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Ein Aufsatz:Progressive Nostalgie

Nicht nur Populisten von links und rechts beschwören eine Vergangenheit, in der einmal alles besser gewesen ist, schreibt der Politologe Lukas Haffert. Die Linksliberalen haben diese rückwärtsgewandte Sprache längst übernommen.

Von Alex Rühle

Am Sonntagabend hieß es mal wieder bei SPD und CDU, man werde das Ergebnis der Wahlen von Sachsen und Brandenburg genau analysieren. Man kann den Strategen der beiden einstmaligen Volksparteien nur dringend anraten, zum Zwecke dieser Analyse umgehend in die nächstgelegene Buchhandlung zu gehen und dort "Kein schöner Land - Angriff der Acht auf die Gegenwart" (Beck-Verlag, 18 Euro) zu kaufen. In diesem Sammelband aus acht mal mehr mal weniger zielführenden Zeitdiagnosen schreibt der Wirtschaftswissenschaftler Lukas Haffert über das Phänomen der "progressiven Nostalgie" im linksliberalen Milieu und entwirft so ein schmerzhaft treffendes politpsychologisches Porträt der so elend zaghaften bürgerlichen Mitte.

Nun verortet man politische Nostalgie ja erst mal eher bei Populisten wie Trump, Johnson, Orbán oder der AfD, die ihren Wählern allesamt versprechen, ihr jeweiliges Land wieder zu alter, souveräner Größe zu führen. Deren erdrutschartigen weltweiten Erfolge führen zu einer zunächst völlig verständlichen Verteidigungshaltung: Man will die bestehende institutionelle Ordnung gegen den so rabiaten wie destruktiven Ansturm bewahren. Dieser Reflex und die ja durchaus begründete Verlustangst mündet nun aber in ebenjene progressive Nostalgie, die Haffert in seinem Aufsatz so argumentativ eindrücklich wie sprachlich elegant herausarbeitet.

Tonnen journalistischer und akademischer Texte versuchen momentan, die Gründe für die Krise unserer politischen Ordnung zu eruieren und enden meist in Rezepten und wackeren Maßnahmenkatalogen für die Stärkung der Widerstandskraft. "Im Zentrum der Analysen steht eine Verfallsgeschichte", so Haffert, "wonach ein System, das früher einmal bestens funktioniert habe, zunehmend in die Krise geraten sei." Weshalb die Autoren am Ende meist zu einer Rückkehr zum Status quo ante raten. Da wird dann "der Glaube an die Demokratie erneuert" (Yascha Mounk), die "Normen des gegenseitigen Respekts werden wiederhergestellt" (Steven Levitsky), "Errungenschaften werden bewahrt" (Angela Merkel, die auch sehr gerne "Vertrauen zurückgewinnt").

Diese so wohlfeile wie ausgeleierte Rhetorik aber zeigt, dass die Kritik an den reaktionären Gegenlagern gar nicht darin liegt, dass diese die Vergangenheit verklären, sondern dass sie nur die falschen Aspekte daran zurückwünschen. "Während es bei reaktionärer Nostalgie vor allem um kulturelle Normen geht, richtet sich der linksliberale Blick in die Vergangenheit auf eine bestimmte Form der politischen Ordnung (...) Während sich die Rechte noch immer am Epochenbruch von 1968 abarbeitet, beißt sich ein sich selbst als progressiv verstehender Liberalismus in ähnlicher Weise am Epochenbruch von 1989 fest." Auf Trumps ,Make America Great Again' antworte er "mit einem kaum weniger emphatischen ,Make Liberal Democracy Great Again - mit einem ebenso deutlichen Akzent auf dem ,again'."

Man will also im Grunde zu den beschaulich stabilen Zuständen der Achtzigerjahre zurück: repräsentative Demokratie, beschützt durch einen liberalen Rechtsstaat, alle paar Jahre bekommen die moderaten Volksparteien von uns allen ein neues Mandat. Weshalb man dann auch bei der Ursachenforschung zu altbekannten Instrumenten und Ritualen greift. Ein deprimierender Beleg für die Richtigkeit von Hafferts Thesen war der Wahlabend - die AfD fährt grundstürzende Gewinne ein, SPD und CDU reagieren mit Stellschraubenrhetorik, Arbeitsplätze in der Lausitz, und wenn wir nur erst die Grundrente haben, wird sich die AfD wahrscheinlich wieder auflösen ...

Statt aber, so Haffert, wie Wanderer, die vom Weg abgekommen sind, immer nur zu der Stelle zurückzulaufen, wo man sich verirrt hat, um dann endlich wieder auf dem Königsweg frisch voranschreiten zu können, statt, anders gesagt, auf die aggressive Veränderungsbejahung der Rechtspopulisten nur mit defensiver Veränderungsangst und althergebrachten Rezepturen zu reagieren, müssten endlich neue Wege begangen, andere Themen forciert und neue institutionelle Lösungen entwickelt werden. In Hafferts Augen hat nur Emmanuel Macron tatsächlich eine solche positive Agenda der Veränderung gewagt. Den unheimlichen Twist, dass ebendieser Macron kürzlich unter anderem aufgrund seiner neuen Ideen fast vom Volk aus dem Amt geputscht worden wäre, lässt er freilich außen vor.

© SZ vom 03.09.2019

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