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Erinnerungen:Schlangenmensch der Zeitläufte

Manuel Chaves Nogales: Die Erinnerungen des Meistertänzers Juan Martínez, der dabei war. Aus dem Spanischen von Frank Henseleit. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2015. 298 Seiten, 22,90 Euro.

(Foto: Verlag Matthes & Seitz)

Manuel Chavez Nogales reiste Ende der Zwanziger in die Sowjetunion. Was er dort erlebte, schildert sein Roman "Die Erinnerungen des Meistertänzers Juan Martínez, der dabei war".

Ein Flamencotänzer inmitten der Oktoberrevolution? Das klingt einigermaßen extravagant. Aber warum nicht? Künstler waren immer schon fahrendes Volk, und amüsiert hat man sich Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in Moskau nicht weniger als in Paris oder Sevilla. Dort wurde 1897 Manuel Chavez Nogales geboren, eine Art iberischer Egon Erwin Kisch.

Ende der Zwanzigerjahre flog er als rasender Reporter quer durch Europa bis hinauf nach Russland, ein damals, als Charles Lindbergh es gerade über den Atlantik geschafft hatte, noch tollkühnes Unterfangen. Sein ausführlicher Bericht über diese Reise erschien 1929. Fünf Jahre später goss er die Erfahrungen, die er in der Sowjetunion hatte sammeln können, in Romanform. "Die Erinnerungen des Meistertänzers Juan Martínez, der dabei war" lautet der Titel, und es ist das erste Buch von Chaves Nogales, das auf Deutsch vorliegt. Gestorben ist der Autor 1944 in London, wohin er, nach dem Einmarsch der Deutschen in Paris, emigriert war. Nach Paris wiederum hatte ihn die Niederlage der spanischen Republikaner geführt.

In der französischen Hauptstadt beginnt auch die Odyssee des sogenannten Meistertänzers Juan Martínez: Ein türkischer Agent spricht ihn an und lockt ihn mit der Aussicht auf viel Geld nach Konstantinopel. Dummerweise beginnt drei Wochen nach Martínez' Ankunft in Konstantinopel der Erste Weltkrieg. Die Deutschen nisten sich in der Stadt am Bosporus ein und machen ihm das Leben schwer, namentlich ein gewisser Baron Stettin: "Der Baron Stettin klemmte sein Monokel fest, stützte seinen Ellenbogen auf den Tisch und sagte mir eiskalt: ,Du bist ein Spion'. Mir schoss das Blut aus den Adern. Ich wusste nur zu gut, wie der Baron Spione zu handhaben pflegte. Mit seiner manierlichen und eiskalten Stimme hatte er mehr ins Jenseits befördern lassen, als er Haare auf dem Kopf hatte."

Freilich wirkt dieser Baron mit Monokel und eiskaltem Blick wie ein Klischee, weniger wie eine lebendige Figur, aber was in diesem Roman auf unmittelbarer Anschauung beruht, was auf Berichten aus zweiter oder dritter Hand, wer hier wirklich gelebt hat und wer erfunden ist, lässt sich nicht entscheiden: Die Wahrhaftigkeit und Zeitzeugenschaft wird im Titel einerseits vehement behauptet - "Der Meistertänzer, der dabei war" -, andererseits wird das Werk als Roman bezeichnet. "Fiktionaler Bericht" wäre wohl treffender. Schon die Kapitel sind mit Überschriften versehen, die an Schlagzeilen erinnern: "Die Bolschewiki haben gesiegt!", "Menschenjagd in Moskaus Straßen" oder "Tod durch Verhungernlassen" lauten sie etwa.

Doch das, was Juan Martínez, der Tänzer, erzählt, klingt keineswegs so sachlich, wie man es angesichts all der Recherchearbeit, die der Autor zweifellos, nicht zuletzt auf seiner Reise nach Russland, geleistet hat, erwarten könnte. Vielmehr ist die Rede des Erzählers derart lebhaft, ja mitunter aufgekratzt, dass das Ganze dann eben doch, wenn auch auf verwirrende Weise, authentisch anmutet: "Saufgeschichten! Die Zechereien laufen überall gleich ab, und die Saufkumpane machen überall denselben Blödsinn. Aber ich weiß nicht, ob sie nur kräftiger waren oder woran es lag, dass die Deutschen immer die Gierigsten waren, die, die sich die größten Schweinereien einfallen ließen und niemals klein beigaben."

Prophetische Worte, wenn auch die Deutschen in der Folge keine Rolle mehr spielen: Vor dem eiskalten Baron flüchtet Martínez nach Russland, über Bulgarien und Bukarest kommt er nach Odessa, dann nach St. Petersburg und schließlich nach Kiew und Moskau. Er erlebt die Märzrevolution des Jahres 1917 mit, dann die Oktoberrevolution. Zu diesem Zeitpunkt tanzt er noch auf der Bühne eines Cabarets und trinkt Champagner im Überfluss. Danach aber hat er keine Chance mehr, das Land zu verlassen. Sein Künstlertum hilft ihm allerdings immer wieder, sich durchzuschlagen. Als er vor einem bolschewistischen Säuberungskomitee sein Können zeigen soll, befindet der Sekretär: "Nicht schlecht." Und diktiert: "Martínez. Schlangenmensch. Zum Zirkus."

Für den spanischen Autor ist der Künstler ein Schelm am Bühnenrand des Weltenspiels

Hier wird klar, warum Chavez Nogales gerade einen Tänzer als Erzählerfigur seines - ja was? - historischen Romans gewählt hat: Der Künstler steht außerhalb der Ordnung, er ist frei und beweglich und kann den Mühlen der Zeit immer wieder entkommen. Er ist der Schelm, der sich das Weltenspiel vom Bühnenrand aus anschaut. Von hier aus sieht er nun, wie der Kampf zwischen Weißen und Roten in Kiew hin und her wogt, hier wird er Zeuge, wie am jeweils anderen immer wieder grausam Rache genommen wird, wie beide Parteien sich gegen die jüdische Bevölkerung wenden und wie nach dem Sieg der Sowjets die Brutalität, der Kontrollwahn der Behörden und der allgemeine Irrsinn noch einmal zunehmen.

"In einer Ecke lagen einige Gewehre, deren Kolben zersplittert waren. Es sah so aus, als habe man mit ihnen so lange auf die Verurteilten eingeschlagen, bis sie zerbrachen. An einem dieser österreichischen Säbel-Bajonette steckten große Fleischfetzen." So lebendig "Die Erinnerungen des Meistertänzers" an das blutige Gemetzel der Tscheka wie an die kafkaeske Bürokratie der neuen Herrscher auch wirken, so historisch ist dieses Buch, bei aller Farbigkeit, doch zugleich selbst geworden. Da es neben den bekannten politischen Ereignissen im Grunde keine Handlung hat, ist es zudem nur mäßig spannend. Erstaunlich ist zwar, wie klar der Autor schon 1934 gesehen hat - und wie schnörkellos er die Auswirkungen totalitaristischer Ideologien beschreibt. Und tatsächlich könnte man die mitleidlose Vorgehensweise, das massenhafte Töten der Bolschewiki als Parabel auf das Wüten des IS heutzutage lesen. Aber die Erkenntnis, dass die Welt, der Mensch nicht besser wird, ist dann auch nicht so neu.

© SZ vom 30.12.2015
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