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Drama:Amour Fake

Isabel Coixet erzählt in ihrem Netflix-Film "Elisa und Marcela" von einer ungewöhnlichen Beziehung zwischen zwei Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts - nach einer wahren Begebenheit.

Diese Spanier sind immer so stur, so dickköpfig, so großmäulig, stöhnt der Untersuchungsrichter, und der Satz markiert die Wende in der Geschichte von "Elisa & Marcela", wie Isabel Coixet sie erzählt in ihrem neuen Film. Es wird lichter für die beiden und aufgeklärter, sie sind nach Portugal geflohen, weg aus dem dunklen, hinterwäldlerischen, bösen Spanien, hoffen nun auf ein Weiterkommen, in die neue Welt, nach Argentinien. Vorerst droht ihnen aber auch in Portugal eine Gerichtsverhandlung, wegen: Transvestitismus, Blasphemie, Urkundenfälschung. Die öffentliche Meinung aber fängt an, mit ihnen zu sympathisieren, zu absonderlich ist dieser Fall, es gibt Extrablätter, die Frauen drängen sich danach, sie im Gefängnis zu besuchen, bringen Geschenke für sie und Geld, um die Überfahrt zu bezahlen.

Die erste gleichgeschlechtliche Ehe, auf diese Formel wird Coixets Film gern provokativ verkürzt, seitdem er im Wettbewerb der Berlinale dieses Frühjahr lief, eine Ehe ganz am Anfang des 20. Jahrhunderts in einem galicischen Kaff. Der Film ist eine Netflix-Produktion, und mit ein wenig Provokation kann man ihn aus dem großen Dutzendware-Pulk des Streamingdienstes herausheben und mit einer kulturellen Aura versehen. Die Geschichte, inspiriert von einem tatsächlichen Geschehen, ist aber eher konfus und grotesk und geht so: Die Mädchen Elisa Sánchez Loriga und Marcela Gracia Ibeas lieben sich, sie lassen sich als Lehrerinnen anstellen in benachbarten Dörfern Galiciens, und um die Verdächtigungen und die anzüglichen Blicke der Dorfbewohner, der Frauen zumal, und die Anmache junger Burschen loszuwerden, entwickeln sie einen grotesken, blödsinnigen Plan. Elisa verschwindet aus dem Dorf - nach Havanna -, und nach einiger Zeit kommt sie als Mario wieder, in Männeranzug und mit einem lächerlich flaumigen Bärtchen über den Oberlippen. Sie werden getraut von einem alten Dorfpfarrer, aber der ist auch der Einzige, den sie mit ihrer Operation täuschen können. Die Nachfragen bleiben, werden bohrender, man will Marios Geschlecht sehen. Marcela wird schwanger, aber das genügt nicht, man will einen physischen, handgreiflichen Beweis seiner Männlichkeit.

Elisa & Marcela

Lust nistet auch an den Orten der Entsagung, etwa der Klosterschule: Natalia de Molina als Elisa und Greta Fernández als Marcela (von links).

(Foto: Netflix)

Der Film ist schwarz-weiß gedreht, manchmal von verwunschener Schönheit, und Schwarz-Weiß steht für Erotik, Romantik, Urwüchsigkeit oder - hin und wieder sind Einstellungen aus der Frühzeit der Kinematografie einmontiert - Authentizität. Begonnen hat es, wo solche Amour-fou-Geschichten oft ihren Anfang nehmen, in einer Klosterschule. Marcela ist die Neue, sie kommt verspätet zum Unterricht, war krank, nun weiß sie nicht recht, wohin, sie ist völlig durchnässt, es regnet heftig. Elisa hilft ihr, rubbelt sie ab, das Haar, den Rücken. Eitelkeit ist eure Schwäche, steht als Sinnspruch an der Wand. Sie bringt Marcela dann ins Klasszimmer, Marcela wartet nach dem Unterricht auf sie, die beiden reden über Gott und die Welt. Lust nistet auch an den Orten der Entsagung. Die Nonnen, sagt Elisa, sind wie alte Hexen, wie in einem Harem, wo alle um den Sultan buhlen, aber der Sultan kommt nicht ... Die Gedanken sind im Sprung: Ich glaube nicht an Gott. Ich glaube an alles, was in Bewegung ist ... Pferde, ich hätte gern ein Pferd.

Vergiss morgen deinen Schirm nicht, sagt Elisa. Aber am nächsten Morgen kommt Marcela wieder klatschnass daher.

Es ist ein schwankhaftes Liebesspiel, das sich entwickelt, wie im Decamerone und den großen Fantasien der Weltliteratur. Ein Hochzeitsfoto soll dann die Fiktion der beiden Mädchen begründen. Die Fotografie ist in der bürgerlichen Gesellschaft zum Dokument geworden. Das Verfahren der mechanischen Reproduktion selbst veranlasste die Modelle, nicht aus dem Augenblick heraus, sondern in ihn hinein zu leben, schrieb Walter Benjamin: ins Bild gleichsam hineinzuwachsen. Das Kino, das in der Zeit von Elisa und Marcela begann, hat die Debatte ums Dokumentarische dann erneut in Gang gesetzt, was ist Wahrheit, was ist Fake.

Verschämt wischt sich Elisa den angemalten, verschmierten Bart aus dem Gesicht

Das Foto von Mario und Marcela ist starr und ohne Leben, eine groteske Performance, absurd und amateurhaft, eine Travestie, auf billigem Niveau. Die Tollkühnheit ihres Unternehmens ist auf grausame Weise erstickt von den Zwängen, dem Rollenspiel der bürgerlichen Gesellschaft. Sie sind keine Verbrecherinnen, erklärt der Richter später, als er den Fall einordnen soll, nur dumme Frauen. Als sich Elisa endlich vor ihm zu ihrem Geschlecht bekennt, wischt sie sich verschämt den verschmierten Bart aus dem Gesicht, wie ein Lausbub in den Pauker-Nachkriegsklamotten.

Elisa & Marcela

Historisches Hochzeitsfoto: Marcela Gracia Ibeas und Elisa Sánchez Loriga.

(Foto: Public Domain)

"Elisa y Marcela" hat auf der Berlinale prompt für Trouble gesorgt, es gab einen Protestbrief der Kinoverleiher und -besitzer, weil Netflix den Film allein in Spanien ins Kino brachte, sonst nur per Streaming auswerten wollte. Ein Sammelbecken für den bemühten Arthouse-Spirit vergangener Jahrzehnte - das ist weder für Netflix noch für die Berlinale eine Perspektive. Ihren nächsten Film will Isabel Coixet für die dynamischen Brüder Almodóvar drehen.

Für Freiheit steht in diesem Film ein anderes Paar, der portugiesische Richter, der über das Schicksal der Mädchen entscheiden soll, und seine Frau, eine Schwarze, die Marcela und ihrem Kind hilft. Sie hockt bei ihrem Mann auf der Sessellehne, nimmt ihm die Zigarre aus den Fingern und macht selbst einen Zug.

Elisa y Marcela, Spanien 2019 - Regie, Buch: Isabel Coixet. Kamera: Jennifer Cox. Schnitt: Bernat Aragonés. Musik: Sofia Oriana . Mit: Natalia de Molina, Greta Fernández, Sara Casanovas, Tamar Novas:, María Pujalte, Francesc Orella. Netflix, ab 7. Juni.

© SZ vom 06.06.2019

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