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Erzählungen:Du willst es doch auch

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(Foto: dpa)

Vom Flittchen, vom Trottel - und vom Bademantel: Die Erzählungssammlung "Sagte Sie" ist das Buch zur "Me Too"-Ära und hilft der Debatte aus der Sackgasse.

Der an sich nette Typ, ein gewisser C., der etwa halb so gut aussieht wie Don Draper, weshalb er auf Partys immer mit einem Kristallglas voller Whiskey herumläuft, ist "total für Gleichberechtigung". Allerdings ist genau das der Grund, weshalb ihn seine Erfinderin, das ist die Schriftstellerin Antonia Baum, in der Erzählung "Setzen Sie sich!" als "Trottel" vorführt. Sie, die Ich-Erzählerin, ist übrigens das "Flittchen", der es gefällt, wie sie der C. im Büro so anguckt.

Für Gleichberechtigung zu sein, total, als Mann, das ist derzeit oder auch schon immer in etwa so schlau, wie für das Recht zu sein. Es ist aber immer auch die Frage, ob und wie man es erhält, das Recht. Zumal in Zeiten der "Me Too"-Konflikte und ihrer ermüdenden Stereotypen. Zumal als Flittchen.

Der Trottel ist übrigens der Chef der Ich-Erzählerin. Und einer, der im Taxi von Party A zu Party B gleich die untergebene Gleichberechtigte eher gegen ihren Willen küssen wird. Dann wird er eher gegen ihren Willen an ihrer Brust herumschrauben und schließlich wird er eher gegen ihren Willen in ihrem Geschlecht "blättern", wozu er ihr einen Finger in die Vagina schiebt. Erst einen Finger, dann zwei, um "inkompetent und vertrottelt in mir herumzurühren". Wobei C. nicht wusste, "wie lächerlich er war".

"Ihre" Sicht der Dinge wird, das ist das Schöne, prompt unterlaufen

Seltsamerweise lacht man dann. Nämlich an der Stelle kurz danach, an der die Frau zu ihrem Vergewaltiger sagt: "Geh ruhig und mach dir noch einen schönen Abend. Taxi zahle ich." Denn nichts anderes ist er, ein Vergewaltiger, wenn man den Lächerlichen, den Chef und den Halbdondraper abzieht und sich überlegt, wie kurz, aber doch geradlinig und gut erkennbar der Weg vom Sichgernanguckenlassen zum Herumrührennichtlassenwollen ist. Schließlich: "Und er verließ das Taxi, und ich strich meinen Rock glatt und fuhr nach Hause, beschwingt von dem Gedanken, dass es zwar ein wenig peinlich sein würde, ihn am Montag wieder im Büro zu sehen, dass ich ihn aber nicht bloßgestellt hatte. Wir würden weiter zusammenarbeiten können."

Eine Frau lässt sich von ihrem Chef vergewaltigen und ist dann beschwingt, weil sie weiter seine gleichberechtigte Untergebene sein darf. Und, herrlich, sie zahlt das Taxi. Auch so etwas gehört ja unbedingt zur Gleichberechtigung. Muss man eigentlich ein Leser, also ein Mann sein, um sich zu fragen, warum diese seltsame Frau diesen seltsamen Mann nicht bloßstellt, indem sie die Taxitür öffnet, um ihn vor den nächsten Schwerlaster zu werfen? Warum sie nur die Beine zusammenpresst, statt ihm eine zu verpassen? Warum sie nicht einfach "Nein" sagt, statt darauf zu hoffen, der C. würde nonverbale Kommunikation schon noch begreifen, irgendwann mal? Aber spätestens an dieser Stelle hat man ja schon (und so will das die Setzen-Sie-sich-Autorin) im Kopf des Flittchens Platz genommen, das sich gleich im ersten Satz der Erzählung so vorstellt: "Hi, ich bin's, die Frau, nämlich diese Person mit dem Loch, in das man Sachen reinstecken kann (...)".

Die fulminant, ja geradezu furchtlos klischeehafte, nämlich mit Klischees gekonnt spielende Kurzgeschichte von Antonia Baum ist die erste von insgesamt "17 Erzählungen über Sex und Macht", die allesamt von zumeist jüngeren Autorinnen stammen. Lina Muzur hat diese Erzählungen unter dem Titel "Sagte sie" als Anthologie herausgegeben.

Im Vorwort geht sie auf die aus dem englischen Sprachraum stammende Redewendung ein, die im Titel des schmalen, nur gut 200 Seiten umfassenden, aber viel mehr Seiten und Perspektiven heraufbeschwörenden Sammelbandes aufscheint. Als "he-said-she-said" wird ein Konflikt beschrieben, "der dadurch charakterisiert ist, dass die in Streit stehenden Parteien völlig konträre Aussagen über eine Begebenheit machen, und zwar ohne konkrete Beweise zu haben". In der Anthologie "Sagte sie" solle aber "ausschließlich ihre Sicht der Dinge erzählt werden". Also die der Frau. Was, und das ist das Schöne an den meisten Erzählungen, die von Autorinnen wie etwa Nora Gomringer, Helene Hegemann, Mercedes Lauenstein, Juliane Liebert oder Margarete Stokowski stammen, prompt unterlaufen wird - da man als Leser automatisch jede andere Sicht mitbedenkt. Dass es in den mal eher literarischen, mal auch nur literarisierenden Skizzen eher um den Zwischenraum und nicht um Eindeutigkeit in der um sich selbst besorgten, kräftezehrenden und oft auch nur zum Geschlechterkampf neigenden Debatte geht: Das macht das Buch bemerkenswert. Die Diskussion über Macht und Machtmissbrauch fiel zuletzt ja in sich zusammen wie einer jener Bademäntel, die man seit dem Weinstein-Skandal oder dem Fall Wedel nicht mehr sehen kann, ohne darin einen Idioten zu vermuten.

Wie nebenher ersetzt das Buch nun einige hundert Leitartikel, die mit dem repetitiven Furor der Empörung am Ende nur wenig zur Sache beitragen konnten.

Tatsächlich ist der literarische Raum, das Reich, in dem etwas wahr sein kann, ohne wahr sein zu wollen, das richtige Medium, um der oft bis zur Stumpfsinnigkeit zerrissenen "Me Too"-Ära zu einem größeren Verstehen zu verhelfen. Besonders gut gelingt das dem perspektivischen Verwirrspiel "Das Wasser des Flusses Lot" von Margarita Iov. Die 25-jährige Autorin erzählt vom Städtchen Valadilène, das real sein, aber auch aus der Grafik-Adventure-Reihe "Syberia" stammen könnte. Der Fluss Lot trennt die Stadt. An jedem seiner Ufer steht eine Kathedrale. Die eine Kirche könnte aber auch eine Frau sein, das andere Gotteshaus wäre dann ein Mann - und der Fluss dazwischen ist vielleicht nicht das Trennende, sondern das trennend Verbindende. Es passiert nicht viel. Es gibt einen "A" und die namenlose Ich-Erzählerin. Nennen wir sie "B". Ein Besuch wird gemacht. Man kennt sich von früher, aber nicht gut - und dann kommt inmitten der Gassen und Buckelwände der Häuser so etwas wie ein dunkles Gefühl auf. Ein Gefühl der Bedrohung, der Gefahr und Angst. "A zeigt mir die Stadt, als gehöre sie ihm."

Es geht nicht nur um das Gleiche und Gleichberechtigte, was es zu erringen gilt

Schließlich, im Haus des A, es ist Nacht: "Ich ertaste im Dunkeln sein schmales, kantiges Gesicht (...), den großen, weichen Mund, der mit Abstand das Schönste ist an ihm." Doch aus der männlichen Bedrohung wird dies: "Ich sehe, dass er mir ergeben ist." Schließlich: "Er hält die Luft an, als ich in ihn eindringe." Bis hierhin hatte man die B klar vor Augen: als Frau, begehrenswert, vielleicht etwas abenteuerlustig, schutzlos. Doch wenn A nicht gehorcht, schlägt B zu. Man muss nicht wissen, ob es hier um ein homoerotisches Drama geht, ob es hier um Rollenspiele geht, ob es um Lust, Gewalt, Macht, Ohnmacht und Unterwerfung geht - nicht einmal dann, wenn bald auch noch eine A, eine Sie dazukommt. Am Ende jedenfalls heißt es: "Bin immer noch jemand anderes gewesen."

Darin ist etwas Schönes und etwas Wahres zu spüren. Etwas, was dem Geschlechterkampf fehlt. Denn es geht nicht nur um das Gleiche und das Gleichberechtigte, was es zu erringen gilt; es geht auch um das Andere, das Fremde, das Anziehende, das Abstoßende, was es zu bewahren gilt. Es ist der Unterschied, aus dem in der Physik die Spannung als Differenz der Potenziale erwächst. Auch in der Lehre der Körper, Hirne und Herzen sind es Differenzen, aus der die Lust, die Energie und ein Wir erwächst. Hoffentlich lässt die "Me Too"-Debatte davon etwas übrig. "Sagte sie" erinnert schon jetzt daran, dass noch viel mehr nicht zu sagen, aber zu erfühlen wäre.

Lina Muzur (Hg.): "Sagte sie - 17 Erzählungen über Sex und Macht". Hanser Berlin, München 2018, 224 Seiten, 20 Euro.

© SZ vom 03.08.2018

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