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Don DeLillo im Interview:Die Angst vor dem nächsten Weltkrieg

Don DeLillo

Profunde Unlust am Plaudern: Don DeLillo.

(Foto: dpa)

Don DeLillo wird 80, er zählt zu den bedeutendsten Literaten der Welt. Seine Romane sind geprägt von einem paranoiden Grundgefühl. Nicht seine Schuld, sagt DeLillo im Gespräch.

Der Schriftsteller Don DeLillo wird 80 im November. Die Möglichkeit, dass der Präsident der Vereinigten Staaten dann unter Umständen Donald Trump heißen könnte, mag er aber genauso wenig kommentieren wie den Geburtstag selber. Nicht dass er etwas gegen das Älterwerden habe, er feiere nur einfach keine Geburtstage. Fertig.

Don DeLillo mag eigentlich generell kaum etwas anderes kommentieren als die Charaktere, die er sich für seinen letzten Roman ausgedacht hat. Und auch dabei hat man das Gefühl, dass letztlich eine profunde Unlust am Plaudern zu der leicht säuerlichen Knackigkeit führt, für die DeLillos Sprache so weltberühmt ist.

Ein paranoides Grundgefühl angesichts der nahen Zukunft

Der neue Roman jedenfalls heißt "Null K", handelt von reichen Menschen, die sich inmitten einer in Terror und Krieg versackenden Welt freiwillig vor der Zeit tieffrieren lassen, um später einem ewigen Leben entgegenzugehen. Der Roman, diese Woche auf deutsch erschienen, ist der Anlass für das Gespräch. Der Schriftsteller hat dazu in die Räume seiner Literaturagentur auf der Upper East Side in New York geladen. Er sitzt da auf dem Sofa wie ein zufällig rein geratener Rentner aus der Bronx, der möglichst nicht wie einer der bedeutendsten und bewundertsten Literaten der Welt wahrgenommen werden will. Dabei wohnt er tatsächlich gar nicht weit von hier. Nach vielen Jahren auf dem Land ist DeLillo vor einiger Zeit zurück in die Stadt gezogen. Er habe den Verkehr vermisst, sagt er knurrig mit Blick auf das Chaos um elf Uhr vormittags auf der Upper East Side. "Und den Baustellenlärm."

In der Tat legt sich durchgängig das Geknatter eines Presslufthammers über das Gespräch, passt aber mit der Zeit, wie ein Generalbass, erstaunlich gut zu DeLillos angenehm störrischer Stimmung. Die Charaktere seiner früheren Romane? Habe er zum großen Teil vergessen (Das ist insofern eine Leistung eigenen Rechts, als DeLillo nun wirklich absolut unvergessliche Figuren geschaffen hat: den Hitler-Forscher, der kein Deutsch kann, in "Weißes Rauschen" nur mal zum Beispiel. Oder, in "Cosmopolis", das zynische Start-up-Arschloch, das einen ganzen Roman lang in einer gepanzerten Limousine durch ein chaotisches Katastrophen-New York seiner Vernichtung entgegenfährt). Die klugen, geradezu philosophischen Bilder, die manchmal aufblitzen? Reiner Zufall und keinesfalls Absicht. Das paranoide Grundgefühl in seinen Romanen? Nicht seine Schuld, sondern die der uns umgebenden Kultur. Und das paranoide Grundgefühl angesichts der nahen Zukunft, die Angst vor dem nächsten Weltkrieg? Sei gar nicht paranoid, sondern realistisch.

Immerhin ist er nicht beleidigt, wenn man sagt, dass seine dunkle Prosa durchaus erheiternde Wirkung haben kann, dass man also, tja, ziemlich oft ziemlich heftig lachen muss beim Lesen.

Auf die Frage aber, was er denn sagen würde, wenn das Nobelpreiskomitee sich eines Tages doch noch auf ihn besänne, kommt nichts. Nur ein genervter Blick, eine Art Seufzen und ein Abwinken. Wenn nur alle immer so konzise formulieren könnten.

© SZ.de/doer

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