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Erinnerungen:"Wer überlebt, wird reden"

Judith Kalman

Judit Kalman Mandel wurde 1927 im nordungarischen Hatvan geboren.

(Foto: Archiv US Holocaust Memorial Museum)

Judit Kalman Mandel war Zwangsarbeiterin im Augsburger Stadtteil Kriegshaber. Zum ersten Mal wird nun in der Ehemaligen Synagoge aus ihren Texten gelesen

Von Sabine Reithmaier

Im Gewerbehof Augsburg erinnert nichts mehr an die Michel-Werke. Heute residieren an der Ulmer Straße 160 mehrere Firmen; 1940 aber produzierte hier im Stadtteil Kriegshaber Michel elektrische Teile für die deutsche Luftwaffe. Mit Arbeitskräften half ihm das Konzentrationslager Dachau aus. 500 ungarische Jüdinnen schufteten hier zwischen September 1944 und April 1945 im zweiten Stock des Gebäudes, darunter Livia Bitton-Jackson und Judith Kalman Mandel. An diese beiden Frauen, die den Holocaust überlebten, erinnert eine Lesung in der ehemaligen Synagoge Kriegshaber, einer Dependance des Jüdischen Kulturmuseums.

Livia Bitton-Jackson, geboren als Elli Friedmann, hat ihre leidvollen Erinnerungen in dem Buch "1000 Jahre habe ich gelebt. Eine Jugend im Holocaust" festgehalten. Mandels Lebensbericht dagegen beruht auf einem Manuskript, das im United States Holocaust Memorial Museum in Washington aufbewahrt wird. In der dortigen Datenbank hatte es die Forschungsgruppe von Philipp Gassert entdeckt. Gassert, der an der Uni Mannheim den Lehrstuhl für Zeitgeschichte innehat und zuvor an der Uni Augsburg forschte, hat für die Stadt auch ein Konzept für Erinnerungsorte entwickelt.

Gerald Fiebig, Schriftsteller, Musiker und Leiter des Kulturhauses Abraxas, wurde durch einen Mitarbeiter Gasserts auf den Text aufmerksam, als er mit dem Theaterensemble Bluespots Productions im Vorjahr einen Audiowalk zum Thema "Zwangsarbeit in Augsburg" entwickelte. Für eine Zeitzeugen-Collage übernahm er bereits Teile aus Kalman Mandels Lebensbericht. Doch inzwischen hat er den Text vollständig übersetzt.

"Ich erinnere mich an die Angst vor dem Sterben. Wie ein Messer traf sie mich. Ich erinnere mich an den Hass, der über mich kam, als ich meine sogenannten Freunde in der Menge sah, die lachten und auf mich zeigten", hat Judit Kalman Mandel in der Erinnerung an die Jahre aufgeschrieben, als sie in ihrer Heimat bereits als Jüdin gebrandmarkt war. Geboren wurde sie 1927 im nordungarischen Hatvan. Im Juni 1944, wenige Wochen, nachdem die deutschen Truppen im März das Land besetzt hatten, wurde die junge Jüdin gemeinsam mit ihrer Mutter ins Konzentrationslager nach Auschwitz überstellt. "Im September wurden wir in eine Fabrik nach Augsburg gebracht. Dort arbeiteten wir in einer Flugzeugfabrik. Das rettete mein Leben."

Exakt beschreibt die damals Sechzehnjährige das Verhalten der Bewacher kurz vor der Befreiung. "Inzwischen sahen wir jedes Mal, wenn wir ein Lager verließen, ob Augsburg oder Mühldorf oder Waldlager, wie die Deutschen versuchten, alle Hinweise auf ein Lager auszulöschen. Die Papiere und alles brannten. Sie waren in panischer Eile, ihre Spuren zu verwischen. Zu dieser Zeit schwor sich meine Gruppe: Wenn irgendwer von uns überleben sollte, werden wir reden, damit nicht vergessen wird, wie sehr die Deutschen, die SS versucht haben, alles zu vertuschen. Wer überlebt, wird reden."

Amerikanische Soldaten befreiten die Zwangsarbeiterinnen und legten die Produktion der Michel-Werke still. Judith Kalman Mandel emigrierte 1948 in die USA. Zum ersten Mal nun werden ihre Erinnerungen wenige Meter vom Außenlager Kriegshaber entfernt öffentlich präsentiert - gelesen von Lisa Bühler und Susanne Reng. Damit schließt sich ein Kreis.

Meine Geschichte gebe ich euch zur Erinnerung und als Mahnung. Texte von Überlebenden des KZ-Außenlagers Augsburg-Kriegshaber, Donnerstag, 15. November, 19 Uhr, Ehemalige Synagoge Kriegshaber .

© SZ vom 15.11.2018

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