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Oxford Lectures von Durs Grünbein:Ein Erzähler, zum Glück

Mitgliederversammlung 2016 Durs Grünbein Mitglied der AdK Sektion Literatur Mitgliederversammlung der Berliner Akademie

Im allerbesten Sinne Amateurhistoriker: der Dichter Durs Grünbein.

(Foto: Gezett/imago images)

2019 hat Durs Grünbein Vorlesungen in Oxford gehalten, über W. G. Sebald und Alexander Kluge, über den Luftkrieg und die Nachkriegspsyche. Jetzt sind sie bei Suhrkamp erschienen.

Von Kurt Kister

Vor vier Jahren, beim Historikertag 2016, gab es ein Panel mit dem schönen, für manche Historiker zu lyrischen Titel "Jenseits der Erzählung". Die Diskussionsrunde griff ein Thema auf, das seit Langem durch die Reihen jener geistert, die sich professionell und manchmal sogar leidenschaftlich damit beschäftigen, Historisches zu erforschen und Geschichte dann in Aufsätzen und Büchern darzustellen, zu analysieren - und zu erzählen.

Zu erzählen? Ist eine Erzählung nicht etwas, was über das sogenannte Fachpublikum hinausgeht? Sollten die Mediävistin, der Zeitgeschichtler etwa "gefällig" schreiben, also so, dass Menschen ihre Bücher lesen, weil sie gerne lesen und nicht unbedingt, weil sie die neueste Veröffentlichung zu Heinrich VI. oder den Carlistenkriegen kennen wollen oder müssen? Und schadet es nicht der wissenschaftlichen Seriosität, wenn es gut lesbare, gar literarische Geschichtsschreibung gibt? Gustav Seibt, Teilnehmer des Erzählungspanels auf jenem Historikertag und SZ-Autor, berichtete damals, dass unter einer seiner historischen Seminararbeiten neben dem Lob aus professoraler Feder auch gestanden habe: "noch zu literarisch".

"Zu literarisch" ist ein Vorwurf, den man, wenn man literarisches Schreiben nicht so sehr schätzt, auch Durs Grünbein machen kann. Der 1962 in Dresden geborene Lyriker und Essayist wäre, würde sich denn, analog zur Gruppe 47, eine Gruppe 89 gebildet haben, sicher einer ihrer Protagonisten. Er ist so deutsch wie Anselm Kiefer oder Gerhard Richter und ganz anders als Uwe Tellkamp; er schreibt immer wieder auch ellenlange Gedichte, die manchmal nicht leicht konsumierbar sind, aber doch stets zumindest zum Nachdenken anregen. Grünbein lässt nie Zweifel daran, dass er sehr viel gelesen hat, was ihn wiederum dazu bringt, nicht wenig zu schreiben. Literatur ist eine gute Wirkung von Literatur.

Worüber spricht ein Deutscher in Oxford? Über Hitler

Durs Grünbein ist im allerbesten Sinne des Wortes ein Amateurhistoriker. Nicht wenige, die Geschichtswissenschaft mit der Betonung auf Wissenschaft studiert haben, schützen sich vor Unliebsamem, vor Unseriösem, vielleicht auch vor zu Literarischem indem sie "Fachfremden" das blecherne Schildchen "Amateurhistoriker" umhängen. Grünbein gehört zu jenen Autoren, deren eigentlich nicht-historisches Werk vom Verständnis, vom Erleben, vom Er-Lesen von Geschichte geprägt ist. Wie das ist und warum das so ist, kann man nun sehr gut in "Jenseits der Literatur" lesen und verstehen.

Der schmale Band besteht aus vier Reden, vier Vorlesungen, die Durs Grünbein 2019 in Oxford gehalten hat. Er war als Visiting Professor in dem von Lord George Weidenfeld begründeten Humanitas-Programm der Universität eingeladen. Zunächst einmal tat Grünbein in Oxford das, was man von einem deutschen Intellektuellen des Jahrgangs 1962, einem Schriftsteller zumal, erwarten kann: Er sprach über Hitler.

Alle, die in Deutschland, egal ob Ost oder West, zwischen 1945 und vielleicht 1965 geboren sind, waren als Angehörige der ersten Nachkriegsgeneration Zeugen, Teilnehmerinnen, Objekte und Subjekte des Versuchs, mit dem furchtbaren, kaum verstehbaren, stets lauernd präsenten Geschehen der deutschen Nazi-Jahre irgendwie umzugehen. Grünbein zeichnet dies in seinen Aufsätzen nach, er interpretiert es, er erzählt es, und er empört sich.

Er ist zu sehr Literat, um rein biografisch er erzählen

Ja, er tut das alles als Literat. Er erzählt in seinem ersten von vier Kapiteln, wie er als Kind in Dresden durch ein Briefmarkenalbum, durch eine violette Sechs-Pfennig-Briefmarke mit dem Kopf des "Führers" in das "grauenvollste Kapitel deutscher Geschichte hineingezogen" worden sei. Er berichtet, wie ein unter einer Treppe gefundenes Exemplar von "Mein Kampf" für ihn zum Symbol der Nachkriegs-Verdrängung werden konnte.

Nach den ersten paar Seiten des Grünbein-Buchs denkt man manchmal, dass da einer, der schreiben kann, noch eines dieser Bücher geschrieben hat, die man schreibt, wenn man ein Alter erreicht hat, in dem man die Welt gerne vor dem Hintergrund von ins Bedeutende umgedeuteten eigenen Jugenderinnerungen analysiert. Das tut Grünbein auch. Aber glücklicherweise ist er zu sehr Literat, zu sehr Poet und durchaus auch zu sehr Historiker, als dass aus seinen Oxford Lectures ein Mein-Deutschland-mein-Hitler-Büchlein geworden wäre.

Durs Grünbein: Jenseits der Literatur. Oxford Lectures. Suhrkamp, Berlin 2020. 176 Seiten, 24 Euro.

Deutlich wird Grünbeins analytische Kraft in der zweiten und in der dritten Vorlesung. In der einen widmet sich der Lecturer dem Oberthema "Autobahn"; in der anderen geht es im weiteren Sinne um den Luftkrieg. Im weiteren Sinne deswegen, weil das Interesse des Dresdners Grünbein vor allem den Auswirkungen der Bombenangriffe auf England und mehr noch auf Deutschland gilt, gerade auch, was sie für Geist und Psyche in der Kriegs- und Nachkriegszeit bedeutet haben.

Könnte man Hitler mit einem Kochlöffel erschlagen?

Ausführlich beschäftigt er sich mit W.G. Sebald, den er verehrt und der vor mehr als 20 Jahren ein beeindruckendes Buch über "Luftkrieg und Literatur" veröffentlicht hat. Sebald und Alexander Kluge sind für Grünbein nahezu die einzigen Autoren, die sich jenseits von "ein paar fassungslosen Floskeln der allgemeinen Erschütterung" in einer radikal analytischen Weise (Grünbein über Kluge) mit den Momenten, aber auch mit den Jahren von Tod und Feuer aus der Luft auseinander gesetzt haben.

Was Grünbeins Vorlesungen faszinierend macht, ist auch seine Assoziationskraft, scheinbar randständige Dinge in die große Erzählung einzuweben. Da spielt der SS-Gegnerforscher Franz Six, der im Falle einer erfolgreichen Invasion Englands Polizeichef in London hätte werden sollen, genauso eine Rolle wie die widerständige Tagebuchführerin Anna Haag, die sich im Mai 1942 fragt, ob man wohl Hitler mit einem Kochlöffel erschlagen könne. Grünbein hat über all diese Leute gelesen, und er hat mit diesem Wissen, diesen Erkenntnissen Aufsätze geschrieben, die in ihrer Subjektivität beste Geschichtsschreibung, aber eben auch die Verortung der eigenen Position gegenüber dieser Geschichte sind.

Natürlich sieht und zieht Grünbein auch immer wieder Parallelen zur heutigen Lage. Sein Faschismus-Begriff zum Beispiel scheint manchmal zu wenig differenziert zu sein, was auffällt, weil er sonst so differenziert argumentiert. (Vielleicht aber ist auch das ein Spezifikum der Nachkriegsgeneration, zumal angesichts ihrer unterschiedlichen Sozialisation in Deutschland- Ost und Deutschland-West.) Jedenfalls ist "Jenseits der Literatur" sehr lesenswert. Grünbeins Aufsätze gewordene Reden sind gute, weil stilistisch brillante Beispiele dafür, warum Literatur ohne Geschichte kaum denkbar ist.

Durs Grünbein: Jenseits der Literatur. Oxford Lectures. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 176 Seiten, 24 Euro.

© SZ/fxs
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