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"Dreiviertelmond" im Kino:Showdown in Nürnberg

Wenn im Taxi zwei Lebenswelten kollidieren, die unterschiedlicher kaum sein könnten - als grimmiger Chauffeur rettet Elmar Wepper "Dreiviertelmond" vor der Abfahrt ins Multikulti-Rührstück. Statt prototypischer Missverständnisse zwischen Deutschen und Türken geht es um die kluge Beobachtung der Völkerverständigung in einer ganz normalen Stadt wie Nürnberg.

Aus dem hektischen Durcheinander Istanbuls ins behäbige Franken - für die kleine Hayat (Mercan Türkoglu) könnte die Reise zur Großmutter im fremden Deutschland kaum weiter sein. So fest hat sich das türkische Mädchen an der heimischen Türklinke festgeklammert, dass ihre Mutter Gülen sie von der Tür abschrauben musste, um das Flugzeug pünktlich zu besteigen. "Danke", "Guten Tag" spricht sie nun mit traurigem Blick ihrer Mutter nach, die ihr - in Nürnberg angekommen - noch schnell einige deutsche Vokabeln beibringen will.

Themendienst Kino: Dreiviertelmond

Hartmut (Elmar Wepper, rechts) und Hayat (Mercan Türkoglu) in "Dreiviertelmond": die Geschichte ungleicher Kulturen.

(Foto: dapd)

Im Rückspiegel beobachtet der grimmige Taxifahrer Hartmut Mackowiak (Elmar Wepper) missmutig das Geschehen auf seiner Rückbank: "Bei uns sagt man nicht 'Guten Tag', sondern 'Grüß Gott'", unterbricht er die Türkin blaffend, und überhaupt sei das hier "nicht Bayern, sondern Franken". Als der Griesgram einem dunkelhäutigen Kollegen auch noch rüde eine Wegauskunft abschlägt, lernt Hayat noch ein neues Wort: "Nazi", zischt Gülen. Ihre Tochter plappert es arglos nach.

Schnell ist klar: In Mackowiaks Taxi kollidieren zwei Lebenswelten, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Deutsche und türkische Kultur, Alt und Jung, aufgeschlossen-modern und engstirnig-provinziell. Wenig später wird das kleine Mädchen erneut im Taxi auftauchen - diesmal allein und völlig hilflos.

Christian Zübert, in diesem Jahr mit zwei Grimme-Preisen ausgezeichnet - als Drehbuchautor für "Neue Vahr Süd" und als Regisseur für den Tatort "Nie wieder frei sein" - liefert mit seiner Tragikomödie "Dreiviertelmond" einen leisen Debattenbeitrag zu den Verständigungsproblemen zwischen Deutschen und Türken.

Das Drehbuch des gebürtigen Franken, der selbst mit einer Türkin verheiratet ist, basiert zum Teil auf eigenen Erfahrungen. Zübert weiß um die Unterschiede und Vorurteile auf beiden Seiten und ist klug genug, seine Geschichte nicht auf Kosten prototypischer Missverständnisse und vorhersehbarer Slapstick-Einlagen voranzutreiben.

Aus allen gewohnten Bahnen geschleudert

Er hat Elmar Wepper, der nach seiner vielfach preisgekrönten Darstellung in Doris Dörries "Kirschblüten - Hanami" erstmals wieder auf der Kinoleinwand zu sehen ist, die Rolle des misanthropischen Taxifahrers auf den Leib geschrieben.

Dessen wohlgeordnetes Leben wird aus allen gewohnten Bahnen geschleudert - nicht nur durch Hayat. Nach 35 Ehejahren hat seine Frau ihn verlassen. Wenn er sich nicht hinters Steuer seines Taxis flüchtet, hockt er mürrisch im leeren Einfamilienhaus und starrt auf die teure, nun aber sinnlose Einbauküche. Alles Fremde ist ihm ein Graus; den Tai- Chi-Kurs seiner Frau nennt er verächtlich "Ho Chi Minh".

Eines Abends sitzt plötzlich wieder Hayat auf seinem Rücksitz. Gülen, wegen eines Jobs verreist, hatte sie bei ihrer Großmutter gelassen, die nun im Koma liegt. Widerwillig nimmt er sich des Mädchens an und muss bald erkennen, dass seine Hilfe nicht einseitig bleibt. Das störrische Kind, das sich vertrauensvoll an ihn klammert, reißt ihn aus seiner Alltagsstarre.

Balance zwischen Sachlichkeit und Sorge

Obwohl die Geschichte von Hartmut und Hayat die Geschichte ungleicher Kulturen ist, vermeidet es Regisseur Christian Zübert, die Begegnung der Figuren als klischeebeladenen "culture clash" zu inszenieren. Vielmehr lebt "Dreiviertelmond" von den kleinen Gesten der Figuren - von Hartmuts Kampf mit dem Mädchen, das sich schreiend am Taxi festkrallt, als er sie zur Polizei bringen will, oder von seinem unbeholfenen Trostversuch, als sich Hayat weinend an sein Hosenbein klammert: "Ein Indianer kennt keinen Schmerz", murmelt er und klopft der Kleinen auf die Schulter.

Züberts Erzählung hält die Balance zwischen Hartmuts ruppiger Sachlichkeit und seiner Sorge um das Mädchen. Bald steht in der Getränkehalterung seines Taxis statt seiner Kaffeetasse ein Päckchen Capri-Sonne. Die Beobachtung solcher Details macht die Geschichte glaubwürdig. Schlussendlich gibt es auch keine großen Lebensweisheiten voneinander zu lernen, sondern die Freude an Nebensächlichkeiten: Der fränkische Taxifahrer kann Sonnenblumenkerne knacken wie ein anatolischer Großvater. Und das türkische Mädchen kennt alle bayerischen Schimpfwörter für den Straßenverkehr.

Fritz Wepper zum 70.

Karriere unter Nonnen