Ein Aufsatz Am Abgrund

Das neue Heft der Zeitschrift "Tumult" versammelt Äußerungen des kürzlich verstorbenen Historikers Rolf-Peter Sieferle über den Zustrom an Flüchtlingen nach Deutschland. Der Autor warnt vor einer Katastrophe.

Von Gustav Seibt

Anm. d. Red.: Die Einschätzung unseres Autors Gustav Seibt hat sich durch die Publikation von Nachlasswerken Rolf Peter Sieferles im Frühjahr 2017 stark verändert.

Im Winterheft 2015 brachte der Tumult, die "Vierteljahresschrift für Konsensstörung" innerhalb einer Serie kritischer Abrechnungen mit der deutschen Willkommenskultur eine kühl durchdachte Abhandlung des Zivilisationshistorikers Rolf-Peter Sieferle, die auf die strukturelle Unvereinbarkeit von offenen Grenzen und dem in der neuzeitlichen Industriegesellschaft - und nur hier - entwickelten Sozialstaat hinwies. Sieferle beschrieb ein Dilemma der Globalisierung, das bis heute ungelöst ist: Die Wirtschaft, die den Sozialstaat finanziert, ist mittlerweile weitgehend auf weltweiten Warentausch und offene Märkte angewiesen; zugleich kann ein Sozialstaat (und der ihn voraussetzende Steuerstaat) bisher nur in nationalen Einheiten funktionieren. Dieses Strukturproblem wird inzwischen auch bei linken Vordenkern mit Überlegungen zu einem wieder stärker nationalen Kapitalismus beantwortet, so bei Sahra Wagenknecht oder dem Soziologen Wolfgang Streeck.

Seine letzten Äußerungen waren die eines Verzweifelten

Sieferle starb am 17. September 2016 (SZ vom 9. Oktober). Nun erfährt man aus dem neuen Heft des Tumult, das in dieser Woche erscheint, dass es sich um einen selbstgewählten Tod handelte. Die Zeitschrift bringt eine Auswahl von Äußerungen aus den letzten Lebensmonaten Sieferles, überwiegend aus E-Mails zusammengestellt, die einen Verzweifelten zeigen. Verzweifelt war er offenbar auch, weil er die Ereignisse des letzten Jahres mit dem Zustrom von - nach heutigem Stand der Statistik - etwa 800 000 Flüchtlingen nach Deutschland auf "Millionen Analphabeten" hochrechnete, die demnächst in die westlichen Industrieländer kommen und das heikle Gleichgewicht in einer arbeitsteiligen, auf historisch einzigartigem Vertrauen und hohem Ausbildungsgrad beruhenden Gesellschaftsform in Gefahr bringen würden.

Viele der teils zugespitzten Äußerungen lesen sich wie eine Zusammenfassung der Merkel-Kritik mit der Unterstellung, die zeitweise Öffnung der Grenzen sei moralisch ("gesinnungsethisch") oder machttaktisch (als Zugeständnis an eine schwarz-grüne Option) oder aber neoliberal (um eine Arbeitsmarktreserve aufzubauen) motiviert gewesen - so recht entscheiden mag sich Sieferle da nicht. Jedenfalls sah er einen "Abgrund" drohen, mit Folgelasten, die von einer finanziellen Armutskrise bis zum Untergang des Rechtsstaat und zu ethnischen Konflikten reichen könnten.

Wie durchdacht diese Ängste waren, wird man allerdings erst erfahren, wenn ein Werk mit dem Arbeitstitel "Die Struktur des Migrationsproblems" erscheint, an dem Sieferle zuletzt arbeitete und dessen Publikation der Tumult ankündigt. Sollte es sich auf dem Niveau der bisherigen Schriften Sieferles bewegen, darf man sich auf ein kühle, begrifflich leuchtende, welthistorisch vergleichende Darlegung freuen. Von möglichen neuen Argumenten ist in der jetzt publizierten Auswahl privater Äußerungen vor allem eines zu erkennen: Sieferle bestreitet energisch einen Sachzusammenhang zwischen dem Einwanderungsdruck und dem Schrumpfen der Bevölkerung in den alten Industrieländern. Dieses begrüßt er sogar als rationale Antwort auf eine Wirtschaftsweise, die massenhafte ungelernte Arbeit kaum noch braucht, die also beim Nachwuchs von Quantität auf Qualität umstellen kann.

Dazu kommen Fluchtlinien auf eine ökologische Geschichte der Demografie und eines globalen Energiegleichgewichts, die eine Reduktion der künftigen Weltbevölkerung auf drei Milliarden wünschenswert erscheinen lassen. Damit kehrt Sieferle zum Ausgangspunkt seines universalhistorischen Lebenswerks zurück, zur Entdeckung des "Naturhaushalts" in der ökonomischen Theorie seit dem 18. Jahrhundert. Die explosionsartige Steigerung von Umsatz und Verbrauch seit mehr als 200 Jahren beruhte auf der Ausbeutung nichtregenerativer fossiler Energien.

Wenn die Menschheit weiterleben will, muss sie zu einem neuen Normalzustand zurückfinden - das wurde zum beherrschenden Lebensmotiv Sieferles. Der Eindruck, den die letzten Notate erwecken können, es sei ihm vor allem um Deutschland oder die westliche Industriegesellschaft gegangen, dürfte einseitig sein. Die treuen Leser dieses großen Autors warten nun auf sein letztes Werk.