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Dystopie:Gesundes Miteinander

Martin Schäuble führt uns in "Cleanland" in eine perfekte Hygiene- und Quarantänediktatur. Unsere Zukunft nach der Pandemie? Ist Gesundheit wichtiger als Freiheit?

Von Fritz Göttler

Ein Schreckmoment, mitten in der Nacht. "Als ich aufwache, ist es noch dunkel in meinem Zimmer. Aber ich bin nicht allein im Raum, eine Gestalt steht in einer Ecke. Ich schreie vor Schreck ... " Ein Junge, etwa gleichaltrig, ist in das Zimmer des Mädchens gekommen, das den biblischen Namen Schilo trägt, aber seine Präsenz ist eigentlich, wie man sofort erfährt, ganz normal in der Zukunft, in der Martin Schäubles neues Buch "Cleanland" spielt. Der Junge ist ein Cleaner, das heißt, er säubert und desinfiziert in der Nacht die Wohnung der Menschen, während diese schlafen. Und von dessen Arbeit sie nie etwas mitkriegen.

Ultimative Diskretion, und totale Desinfektion bestimmen das Leben nach der großen Pandemie, kontrolliert vom Ministerium für Gesundheit. Man hält Abstand, trägt Schutzanzüge - "Protector - Für ein gesundes Miteinander©" -, muss in den U-Bahnen ein Abteil für sich buchen, das nach Verlassen sofort mit Antisept gereinigt wird für den nachfolgenden Passagier, ein Controller am Arm wacht über alle Körperfunktionen - "der Controller gehört zu mir wie ein Organ" -, er mahnt zu Körperertüchtigung, warnt vor Rissen im Schutzanzug, verordnet Sicherheitsmodus und Quarantäne. Man darf sich immer nur mit registrierten Kontaktpersonen treffen, Selbst zum Joggen muss man seine Laufroute buchen, damit man gehörigen Abstand hat zu anderen Läufern. Und die Alten steckt man zur Sicherheit in den "Saferoom - den Raum der Einsicht©", wo sie keinen Kontakt mit anderen Familienmitgliedern haben. Schilos Oma lebt hier, allein, isoliert, sie lebt in ihrer Vergangenheit. "Achten Sie die GaR", heißt es immer wieder, die Regeln der absoluten Gesundheit, und darauf wird dann erwidert, was auch bei uns allmählich zur Floskel zu werden droht: "Bleiben Sie gesund."

In der Nacht mit dem Cleaner hatte Schilo einen Traum und ist aufgewacht, trotz des Nachtheilers, den sie eingenommen hatte, das obligatorische Schlafmittel. Der Cleaner stammt aus einer anderen gesellschaftlichen Schicht als Schilo, er wohnt in den Sicklands, braucht den Cleaner-Job, um seinen Unterricht zu finanzieren. Ist es Liebe, die Schilo bei seinem Anblick verspürt? Mit ihm erlebt sie ein anderes Leben, in alten, engen, ungesunden Gebäuden, mit Menschen, die sich frei bewegen, ohne Protector und Gesichtsvisier, die sich nahe kommen und sich die Hand geben und sich küssen, Zungenküsse!

Martin Schäuble, der mit seinen Büchern zu Digitaldiktatur oder Reichsbürgerbewegung erfolgreich war, schiebt nun unsere Corona-Lockdown-Erfahrungen nur ein kleines bisschen in die Zukunft. Der Alltag in "Cleanland" ist realistisch und absurd, auf komische Weise schreckenerregend. Politik und Industrie sind eng verzahnt, alle Schutzinstrumente und -maßnahmen sind zum Markenzeichen abgestempelt. "Gesundheit ist wichtiger als Freiheit", das fünfte der RaG, klingt auf unangenehme Weise vernünftig. Aber man kriegt vorgeführt, wie leicht solche Vernunft sich in Totalitarismus wandelt. (ab 13 Jahre)

Martin Schäuble: Cleanland. Fischer KJB, Frankfurt/M. 2020. 206 Seiten, 14 Euro.

© SZ vom 28.12.2020
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