Einflüsse auf Jorge Mario Bergoglio "Treue ist immer Änderung"

Es gibt aus dem Jahr 2007 ein spannendes Interview mit Bergoglio, gegeben hat er es der katholischen Monatszeitung 30 Giorni, die der konservativen italienischen Bewegung "Communione e Liberazione" nahe steht - es eint sich ja im neuen Papst das Revolutionäre und das Traditionelle. Vieles, was der Kardinal aus dem fernen Argentinien sagt, nimmt vorweg, was er in seiner Brandrede im Vorkonklave 2013 sagen wird.

Auf die Fragen nach den Konflikten auf der Versammlung in Aparecida antwortet er, in der Kirche sei der Heilige Geist "Urheber der Einheit und der Vielfalt. Denn wenn wir es sind, die Verschiedenheit machen, kommt es zu Schismen. Und wenn wir es sind, die die Einheit wollen, kommt es zur Uniformität und Gleichschaltung." Ja, die Kirche müsse sich immer ändern: "Man bleibt nicht gläubig, wenn man wie die Traditionalisten oder die Fundamentalisten am Buchstaben klebt. Treue ist immer Änderung."

Also alles dem Heiligen Geist überlassen?, fragt die Reporterin. Nein, sagt der Kardinal, wir müssen uns neu organisieren: "Unsere Religionssoziologen sagen uns, dass sich der Einfluss einer Pfarrei auf einen Umkreise von 600 Metern erstreckt. In Buenos Aires liegen zwischen einer Pfarrei und der nächsten zirka 2000 Meter. Ich habe den Priestern damals gesagt: ,Wenn ihr könnt, mietet eine Garage, und wenn ihr den einen oder anderen disponiblen Laien auftreiben könnt, dann lasst ihn machen! Er soll sich um diese Leute hier kümmern, ein bisschen Katechese machen, ja, auch die Kommunion spenden.'" Auf die Bedenken eines Pfarrers hin habe er geantwortet: "Aus sich selbst herauszugehen bedeutet auch, aus dem Garten seiner eigenen Überzeugungen hinauszugehen."

Die Rückkkehr des Teufels

Und dann erzählt Bergoglio die Geschichte vom Propheten Jona: "Für Jona war alles klar. Er hatte klare Vorstellungen, was Gott betrifft, und auch darüber, was gut und was böse war. Er hatte ein Rezept dafür, wie man ein guter Prophet war. Gott brach wie ein Wirbelsturm in sein Leben ein. Er schickte ihn nach Ninive. Ninive ist das Symbol für alle Getrennten und Verlorenen, für alle Peripherien der Menschheit." Und Jona? Der sei erst einmal geflohen. Nicht das ungläubige Ninive, "sondern vielmehr die unermessliche Liebe Gottes zu den Menschen. Das war es, was nicht in seine Pläne passte. Seine Starrköpfigkeit machte ihn zum Gefangenen seiner strukturierten Urteile, seiner vorgefassten Methoden, seiner korrekten Meinungen. Er hatte seine Seele mit dem Stacheldrahtzaun dieser Gewissheiten abgegrenzt."

Man kann verstehen, warum sie nervös sind in der Kurie, wenn Papst Franziskus schwarze, orthopädische Schuhe statt der roten trägt und am Gründonnerstag Strafgefangenen die Füße wäscht und küsst. Die Gesten erschöpfen sich nicht in sich selbst, sie sind Programm. Dieser Franziskus aus dem fernen Argentinien ist revolutionär und konservativ zugleich. Er hat die Homo-Ehe eine "Intrige des Vaters der Lügen" genannt. Er hat in seiner ersten Ansprache an die Kardinäle den französischen Schriftsteller Léon Bloy zitiert: "Wer nicht zum Herrn betet, betet zum Teufel." Seit Paul VI. 1972 erklärte, der Rauch des Satans sei in die Kirche eingedrungen, hat kein Papst mehr so locker über den Leibhaftigen geredet.

Dass er es mit einem Zitat von Léon Bloy tat, dem zum Katholizismus konvertierten französischer Autor des 19. Jahrhunderts, ist auch ein Zeichen: Kaum einer hat das verbürgerlichte Christentum so scharf kritisiert wie Bloy. Kaum einer hat so radikal einfach gelebt wie er. Bloy wollte zurück zum Urchristentum, dem Gegenbild zur modernen Welt. In dieser egoistischen, auf Konsum und Materialismus hin orientierten Welt lief der Teufel durchaus leibhaftig herum, so wie der Teufel auch in den Armenvierteln von Buenos Aires leibhaftig ist, so wie die Hedonisten und Egoisten in den reichen Häusern dieser Erde dafür sorgen, dass es ihm gut geht, dem Teufel.

Der neue Papst wird manchem Europäer schwer verdaulich sein.