1945, war die Familie ins oberschlesische Gliwice/Gleiwitz umgesiedelt worden. Die von Stalin betriebene Westverschiebung Polens hatte Churchill auf eine markante Formel gebracht: "Wie Soldaten, die seitlich wegtreten". Zagajewskis persönliche Westverschiebung ins preußisch geprägte Oberschlesien und die Erfahrungen unter dem Kommunismus haben seinen Sinn für Tatsachen und Ideologien ebenso geschärft wie den Fluchtreflex aus einer allzu dominanten Wirklichkeit.

Als Student gehörte er zur liberalen Szene Krakaus, später musste er ins Exil

Als Gymnasiast kommt ihm die polnische Übersetzung von Rilkes "Duineser Elegien" in die Hände. "Ich stand auf dem Gehweg", schreibt Zagajewski, "erfüllt von den Geräuschen eines gewöhnlichen kommunistischen Nachmittags, und las zum ersten Mal die magischen Sätze: 'Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel / Ordnungen' (...) Die Straße war plötzlich verschwunden, die politischen Systeme hatten sich verflüchtigt, der Tag stand über der Zeit, ich berührte die Ewigkeit, die Poesie erwachte."

Nun ist Zagajewski, auch wenn er sich von Rilke fast mystisch aus der kommunistischen Wirklichkeit hinaustragen lässt, selbst kein Mystiker, kein Schwärmer - nicht einmal für Rilke, den er sehr bewundert. Seine Lyrik, und die Essays ebenso, halten eine elegante Schwebe zwischen Pragmatismus und Entrückung, "Tag" und "Nacht".

Die hier gesammelten Texte berühren die Stationen eines unruhigen Lebenswegs. Als junger Mann hatte Zagajewski aktiv an der lebendigen und liberalen Studentenkultur in Krakau teilgenommen. Mit den März-Unruhen von 1968 und der neuen antisemitischen und anti-intellektuellen Tendenz in Polen wurden Zagajewski und viele seiner Freude fast zwangsläufig zu "Regimekritikern". Mit der Verhängung des Kriegsrechts 1981 wird dann auch diese prekäre Position unhaltbar.

Aus Erfahrung und aus Neigung betrachtet er sich als Europäer

Wie vor ihm schon Dichter wie Zbigniew Herbert oder Czesław Miłosz entscheidet sich Zagajewski für den Gang ins Exil, aus dem er nach Aufenthalten in Frankreich und den USA erst 2002 zurückkehrt. Muss man als Pole ins Exil gegangen sein, um wie Joseph Conrad, wie Miłosz oder Zagajewski, ein "Weltschriftsteller" zu werden? Vielleicht, aber Polens berühmteste Dichterin, Wisława Szymborska, enge Freundin und Vertraute von Zagajewski, hat ein Leben lang Krakau trotz aller Widrigkeiten kaum verlassen. Auch für Zagajewski, den Lemberger im Exil, ist Krakau mit seinem geistigen und literarischen Leben der Mittelpunkt der Welt geblieben.

Das hindert ihn nicht, in den späten Texten dieses Buches deutliche Kritik zu äußern am aktuellen National-Konservatismus und -Katholizismus der polnischen Regierung. Aus Erfahrung und aus Neigung betrachtet er sich als "Europäer" - warum findet diese Haltung, fragt sich Zagajewski, nicht mehr Zustimmung, in Polen und anderswo?

Sein Antwortversuch führt ihn zurück zu "Tag" und "Nacht", Realitätssinn und Offenbarung. "Wir haben", meint Zagajewski, "Probleme mit der Koordinierung von religiösem Erlebnis und kühler Überlegung, von Leidenschaft und Menschenrechten." Das ist vielleicht doch mehr als nur noch ein Versuch, Europa "eine Seele zu geben".

Zagajewskis Plädoyer für ein, sagen wir, spirituell empfängliches Europa ist gedeckt durch eigene Erfahrungen mit den Tatsachen und einen über alle Tatsachen hinausgreifenden Möglichkeitssinn. Die Zeiten sind nicht gut, weder für Poesie noch für politische Veränderungen, aber man darf nicht aufhören, sagt er, "die stummen, beharrlichen Ereignisse mit unserer eigenen Musik zu sättigen".

W. G. Sebald habe sich in die Schreibrolle des Holocaust-"Survivors" hineinfantasiert

Man findet unter den vorwiegend zustimmenden Texten zu bekannten (Rilke, die Manns und andere) und weniger bekannten (Barańczak, Kornhauser, Czapski) Autoren zum Glück auch die eine oder andere kritische Einlassung. Zagajewski ist nicht mild, wenn er Anlass zur Kritik sieht, und er findet ihn etwa bei dem sonst vielgelobten W. G. Sebald.

"Winfried Georg Sebald, der die schweren hegelianisch-wagnerianischen Vornamen (...) zugunsten eines leichten, kosmopolitischen Namens ablegte und der fortan für seine Freunde nur noch 'Max' war", müsse im Lichte dieser Namens-"Transaktion" gelesen werden, schreibt Zagajewski eingangs. Trotz seiner Bewunderung für Sebald als Stilisten hat Zagajewski mit diesem Autor ein eher vielleicht "ethisches" Problem: Sebald habe sich ganz und gar in die Schreibrolle des Holocaust-"Survivors" hineinfantasiert, die man als Deutscher seiner Generation sich allenfalls negativ "erträumen" konnte. Auf der Strecke geblieben sei bei diesem Exzess an Melancholie und Trauer nicht die Schönheit (über die Sebald reichlich gebot), aber die Freude, oder auch der Witz, die nur Sebald fehlten, nicht aber notwendigerweise einer empirischen Holocaust-Überlebenden.

Zagajewskis Argument gegen Sebald und damit wohl auch gegen Adorno heißt: "Doch die Shoah hat die Substanz der Welt nicht vollkommen verändert; sie wirft einen Schatten auf die Welt und alles, was in der Welt geschieht." Der Autor dieses Schattens sei Sebald. Zagajewskis poetischer Gegenbefund aus dem Krakau seiner Tage, etwa von "Frühlingsbäume(n) und elegant gekleideten Abiturienten" im Planty-Park ist aber dieser: "Die Welt existiert weiterhin." Und weiter: "Und es existiert unsere Rührung" - angesichts einer Welt, die auch im vollen Bewusstsein des Schattens nicht aufhört, schön zu sein.

Adam Zagajewski: Poesie für Anfänger. Essays. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Carl-Hanser-Verlag, München 2021. 280 Seiten, 24 Euro.

© SZ/fxs
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